Wenn man sich an den Schreibstil gewöhnt hat, ist es einem möglich in das Geschehen einsteigen. In einer fast schon anekdotenhaften Art und Weise steigt man an einer Stelle ein, welche - wie man im Verlauf des Buches feststellt - sich in der Mitte des Romans findet. Meines Erachtens nach ist Ursula die eigentliche Hauptfigur, wenn man von den als Geistern weiter existierenden Toten absieht. Diese sowie ihr Ehemann bilden den Anfang des Romans. Die Auswanderung und Gründung ihrer kleinen Siedlung im Nirgendwo beginnt als Neuanfang in seiner eigentümlichen Ruhe und Abgeschiedenheit von der Welt. Sobald diese jedoch in diese Einsamkeit eindringt, beginnt nach einem rasanten Aufstieg ein Hin und Her, welches schließlich in der Auslöschung des Ortes sowie der zentralen Familie der Buendias mündet. Man verfolgt die Lebensgeschichten einiger Familienmitglieder. Dies ist nicht immer einfach, weil deren Namen sich häufig wiederholen (nur bei den Frauen ist es etwas einfacher). Einige Geschichten sind sehr abstrus, andere wirken bodenständig und erschreckend. Durch alles ziehen sich immer die gleichen Motive - und diese haben nicht nur mit Einsamkeit wie im Titel zu tun. Es geht um Sehnsucht nach Liebe, Gemeinschaft und Anerkennung. Dies findet sich in beruflichen oder wissenschaftlichen Bereichen. Aber im Speziellen dreht sich alles um die Familie. Diese ist der Halt, das Zentrum, aber auch der Kern der Einsamkeit und des Unterganges.Sprachlich ist dieses Werk intensiv. Der Stil wirkt abweisend und kühl. Man wird distanziert als Leser und schafft es meist nicht, sich den Figuren weiter zu nähern als bis auf Sichtweite. Episodenhaft, unemotional und wenig detailliert bezüglich Mimik, Gestik und Emotionen. Dies macht es einem Leser schwer, bildet jedoch zugleich den Reiz dieses Buches. 4 Sterne.
Manche sehen "Hundert Jahre Einsamkeit" als Spiegel der lateinamerikanischen Gesellschaft. Man könnte das Werk auch als gigantomanisch angelegtes Fresko menschlicher Existenz überhaupt lesen. Temporäre und lokale Zyklen von Aufbau und Zerstörung reihen sich aneinander zum großen Kreislauf des Werdens und - schließlich endgültigen - Vergehens.Die Einsamkeit scheint der Autor der menschlichen Grundverfassung eingeschrieben zu sehen. Sie hat so viele Gesichter wie die Sippe der Buendías in dieser Geschichte Kinder, Kindeskinder, Tanten und Cousins hat. Sie oszilliert zwischen gieriger Lebenslust und Lebensverweigerung. Am Ende mündet sie für fast jede und jeden Buendía in die Depression des Rückzugs oder die Destruktion der Gewalt.Gabriel García Marquez breitet das Generationen-Panorama der Familie in grellen Farben und traumartig verstörenden Bildern aus. Da weint ein Fötus im Mutterleib, so dass der künftige Vater es hören kann. Da mäandert das Blut des Ermordeten durch die Gassen und Höfe der Stadt bis zur Türschwelle der Mutter. Da verblasst eine kapriziöse junge Frau bis zu dem Punkt, an dem sie mitsamt der Bettlaken gegen Himmel fährt. Man kann "Hundert Jahre Einsamkeit" verschlingen wie einen trashigen Page-Turner. Sensible LeserInnen werden aber zunehmend den mächtigen Tiefbau dieser Geschichte, den Reichtum an Bezügen in all ihren bunten und oft schreiend komischen Bildern gewahren. Ich glaube, dieser Roman war die Art des Autors zu schreien angesichts der unentrinnbaren Zyklen der Destruktiven im menschlichen Sein.