★★★★★
k.A.
04.06.2026
ean-shopping.de
Als Klassiker ist das Buch ein Muss, aber die Erzählweise empfinde ich als etwas zu treacly für manche Leser. Die 50-jährige Ausgabe ist schön, aber die Geschichte selbst ist für mich eher eine nostalgische Erinnerung als eine tiefgründige Lektüre.
Harper Lee hat eine bemerkenswerte Gabe des Geschichtenerzählens. Ihre Kunst ist visuell, voller taktiler Brillanz und mit kinematografischer Fluidität und Subtilität ausgestattet: wir sehen vor unserem geistigen Auge, wie eine Szene mit einer anderen verschmilzt, ohne dass es dabei zu holprigen Übergängen kommt. Die Schicksale der Protagonisten sind im Kopf, im Herzen und in der Seele des Lesers emotional und moralisch miteinander verbunden.***** Setup AnfangDer Schauplatz dieses Buches (erschienen 1960) ist die fiktive Stadt Macomb (Alabama) Mitte der 1930er Jahre. Dort lebt der Rechtsanwalt Atticus Finch (50 Jahre alt) mit seinen Sohn Jem (Jeremy) und seiner Tochter Scout (Jean Louise) – die auch die Erzählerin der Geschichte ist.Die Geschwister sind zu Beginn des Romans, der etwa eine Zeitspanne von 3 Jahren abdeckt, 10 bzw. 6 Jahre. Die Mutter der beiden starb einige Jahre zuvor.Atticus verteidigt einen schwarzen Mann (Tom Robinson), der der Vergewaltigung einer weißen Frau beschuldigt wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher in den 1930er Jahren in den Südstaaten einen fairen Prozess bekommt, liegt bei etwa 1 zu einer Million... optimistisch betrachtet.UND: Der Leser sieht die Welt durch die Augen eines jungen Mädchens, das noch versucht, seinen Platz in ihr zu finden (genau wie ihr Bruder), und dem ganzen Trubel um sie herum einen Sinn zu geben. Ein größerer Teil des Buches (und seiner „Faszination“) besteht eben auch aus einem Bericht über das „Aufwachsen“ / „Erwachsen werden“ zweier Kinder, ihren Fragen, Freundschaften zu anderen Kindern & Erwachsenen, ihren Erlebnissen und wie sie diese verarbeiten.***** Setup EndeDas Buch behandelt eine breite Palette von kontroversen Themen, das Verhüllen von Klassensystemen, Geschlechterrollen, Südstaatenmanieren und Tabus sowie einige Botschaften wie Freundlichkeit, Liebe und Überzeugung - alles in einem skurrilen Bilderroman enthalten, den kein Leser, der je von seinen Seiten beglückt wurde, je vergessen wird.Ich habe TKAM zum ersten Mal vor 40 Jahren in der Schule gelesen und es hat mich tief berührt. Und als ich das Buch im Jahr 2017 noch einmal las, war ich genauso ergriffen, erschüttert, betroffen und überwältigt. Harper Lee brachte uns dazu, Vorurteilen und Ungerechtigkeiten ins Gesicht zu blicken, und danach zu streben, ein Atticus-Fink zu werden. Fähnchen schwingend gibt es 5-Sterne!***** Einordnung*** Die Weigerung der Afroamerikanerin damals 42-jährigen Rosa Park (1913 - 2005), ihren Sitzplatz in einem Stadtbus einer weißen Person zu überlassen, führt nicht nur zu ihrer Verhaftung und Verurteilung (wegen Störung der öffentlichen Ruhe), sondern löste auch den Montgomery-Bus-Boykott von 1955 aus.*** Die US-amerikanische Professorin für Literatur und Theater-Geschichte, Claudia Durst Johnson, schrieb 1994 in ihrem Buch „To Kill a Mockingbird: Threatening Boundaries“:„In den 33 Jahren seit seiner Veröffentlichung stand das Buch noch nie im Mittelpunkt einer Dissertation, und es war nur Gegenstand von 6 literarischen Studien, von denen einige nicht mehr als ein paar Seiten lang waren.“*** Harper Lee (1926 - 2016) wuchs in der Stadt Monroeville (Alabama), auf, wo sie sich mit dem später berühmten Schriftsteller Truman Capote anfreundete. Capote war ziemlich sicher Vorbild für den Nachbarjungen Dill (Charles Baker Harris) im Roman.*** Es gab auch zahlreiche Gerüchte, habe Capote habe in Wahrheit den Roman geschrieben oder zumindest stark redigiert. Diese wurden 2006 durch den Fund eines privaten Briefs Capotes an eine Verwandte zu Fall gebracht.*** Originaltitel: „To Kill a Mockingbird“; auf Deutsch: „Wer die Nachtigall stört“. Der „Mockingbird“ ist aber eigentlich die sogenannte Spottdrossel (Mimus polyglottos). Das Gesangsrepertoire des Männchens besteht aus 50 bis 200 Liedern.*** Harper Lee veröffentlichte ein Jahr vor ihrem Tod ihr zweites Buch „Gehe hin, stelle einen Wächter“ (im Original Go Set a Watchman; 2015). Der Titel spielt auf die Rolle von Atticus Finch als den moralischen Kompass ("Wächter") von Maycomb an. Jean Louise "Scout" Finch, mittlerweile 26 Jahre alt und Jurastudentin, kommt aus New York City zu Besuch nach Maycomb und trifft viele der Figuren aus TKAM.***** Zitate„Aber bevor ich mit anderen leben kann, muss ich mit mir selber leben.“ (Atticus (11. Kapitel))„Vorurteile, ein schmutziges Wort, und Glaube, ein sauberes, haben etwas gemein: Sie fangen beide da an, wo die Vernunft endet.“ (Onkel Jack Finch; jüngerer Bruder von Atticus)„Dill hatte einen großartigen Plan ausgeheckt, um Boo Radley ohne jede Gefahr für uns herauszulocken. (Man nehme Zitronenbonbons, lege sie als Köder auf den Weg zwischen Radleys Hintertür und dem Vorplatz, und schon wird Boo wie eine Ameise der Spur nachgehen).“„Man versteht einen Menschen erst dann wirklich, wenn man die Dinge aus seiner Sicht betrachtet - wenn man in seine Haut steigt und darin herumläuft.“ (Atticus (3. Kapitel))„Wenn ein Kind Sie etwas fragt, antworten Sie, um Himmels willen. Aber machen Sie keine Inszenierung daraus. Kinder sind Kinder, doch sie erkennen ein Ausweichen schneller als Erwachsene, und es bringt sie einfach durcheinander.“ (Atticus)