Von Karen Joy Fowler habe ich vor Jahren "The Jane Austen Book Club" gelesen. Ich fand das Buch ganz nett und unterhaltsam, aber es ist mir nicht lange im Gedächtnis geblieben. Ähnliches habe ich von "We are all completely beside ourselves" erwartet. Tatsächlich habe ich es nur bestellt, weil ich eine Schwäche für ungewöhnliche, sperrige Buchtitel habe und mich dieser deshalb natürlich sofort angesprochen hat. Ich hatte keine Ahnung, worum es in dem Buch geht. Was auch immer ich im Vorfeld bewusst oder unbewusst erwartet habe - es war sicherlich nicht das, was ich tatsächlich bekommen habe."Skip the beginning. Start in the middle."Diesen Ratschlag erhält Rosemary von ihrem Vater, als sie noch ein ein kleines Kind ist und wie ein Wasserfall redet. Mehr als dreißig Jahre später erinnert sie sich daran und erzählt ihre Geschichte genau so: Sie beginnt irgendwo in der Mitte, erzählt sie nicht chronologisch, sondern verschachtelt, geht immer wieder vor und zurück. Dabei hält sie sehr geschickt Informationen zurück, so dass man beim Lesen mehr als einmal auf eine falsche Fährte geführt wird. Worum es eigentlich geht, erfährt man erst, nachdem man fast ein Viertel des Buches gelesen hat. Bis dahin dachte ich, es sei ein typisches Familiendrama, aber das ist es nicht. Jedenfalls nicht nur. Sowohl der Klappentext als auch die Kurzbeschreibung hier auf der Artikelseite verraten nicht viel über den Inhalt, und das ist gut so. Man sollte sich von dem Buch überraschen lassen.Fowlers Schreibstil hat mir unheimlich gut gefallen. Rosemary klang für mich jederzeit echt. Ich fand die Art und Weise, wie sie ihre ungewöhnliche Geschichte erzählt, faszinierend. Manche Dinge verschweigt sie ganz bewusst, um ihre Leser etwas im Dunkeln zu lassen. Sie sollen sich so zu ihrer Familie - ihren Eltern und ihren seit Jahren verschwundenen Geschwistern Lowell und Fern - eine Meinung bilden, zu der sie nie gekommen wären, wenn sie von Anfang an alle Informationen und Hintergründe gekannt hätten. Bei mir zumindest hat das ganz hervorragend funktioniert. Ich hatte schnell jede Menge Theorien dazu, wie und warum Lowell und Fern verschwunden sind. Keine davon war auch nur annähernd richtig.Manchmal verschweigt Rosemary Dinge aber auch unbewusst, weil sie vieles über Jahre verdrängt hat. Oft wird sie selbst überrascht von den Erinnerungen, die unvermittelt hochkommen. Wie ein Puzzle setzt sich so nach und nach ein Gesamtbild zusammen - das ist wirklich exzellent gemacht und hat mich sehr beeindruckt. Zwischendurch spricht Rosemary ihre Leser auch direkt an. Auch das trägt dazu bei, dass man sich ihr verbunden fühlt.Das eigentliche Thema der Geschichte (das ich aus den genannten Gründen hier nicht verraten werde), hat mich fasziniert und bestürzt. Es ist schon eine Weile her, dass mich eine Geschichte so mitgenommen hat. Das Ende, die letzte Szene, ist so unendlich traurig, dass ich nach der Lektüre geheult habe wie ein Schlosshund. So etwas kommt bei mir nicht allzu häufig vor.Ein großartiges, faszinierendes Buch. Unbedingt lesenswert!
"We are all completely beides ourselves" ist ein anspruchsvolles Buch mit einer bildgewaltigen Sprache. Im Grunde erzählt es das Leben von Rosemary Cooke bis sie ca. 40 Jahre alt ist. Dabei beginnt die Geschichte nicht etwa am Anfang - sie beginnt in der Mitte, springt zum Anfang und endet mit dem Ende. Es ist unterhaltsam und streckenweise auch sehr amüsant geschrieben, allerdings gelingt es mir nicht eine "richtige Beziehung" zur Protagonistin aufzubauen. Vielleicht auch durch die anspruchsvolle Wortwahl. Manche englischen Worte waren jedoch für mich so ungebräuchlich, dass ich sie einfach "überlesen" habe. Dies aber hat der Geschichte keine Abbruch getan, man kann der Storyline trotzdem folgen.Warum nur drei Sterne?Nach dem "Tada-Event" auf Seite 77 (soweit ich weiß - ich habe die Kindle Ausgabe gelesen) plätschert das Buch nur so dahin. Mir fehlte ein wenig die Spannung und der Grund weiterzulesen. Es ist eine schöne Geschichte, aber irgendwie hat sie mich gelangweilt. Der Spannungsbogen war mir zu flach.