Ein weiteres Mal ist es dem bewährten Team des Verlages Natur + Text gelungen, ein sehr sehenswertes und interessantes Buch zu einer aus Naturschutzsicht bedeutenden Region Deutschlands herauszubringen. Im Format und Aussehen passt es exakt in die bereits im gleichen Verlag erschienene Reihe zu den fünf deutschen Buchenwald-Weltnaturerbe-Gebieten. Thematisch ist das Buch eingeschränkt auf Vogelarten im Harz, und es sei vorweggenommen, es ist auch keine vollständige Darstellung der Ornithofauna des Harzes, was aber wohl auch nicht Ziel der Autoren war. Die Darstellungen zu den behandelten Vogelarten umfassen im Übrigen den ganzen Harz und nicht nur den Nationalpark Harz.Die beiden Autoren sind langjährige, profunde Kenner des Harzes und es ist ihnen gemeinsam mit dem Verlag gelungen, die Vogelwelt dieses faszinierenden Gebirges einmal ganz anders vorzustellen als man das bei dem Buchtitel erwarten würde. Etwa 50 Arten werden einzeln oder zusammengefasst in kleinen Gruppen hinsichtlich der Entwicklung ihrer Vorkommen über die Zeiten dargestellt, immer ist eine sehr treffende Vorzeile der Kapitelüberschrift vorangestellt. Da geht es um typische und besonders häufige Arten der verschiedenen Lebensräume des Harzes ebenso wie um Geschichten über die Wiederbesiedlung durch verschiedene, bereits einmal im Gebiet ausgestorbene Arten, die „freiwillig“ oder auch mit Hilfe in den Harz zurückgefunden haben. Auch außerordentliche Besonderheiten, die nur zur Zugzeit – manchmal nur ganz selten – den Harz und vor allem den Brockengipfel streifen, finden hier Platz wie die nordische Sperbereule oder der Mornell-Regenpfeifer.Alle diese Kapitel zu den Vogelarten des Harzes sind keine rein wissenschaftlichen Darstellungen, sondern sehr unterhaltsam und informativ geschrieben. Aber viele historische und aktuelle Quellen werden dennoch wissenschaftlich exakt „verarbeitet“ und mit eigenen Erkenntnissen verknüpft.Sehr interessant sind auch die kurzen, den Abschnitten zu den einzelnen Arten vorangestellten Kapitel zu einigen Hauptlebensräumen des Harzes, den Wäldern, den Gewässern und den Wiesen, die von weiteren Co-Autoren bearbeitet wurde. Auch die ganz aktuellen Vorgänge des massiven Waldsterbens – hier vor allem der für den Harz über lange Zeit typischen Fichten- Monokulturen - werden in ihrer ganzen Problematik, aber auch in der Chance zu einer künftigen Entwicklung naturnaher Mischwaldbestände dargestellt.Und was wäre ein Buch des Verlages Natur + Text, wäre es nicht auch großzügig mit Fotos in unterschiedlichen, aber meist größeren Formaten ausgestattet. Und in diesem Buch sind es nicht nur viele hervorragende Fotos der beiden Hauptautoren wie auch weiterer Fotografen, sondern auch einige wunderschöne Abbildungen von Gemälden und Aquarellen aus Landschaft und Vogelwelt, von denen mich das Gemälde eines fliegenden Uhus von Hans Christoph Kappel besonders fasziniert hat. Qualität der Fotos und der Druck des Buches insgesamt sind sehr gut. Die Montage eines Schwarzstorches auf dem schönen Titelfoto mag da zunächst etwas „Effekthascherei“ vortäuschen, aber das wiederholt sich im Buch an keiner Stelle.Dieses Buch sei nicht nur jedem Freund der Natur des Harzes und seiner beeindruckenden Landschaften anempfohlen, es ist auch einfach schön und unterhaltsam zu lesen.
Manchmal sind es Untertitel, die für Diskussionen sorgen. „Vögel im Harz: Artenreichtum eines kleinen Gebirges“ betiteln Egbert Günther und Dr. Bernd Nicolai. Das klein zeigt, welche Arten-Vielfalt es da auf dieser relativ beschränkten Fläche gibt. Von der Alpenbraunelle, über Fitis, Haubenmeise, Mornell und Sperbereule bis zum Sterntaucher, Wendehals und dem Zilpzalp stellen die beiden hochgeschätzen Ornithologen 83 Harzer Vögel vor. Sie belegen, der Harz besitzt eine überaus artenreiche Vogelwelt. Einige Arten haben im Harz fernab der Hochgebirge, isolierte Vorkommen entwickelt, andere verweilen hier auf ihrem Zug zwischen Überwinterungs- und arktischen Brutgebieten.Günther (67) und Nicolai (70) füllen mit ihrem liebevoll editierten Band aus dem Verlag „Natur+Text“ eine große Lücke: Harz mit Goethe, Heine, Schlössern, Wanderpisten und natürlich Hexen gibt es, aber an Naturpublikationen jenseits der Steine fehlt es. Was das 160seitige, über vier Jahre entstandene Buch auszeichnet, das ist das Gefühl, fast direkt mit den beiden Autoren unterwegs zu sein; nichts Abgeschriebenes, keine Online-Recherche und immer wieder ganz konkrete Quellen. Die Halberstädter Egbert Günther und Bernd Nicolai belegen beinah jedes Zwitschern und Rufen mit den Autoren, die es gehört und erforscht haben. Darunter sind heimische „Kapazitäten“ wie die Doktoren Joachim Hansel und Helmut König, Michael Hellmann mit seinen Brocken-Beobachtungen und Martin Wadewitz, der sich mit Uhus und Grünlaubsänger auskennt, aber auch Ubbo und Kerstin Mammen und honorige Experten aus dem Westharz wie Vater und Sohn Knolle oder Herwig Zang.Kein Ornithologen-Buch , was sie zusammengetragen haben, kann jeder Normalsterbliche ohne Überforderung lesen. Und Neues erfahren, beispielsweise dass nur der Kuckuck behaarte Raupen frisst.Gelegentlich locker formuliert, aber fachlich stets sauber und informativ schauen die Vogelforscher nicht nur in Nester und Höhlen. Experten aus der Region ordnen ergänzend die Lebensräume der Harzer Vogelwelt zwischen Bergwiesen, Wäldern und Wasserflächen ein.Das Autoren-Duo singt dabei nicht das globale Lied vom großen Vogelsterben. Ganz im Gegenteil, es gebe Erfolgsgeschichten, zahlreiche Arten hätten sich (wieder)angesiedelt und in ihrer Population ausgedehnt. Baumbrütende Mauersegler, nirgends gibt es in Deutschland so viele wie im Harz, ziehen Beobachter in die Hangwälder des Bode-Selke-Tals. Einige Erstnachweise wie 2017 des Zitronenzeisigs, der am Brocken mausert, gelten gar als kleine Sensation. Jedoch wirft Bernd Nicolai bei allem Vordringen von Schwarzstorch, Uhu oder Wanderfalken und Kolkraben durchaus einen abschließenden kritischen Blick auf die Bestände. Es seien nicht nur die Fichtenforste, die aussterben und nicht jedem Laubbaum gehe es gut. Mit schwindenden Fichten reduzieren sich Tannenmeise und Wintergoldhähnchen, mit neu angepflanzten Baumarten wie der Douglasie könnten heimische Spechte nichts anfangen.Was „Vögel im Harz“ besonders sehenswert macht: Selten vereint ein Buch solche erlesenen Fotos wie die vom Magdeburger Senior der Vogelfotografie Hermann Schütte und zahlreichen Harzvogel-Kennern wie Frank Weihe, Michael Hellmann oder Uwe Nielitz. Die wären ergänzt mit den Zeichnungen der zweijährlichen Ausstellung des Museums Heineanum „Moderner Vogelbilder“ allein schon einen Bildband wert!