Swann hat Odette geheiratet und sich damit ins gesellschaftliche Abseits gestellt. Die Bühne des Hochadels, auf der er einst meisterhaft brillierte, bleibt ihm fortan verschlossen, was ihn selber äußerlich kalt lässt, seine Frau jedoch zu strategischer Höchstleistung anspornt: Odette gelingt es innerhalb kurzer Zeit, sich eigene Kreise zu erschließen, die zwar unter dem Stand ihres Mannes, aber weit über ihrem eigenen stehen. Wie ein Schachspieler setzt sie bestehende Kontakte ein, um neue zu knüpfen, nutzt Mund-zu-Mund-Propaganda, um sich interessant zu machen und Bedürfnisse bei anderen zu wecken.Proust schildert diesen jähen Fall und zielstrebigen Aufstieg aus der Sicht seines jüngeren Ich, das mit Swanns Tochter befreundet ist und sich sehnlichst den Zutritt zu Swanns Familie wünscht. Am Ende wird er diesen bekommen und damit selber zum Teil von Madame Swanns weit vorausschauendem gesellschaftlichem Schachspiel.Der erste Teil von „Im Umkreis von Madame Swann“ ist ganz den komplizierten Mechanismen der gesellschaftlichen Hierarchien gewidmet, in denen sich die Protagonisten ihre Position erkämpfen. Die Atmosphäre aus Dünkel, Gefallsucht, Angst vor dem Abstieg und mit Eleganz vorgetragener Gehässigkeit erinnert manchmal an einen Raubtierkäfig, bei dem die Löwen Smoking tragen. Stéphane Heuet hat auch diesen Band mit großer Präzision gezeichnet und dem Paris des Fin de Siècle eine atmosphärisch dichte Gestalt gegeben. Wie in den vorangegangenen Bänden steht Prousts Text im Mittelpunkt, mit zahlreichen Textboxen, die in kondensierter Form Prousts Stil bewahren, ohne sich zu sehr in den ausufernden Schilderungen zu verfangen. Auch die Graphic Novel hat ein hohes intellektuelles Niveau und die Übersetzung von Anja Kootz orientiert sich nicht zufällig an der maßgebenden Übersetzung des Originaltextes aus dem Suhrkamp Verlag.Ob Stéphane Heuet sein Mega-Projekt jemals vollenden wird, steht derzeit noch in den Sternen. Bisher hat er ungefähr 10 Jahre Verspätung, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. Von Bedeutung ist das nicht unbedingt, denn die Geschichte hat kein eigentliches Ziel, sondern ihr Reiz liegt in der psychologischen Beschreibung der inneren Zirkel der Pariser Gesellschaft. Auch Proust hat das Werk ja nie vollendet und es findet trotzdem immer noch seine Leser. Das wird Stéphane Heuet genauso gehen. Seine Fassung ist sozusagen das Reader’s Digest mit Schauwerten.(Dieses Buch wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Auf meine Rezension wurde kein Einfluss genommen, der Inhalt stellt meine persönliche Meinung dar.)
„Meine Mutter jedoch verstand das sehr gut; sie wusste, dass ein großer Teil des Vergnügens, das eine Frau daran findet, in ein anderes Milieu als ihr bisheriges einzudringen, ihr abgehen würde, wenn sie nicht ihre alten Bekanntschaften von den verhältnismäßig glänzenden Beziehungen, die an ihre Stelle getreten sind, in Kenntnis setzen könnte.“ (Zitat Seite 41)InhaltMarcel erinnert sich an seinen ersten Theaterbesuch. Mit seiner Großmutter sah er eine Aufführung mit der berühmten Schauspielerin Mme Berma als Phädra. Im Mittelpunkt dieses fünften Buches der Umsetzung des Werkes von Proust als Graphic Novel steht jedoch der kultivierte Herr Swann, der frühere Freund von Marcels Eltern, der durch seine Ehe mit Odette auf seinen gesellschaftlichen Status verzichtet hatte und vor allem das Mädchen Gilberte, die Tochter des Paares. Denn Marcel ist in Gilberte verliebt. Auch die gesellschaftspolitischen Schwerpunkte, die der junge Marcel sehr genau beobachtet und den vielen Gesprächen mit seinen Eltern und deren Gästen entnimmt, sind hier grafisch und textlich umgesetzt.Thema1998 begann der französische Autor und Zeichner Stéphane Heuet, fasziniert vom Originalwerk von Marcel Proust, an einer Comic-Adaption zu arbeiten. Inzwischen liegen sieben Bücher auch in einer deutschen Ausgabe vor.UmsetzungDiese Graphic Novel orientiert sich an den Bänden 1 und 2 des Werkes „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust. Auch in dieser Graphic Novel überzeugt Stéphane Heuet durch die Auswahl der Themen und Szenen und gibt es ein interessantes Zeitbild der gehobenen Gesellschaft des Fin de siècle in Frankreich. Der Stil der Zeichnungen passt in diese Zeit, die Vorbilder sind die Impressionisten, vor allem die Sammlungen des Musée d’Orsay, die jedoch im Stil der Ligne claire umgesetzt werden.FazitAuch dieser fünfte Band der Graphic Novel nach „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust macht viel Freude und überzeugt.
Im Interieur meiner Buchbesprechung gesellen sich zu der Graphic Novel (2020) Ausgabe “Im Schatten junger Mädchenblüte“: Marcel Proust’ großes Werk, “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“(1913–1927), James Joyces 18 Episoden eines einzigen Tages, “Ulysses“ (1922) und Robert Musils “Der Mann ohne Eigenschaften“ (1930–43). Sigmund Freuds frühe Schriften könnten auch im Regal stehen, auf jeden Fall Werke des französischen Philo-sophen Henri Bergson.Sehen Sie es mir nach, wenn ich Sie langweile, Ihr Interesse ermatte. Doch damit lenke Ihre Aufmerksamkeit nur vom Buchstabenfeld der gedruckten Schrift der vielen Wörter auf die unterhaltsamen Bilderseiten mit den subtilen Sprechblasen und gewissenhaften Rahmentexte.Dieses graphische Nacherzählen durch das Medium des Bildes erschließt das Epische durch das Situative geglückt, dank Stéphane Heuets Kunstwerk.