Everyman Philip RothEin wunderbarer, melancholischer Roman über die letzten 10 Lebensjahre eines amerikanischen Rentners der oberen Mittelschicht.Reue und Einsamkeit sind die Merkmale dieses ausklingenden Lebens. Reue über die vielen, aber üblichen Fehler, die Menschen machen und Einsamkeit des Alters, wenn die Kinder ihrem eigenen Leben nachgehen und Freunde sowie Weggefährten des Berufslebens nach und nach sterben. Einst einflussreich, umgeben von Menschen, begehrt, jetzt nur noch den langsamen Abbau vor Augen. Das vermeintliche große Hobby, auf welches der Protagonist sein ganzes Leben im Ruhestand aufbauen wollte, erweist sich nach kurzer Zeit als Luftblase, leer. "Ich male immer wieder dasselbe".Die Tage verrinnen ohne Ziel und Inhalt. Spazierengehen, Sport für das Herz, sonst wenig. Seine 3 Frauen hat er verlassen.Die einzige, die er wirklich liebte, hat er schändlich belogen, sie endet halbseitengelähmt nach einem Schlaganfall. Seine 2 Söhne aus erster Ehe verachten ihn, er verließ sie. Seine Tochter aus 2. Ehe kümmert sich, soweit sie als alleinerziehende, berufstätige Mutter zweier Kinder dieses kann. Er lebt allein in einer typischen amerikanischen Pensionärssiedlung am Atlantik.Sein ganzes Leben zieht vorbei. Eine überaus glückliche Jugend, eine erfüllende, erfolgreiche Zeit als Kreativdirektor einer Werbeagentur. Erzählt eigentlich ohne Bitterkeit. Nur Traurigkeit über die Vergänglichkeit seiner schönen Welt.Die Krankheiten nehmen zu. Operative Eingriffe an Herz und Gefäßen häufen sich. "The number of presences at his bedside diminished and the army he had begun with had dwindled to none".Neue Partnerschaften finden sich nicht mehr.Die Religion bietet ihm keinen Halt. "Religion was a lie that he had recognized early in life.....There were only our bodies, born to live and die on terms decided by the bodies that had lived and died before us".Am Schluss ein Gespräch mit einem Totengräber, der das Grab seiner Eltern ausgehoben hat und wohl auch ihn begraben wird.Ein wunderbarer, erhellender, gut zu lesender Roman. Bisher das Eindruckvollste, was der Rezensent von Roth gelesen hat.Gelesen wurde die amerikanische Originalversion.
Der Verlag lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wovon dieses Buch handelt: Im eleganten Trauerdesign präsentiert er das neueste Werk des Meistererzählers und weist bereits im Klappentext auf das mittelalterliche Mysterienspiel gleichen Namens hin, das schon Hugo von Hoffmansthal als Vorlage für seinen Jedermann diente.Warum aber sollte man ein Buch lesen, das mit dem Tod des Protagonisten beginnt und das die Freud- und Hoffnungslosigkeit des ALters thematisiert? Wenn der Autor nicht Philip Roth gewesen wäre, hätte ich es vermutlich nicht gekauft. So aber bin ich einmal mehr von seiner genialen Erzählkunst begeistert und finde mich am Ende der Lektüre von der Thematik berührter, als ich mich eigentlich berühren lassen wollte.Roth führt den Leser so anschaulich durch die Lebensphasen des Everyman, dass das Erleben des Verlustes im Alter schmerzhaft greifbar wird. Die Retrospektive des Buches lädt dazu ein, auf das eigene Leben zurückzublicken und schafft über diesen Vergleich gleichzetig Identifikation mit der Perspektivlosigkeit des alten Everyman.Es ist einfach immer wieder beeindruckend, wie hervorragend Roth schreiben kann!