So habe ich Marianne Williamson noch nicht erlebt! Ich kenne sie seit über zwanzig Jahren aus ihren Büchern und Vorträgen als begnadete spirituelle Lehrerin und vitale, funkensprühende Botschafterin des „Kurs in Wundern“ (Greuthof-Verlag), dessen einfachen, aber von unseren gewohnten Denkmustern in uralter Streitlust bekämpften INHALT sie mit tiefem, liebevollem Verständnis und dabei immer bodenständig und nah am alltäglichen Erleben vermittelt.Das alles trifft auch auf ihr Buch über den Schmerz zu, aber etwas ist doch ganz anders: man erlebt eine leisere, ernstere, bedächtigere Autorin, der ein großer Respekt vor einem Bereich des Lebens anzumerken ist, den wir alle am liebsten gar nicht anschauen würden: gemeint ist das dunkle Areal der Seele, wo wir Schmerz, Leid und Traurigkeit erleben.Gleichwohl gelingt es Marianne Williamson auch in diesem Buch mit der Strahlkraft ihres eigenen Überzeugtseins den INHALT des „Kurs in Wundern“ und damit die Botschaft jedes spirituellen Denkens zu vermitteln: Du hast zu jedem Zeitpunkt deines Lebens die Wahl, ob du dich von der Angst oder von der Liebe leiten lassen willst.Zwei Leitfäden durchziehen ihr Buch: der eine ist ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, der Traurigkeit wieder Raum zu geben und sie nicht weiter in Diagnosen zu verstecken, sie mit chemischen Mitteln zu unterdrücken und gesellschaftlich als störend zu ächten.Anhand von Beispielen dreier in eine „Depression“ geratener Menschen zeigt sie eindrucksvoll auf, wie eine andere Betrachtungsweise der Traurigkeit deren notwendige Funktion auf dem Weg zur Freude und zum Wiedererkennen des wahren, in Gott geborgenen und ewig geliebten Selbst würdigt und sie zum Tor werden lässt in ein höheres Bewusstsein.Wer ist ein guter Heiler? Derjenige, der sich selbst nicht ausnimmt und sich nicht überhebt über die, die geheilt werden wollen. Das dritte Beispiel, das Marianne Williamson wählt, ist sie selbst. Offenherzig erzählt sie von einem Jahr ihres Lebens, in dem sie in eben jene Traurigkeit geraten war, von der sie hier spricht. Sie hatte Glück und wurde von verständigen Menschen begleitet. Eine Freundin sagt zu ihr in dieser Zeit: „Du wirst es jetzt nicht glauben, Marianne, aber eines Tages wirst du darauf zurückblicken und es als ein gutes Jahr ansehen.“ Das „Gute“ dieser Begegnung mit dem Leid ist das eigentliche Thema des Buchs:Die Botschaft, die sie der Traurigkeit entgegenhält, spricht nicht von deren Unterdrückung, sondern von ihrer Heilung, und dies ist der zweite Leitfaden des Buchs: Wir müssen die Traurigkeit, die in der Tiefe immer darin wurzelt, hier in dieser Welt nicht oder nur selten als das angesehen und geliebt zu werden, was wir wirklich SIND, zulassen, um sie an eine KRAFT übergeben zu können, in der keine Traurigkeit Bestand haben kann und keine Angst und DIE uns immer als das anspricht, was wir in WAHRHEIT SIND, weil sie unseren eigenen Zweifel nicht unterstützt.„Wir können dieser Kraft viele Namen geben (einer davon ist Heiliger Geist), aber wir können uns nicht vergeblich an sie wenden“, ist einer der Sätze, die von dieser Kraft durchdrungen sind und „Wir können Gott nicht um das „Wunder“ bitten, dass die Dinge so passieren, wie wir es haben wollen; das Wunder findet statt, wenn wir über die Dinge so DENKEN, wie Gott es gerne hätte“.Gott „hätte gerne“, dass wir IN LIEBE auf die Dinge und auch auf unserer Traurigkeit schauen und an die Kraft des Wunders glauben, die die „Dunkelheit transformieren kann“ statt dass wir sie ignorieren, unterdrücken und deshalb fürchten müssen.Die Welt aber, „so wie wir sie kennen, ist rund um die Leugnung einer spirituellen Sicht organisiert, sie behandelt den Körper als real und den reinen Geist als Fantasie“.Vergebung ist der Schlüssel, um von der einen Sicht in die andere geführt zu werden: „In jedem Moment in dem wir vergeben, erwachen wir aus unserem Leiden. In jedem Moment, in dem wir vergeben, trocknet eine weitere Träne“.So ist dies Buch auch und vielleicht vor allem ein Plädoyer für die Mitmenschlichkeit, für die Nächstenliebe. Wir sollten es nicht als unsere Aufgabe ansehen, die Liebe zu suchen, sondern vielmehr die Barrieren aufzuspüren, „die wir errichten, damit sie nicht (zu uns) kommen kann“. Die größte Barriere ist die, vom anderen Liebe zu erwarten statt in Liebe auf ihn schauen zu lernen und damit dem Wunder der ewigen VERBINDUNG mit jedem "anderen" Raum zu geben. Dieses Wunder heilt jeden Schmerz.In dem Kapitel über Beziehungen, in denen unser Suchen und Finden sich ereignet, gibt es diese erstaunliche Stelle über „Intimität“:„Die Vorstellung von der einen, exklusiven Beziehung … über eine einzige Person zur Ganzheit zu finden, wirkt … der Intimität entgegen. Denn was könnte intimer sein, als dass wir (erkennen, dass wir) die oder der andere SIND? Intimität ist nicht etwas, das wir zu erschaffen versuchen; Intimität ist etwas, das wir als schon vollbracht akzeptieren müssen“.Vermittelt sich durch solch einen Wechsel aus der körperlichen in die geistige Perspektive die Alternative im Umgang mit Traurigkeit? Diese Frage wird sich jeder Leser selbst beantworten müssen, ich kann nur meine herzliche Empfehlung aussprechen, sich diesen Gedanken offen auszusetzen. Niemand muss übernehmen, was er nicht in sich selbst als Wahrheit findet!Drei Kapitel am Ende des Buches sind Buddha, Moses und Jesus gewidmet als Beispiele einzelner Menschen, die den Weg der Wunder gingen. Sie bekräftigen das Credo der Autorin, dass in der Geschichte der Menschheit dieselben „spirituellen Prinzipien“ stets mitgeführt und erzählt worden sind, Prinzipien, die einen Weg gewiesen habe aus der Traurigkeit der verlorenen Unschuld des Körpers in die ewige Unschuld des Geistes.„Die Unschuld jener, die nicht genug von der Welt gesehen haben, um etwas anderes als Licht zu kennen, hat ihre Schönheit. Noch größer ist die Schönheit der Unschuld jener, die so viel von der Welt gesehen haben, dass sie die Dunkelheit geschaut und doch das Licht gewählt haben. Es ist wichtig, dass wir uns selbst dann, wenn wir das Gefühl haben, uns von Gott abgewandt zu haben, daran erinnern, das Er sich von uns nicht abgewandt hat.“Auch am Ende der Lektüre bin ich noch beeindruckt von der Ernsthaftigkeit Marianne Williamsons, der Eindrücklichkeit, mit der sie hier spricht und ihrem Respekt vor dem Leid. Den Traurigsten unter uns, die keinerlei Perspektive für ihr Leben mehr zu haben glauben, gibt sie mit auf den Weg: „Vielleicht können Sie keine Zukunft mehr vor sich sehen, aber sie existiert im Geist Gottes“. Und man spürt, dass dies für sie keine leere Formel ist, sondern aus gewachsener, lebendiger Überzeugung kommt.Marianne Williamson hat wieder ein großes Buch geschrieben über die Macht unseres Geistes, der in der Lage ist, das Göttliche einzuladen, uns von jedem Schmerz zu heilen.Danke, Marianne, für dieses Buch!Michael Feuser