Second Horizon ist ein Roman von E. F. von Hainwald und eine Mischung aus Cyberpunk und Dark Fantasy.Die Handlung folgt den Erlebnissen von Wolf, einem Mann, der im Körper eines humanoiden Wolfs gefangen ist und ständig mit der Bestie in ihm kämpft, und Babe, einer Frau, die im Prolog buchstäblich vom Himmel fällt.Die beiden leben in der fernen Zukunft in der im Himalaja gelegenen Megacity Neo-Lhasa. Die Menschheit ist inzwischen in zwei Gruppen geteilt, den Schwarm des vereinigten Erd-Kombinats und die Individualisten (kurz auch Indies genannt).Die Mitglieder des Schwarms haben einen durchgeplanten Alltag. Jeder hat eine ihm zugewiesene Aufgabe, alles ist auf maximale Effizienz und Fortschritt als oberstes Ziel ausgerichtet, absolut nichts wird verschwendet. Alle sind gleich, die Verantwortung wird den Gebildeten überlassen.Wolf und Babe gehören zu den Indies. Diese leben in Neo-Lhasa in einer eigenen Siedlung auf dem Dach einer Recycling-Fabrik und sind so vielgestaltig, wie es nur geht. Viele haben cybermagische Prothesen und biomagische Körpermodifikationen. Im Gegenzug für diese maximale Individualität kommen die Indies allerdings nicht in den Genuss von so etwas wie einer Krankenversicherung.Wolf und Babe verdienen ihren Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs, die nicht unbedingt legal sind. So bekommen sie im Lauf der Handlung den Auftrag, Informationen aus den Datenbanken einer Firma des Kombinats zu stehlen. Dabei helfen ihnen Tonie, ein/e Hacker/in (er/sie fühlt sich mal männlich und mal weiblich) und Elian, ein Exorzist, der für seine Fähigkeiten die Macht des Glaubens nutzt.Zunächst scheint auch alles gut zu laufen. Doch bei ihrer Suche nach den gewünschten Informationen stoßen sie auch auf Dinge, durch die sie nicht nur die Sicherheitskräfte des Kombinats auf sich aufmerksam machen, sondern auch die Engel, mächtige Wesen, die vor langer Zeit von der Menschheit erschaffen wurden.Der Autor nimmt sich im Verhältnis zur relativen Kürze des Romans erst einmal ziemlich viel Zeit, um die Welt und die beiden Protagonisten Babe und Wolf vorzustellen. Dadurch dauert es eine ganze Weile, bis es richtig spannend wird. Im späteren Verlauf fand ich die Handlung aber durchgehend spannend. Auch ein paar Kampfszenen kommen im Lauf der Handlung vor, die ich ebenfalls spannend geschrieben finde.Der Genremischung entsprechend nutzen die Menschen eine Mischung aus Technologie inklusive Biotechnologie und nordischen Runen. Letztere sind quasi allgegenwärtig, auf Gebäuden, Geräten, Kleidung und sogar als Tätowierung und haben eine ihrer Bedeutung entsprechende magische Wirkung. Ein häufig vorkommendes Beispiel sind Kenaz-Runen, die als Lichtquellen eingesetzt werden. Hinten im Buch ist eine Liste mit allen Runen des älteren Futark zu finden, wobei nicht alle davon während der Handlung vorkommen.Die meisten Engel, die alle die Verkörperung eines bestimmten Konzeptes sind, entsprechen nur insofern den üblichen Vorstellungen, dass sie humanoid sind und große Flügel auf dem Rücken haben. Ansonsten entsprechen die meisten nicht einmal optisch dem üblichen Bild. Einige der vorkommenden Engel finde ich sogar verdammt gruselig, allen voran den sogenannten Engel der Liebe, der wirklich gar nichts mit Amor gemeinsam hat.Die Handlung wird abwechselnd aus der Sicht von Babe und Wolf erzählt, wobei manchmal auch mitten in einem Kapitel die Erzählperspektive wechselt, wenn sie sich am selben Ort befinden, ohne dass es wenigstens durch eine Leerzeile gekennzeichnet ist. Das fand ich manchmal etwas verwirrend, auch wenn auch in solchen Fällen immer schnell klar wird, dass die Perspektive gewechselt hat.Die Hauptcharaktere finde ich gut ausgearbeitet und originell, besonders Wolf ist auch ziemlich vielschichtig. Die beiden haben einen derben Humor und benutzen ziemlich oft vulgäre Ausdrücke. Die Beschreibungen der Charaktere, der Umgebung und des Geschehens sind oft sehr bildhaft und detailliert, so dass ich mir immer alles gut vorstellen konnte.Manche Angaben zur Gesellschaft und ihren Regeln scheinen mir aber etwas widersprüchlich zu sein oder ich habe sie nicht verstanden. Insgesamt ist der Schreibstil flüssig und angenehm, aber ich bin ein paar Mal über offensichtliche Überbleibsel einer Überarbeitung gestolpert. Außerdem gibt es zwischendurch immer wieder einzelne Sätze, die ich etwas holprig und teils missverständlich formuliert finde.Ich fand Second Horizon allerdings auch überraschend tiefgründig, zum Beispiel wenn es um das Wesen der Freiheit, den Sinn des Lebens und die Macht des Glaubens geht (womit nicht nur religiöser Glaube gemeint ist, sondern der Glaube an Ideologien jeder Art).Auch künstlerisch ist Second Horizon schön. Das fängt schon beim Titelbild mit den schwarzen Flügeln und den zu leuchten scheinenden geometrischen Mustern und Linien, die Transistorlinien ähneln, vor dem schwarzen Hintergrund an, das gut zur Handlung passt. Im Buch befinden sich auf manchen Seiten Zeichnungen von Babe, Wolf, Elian, vermutlich dem Gesicht von Tonie, von Gebäuden und anderem. Die Handlung ist in mehrere größere Abschnitte mit jeweils eigenem Titel geteilt. Die Titelseiten sind mit verschiedenen geometrischen Mustern verziert, die ich auch ansprechend finde. Die Titel der Abschnitte sind immer mehr oder weniger zum Inhalt passende lateinische Wörter, auch diese Idee finde ich nett, da ich selbst Latein kann.Die einzelnen Kapitel haben selbst keine Titel und sind nur durchnummeriert, ebenfalls auf Latein, aber nicht mit den bekannten römischen Zahlzeichen, sondern mit den entsprechenden Zahlwörtern. Finde ich auch nett und passt zu den lateinischen Abschnitttiteln. Da ich wie gesagt selbst Latein kann, sind mir allerdings ein paar Fehler aufgefallen. Vielleicht wäre es also besser gewesen, doch nur die Zahlzeichen zu nehmen.Insgesamt hat mir Second Horizon gut gefallen und ich empfehle es vor allem älteren Jugendlichen und Erwachsenen, die Dark Fantasy und Cyberpunk sowie tiefgründige Geschichten mögen.
Jede einzelne Geschichte, die E.F. v. Hainwald bis dato veröffentlicht hat, war für mich etwas ganz Besonderes. Es ist stets eine Überraschung, was einen in der jeweiligen Welt, im nächsten Kapitel, ja sogar auf der nächsten Seite, erwartet. Durch den Genre-Mix und die unkonventionellen Ideen des Autors entstehen Bücher, die anders sind und für mich deswegen immer absolutes Lesevergnügen bedeuten. „Second Horizon“ war somit schon vor dem Erscheinen ein Must-Read für mich.Der erste Satz:– »Engelverdammtes Drecksteil!«, grollte Wolf und trat mit voller Kraft gegen den Automaten. –Wolf ist ein Einzelgänger. Mit Babe ist ihm aber sprichwörtlich jemand vor die Füße gefallen, der ihm in vielerlei Hinsicht ähnlich ist. Immer auf der Suche nach dem Kick des Verbotenen. So verbinden die beiden das Angenehme mit dem Nützlichen und bestreiten mit mehr oder weniger legalen „Arbeiten“ ihren Lebensunterhalt. Einer dieser Jobs verspricht nicht nur ein volles Cred-Konto, sondern könnte Wolf zusätzlich Antworten auf seinen Zustand geben. Was passiert allerdings, wenn man währenddessen auf etwas stößt, das unter allen Umständen im Verborgenen bleiben soll? Was passiert, wenn man dadurch die letzte Instanz auf den Plan ruft und sich somit mit sich selbst, und seiner eigenen Vergangenheit, konfrontiert sieht.E.F. von Hainwald hat die Geschichte um Wolf und Babe, wie schon sein letztes Werk „Cyberempathy“, in der Zukunft angesetzt. Der Schwarm, eine Hochzivilisation, mit einer Struktur, die rein auf Optimierung ausgelegt ist, und dementsprechend fortschrittlicher Technologie, umspannt die Welt. Nebenher gibt es aber auch noch Möglichkeiten für die Menschen, die sich mit den vorgegebenen Standards nicht identifizieren können, oder arrangieren wollen, ihr Leben anderweitig zu gestalten. Die Co-Existenz dieser verschiedenen Lebensweisen funktioniert im Großen und Ganzen sehr gut, man profitiert sogar voneinander. Ich fand diesen Gesellschaftsentwurf ungemein spannend, da der Autor auf eine Klassifizierung zwischen gut und böse verzichtet.Beim Stichwort „Magie“ war ich extrem neugierig, was mich erwartet und auch in diesem Punkt gräbt E.F. von Hainwald tief in der Ideenkiste. Die Magie, die sich in „Second Horizon“ findet, beruht auf der Anwendung von Runen. Der Wissenschaft ist es gelungen, die Kräfte, die seit jeher in der Erde verankert sind, und an die auch schon unsere Vorfahren geglaubt haben, nutzbar zu machen. Dieser Aspekt der Geschichte wurde so plausibel verpackt, dass sich mir die Frage stellte, ob das nicht wirklich möglich ist.Mit Babe und Wolf hat die Geschichte von Anfang an zwei wahnsinnig starke Persönlichkeiten mit außergewöhnlichen Merkmalen. Wolf ist eine Mischung aus Mensch und Tier, immer im Kampf mit seiner animalischen Seite, und Babe verfügt über ein Skelett aus Stahl, welches durch cybermagische Runen zusätzlich verstärkt ist. Beide sind Einzelgänger, verschlossen und darauf bedacht, nur das Nötigste von sich preis zu geben, denn beide haben etwas hinter sich gelassen. Doch trotz ihres Freiheitsdrangs funktioniert die Freundschaft zwischen ihnen. Im Laufe der Geschichte gesellen sich noch zwei weitere Figuren zu Babe und Wolf, die den beiden in Punkto Präsenz in nichts nachstehen. Tonie, eine Hackerin, die sich nach Belieben im System bewegt und mit der E.F. von Hainwald, zu meiner großen Freude, einen offensichtlich queeren Charakter mit ins Spiel gebracht hat. Und Elian, seines Zeichens Exorzist, und mein persönlicher Favourit unter diesen vier wirklich starken Figuren.Das Quartett hat in ihrem Tun eine Macht auf den Plan gerufen, der man nicht freiwillig entgegentritt und gegen die man nur verlieren kann. Vor allem Wolf und Babe müssen sich dadurch dem stellen, was sie seit Jahren zu vergessen versuchen. In ihrem Kampf um die persönliche Freiheit müssen sie Erfahrung machen, dass Freiheit und Unabhängigkeit in einem selbst beginnt.– »Ich wäre ein Gefangener des Moments – ich könnte ihn nicht selbst wählen. Freiheit muss man wählen, in jedem Augenblick. « – (Pos. 5371)„Second Horizon“ ist keine Geschichte für zwischendurch. Durch die Komplexität der Welt, und auch der Einzigartigkeit der Figuren, muss man sich darauf einlassen, offen sein, für nicht Alltägliches. Für mich war es gerade deswegen wieder ein grandioser Ausflug in eine Welt voller Überraschungen und dafür bekommt das neueste Werk aus der Feder von E.F. von Hainwald von mir einen mehr als verdienten Highlight-Status.