Schon das Buch "Wiedersehen in Brideshead" hat mich gefangen genommen (siehe hierzu die Buchrezension) aber das vom britischen Schauspieler Jeremy Northam gesprochene englische Hörbuch topt für mich alles! Unglaublich, wie J.N. allein mit dem Werkzeug seiner wohlmodulierten, samtigen Stimme sämtlichen Charakteren durch verschiedene Dialekte und Betonung Persönlichkeit verleiht und Leben einhaucht, ja sie vor dem geistigem Auge erscheinen lässt! Obwohl "abridged" wird 5 Std. lang eine seltsame Melancholie (nicht Depression!) aufrecht erhalten, die einen auch beim Lesen des Buches befällt. Die "heiligen und profanen Erinnerungen des Hauptmanns James Ryder" nehmen einen mit in die für uns fremdartige, doch faszinierende Welt Englands zwischen den Weltkriegen, Freundschaften zwischen jungen Leuten des Adels und gut situierten Bürgertums, Vergänglichkeit der unbeschwerten Jugendzeit.Learning English by Jeremy Northam - das gilt zumindest für mich, da man dem nicht zu schnell gesprochenem Standard-Englisch (keinesfalls versnobter Eton-Dialekt!) sehr gut folgen kann. Egal ob J. N. Narnia-Märchen, James Bond oder Poesie spricht, bei so einem Könner wird alles zum Hörgenuss!
"Brideshead revisted" erzählt die Geschichte von Charles Ryder. Als Captain im zweiten Weltkrieg wird seiner Kompanie das herrschaftliche Anwesen Brideshead als Quartier zugewiesen. Er erinnert sich an seine Geschichte mit der Familie Flyte, der das Anwesen gehörte: Als junger Student in Oxford hat er den sensiblen, etwas exzentrischen Sohn Sebastian kennengelernt und sich in dessen Lebensstil des sinnesfrohen und poetischen, aber der Drunksucht zugeneigten Bonviant mitreißen lassen. Sebastian leidet unter seiner sehr katholischen und sittenstrengen Mutter. Der Vater ist vor dieser nach Italien zu einer anderen Frau geflüchtet. Zur Schwester Julia - die auch unter der Mutter leidet, ihr aber auch mehr zugetan ist - entwickelt Ryder Gefühle. Der innere Konflikt Sebastians kulminiert und er gerät als Alkoholiker nach Marokko, wo er erst fast an einer Krankheit stirbt und dann mit einer ähnlich verkrachten Existenz, einem Deutschen, sein Leben fristet. Charles wird hinfort ein bekannter Maler und heiratet eine Frau, die er nicht liebt, mit der aber zwei Kinder hat. Er verbringt einen Studienaufenthalt in Südamerika. Auf einer Schiffsreise von USA nach England trifft er Julia wieder....Die Geschichte fokussiert zwei Themen: Zum einen die moralische Ansprüche des Katholizismus, wie seine Anhänger damit zu kämpfen haben und welche Folgen ein strenger gelebter Katholizismus für die Umwelt des Gläubigen haben kann; zum anderen die Zweideutigkeit des gehobenen englischen Lebensstils, zu dem die Hauptfigur des Charles Ryders sich aufgrund deren Glanz eindeutig hingezogen fühlt und die er auch leben will, unter deren Enge und Strenge er aber auch leidet. In speziell der geschilderten Form sind es für mich sehr englische Themen: Der strenge Katholizismus hat als Minderheitenreligion dort eine ganz andere Ausstrahlung und Bedeutung für die Menschen, die ihm begegnen. Im in weiten Teilen sehr katholischen Deutschland, in dem der moralische Katholizismus seinen Frieden mit den Ausschweifungen des Lebens schon lange gemacht hat (v.a. in Form des rheinischen Katholizismus oder des bayrisches Barock), wirkt das Befremden der Figuren gegenüber dem katholischen Glauben und die unlockere, fast ungelenke Auseinandersetzung damit nicht so überzeugend und manchmal schon naiv. Ebenfalls das Klassendenken, das ja in England viel länger und viel stärker ausgeprägt war als in Deutschland, ist ein spezifisch englisches Thema.Dies Behandlung nicht universeller Themen schränkt den Genuss etwas sein, zum anderen die zwar oft sehr präzise Beschreibung von Figuren und Dialogen, die aber doch seltsam distanziert bleibt und die Figuren und ihre Motivation dadurch oft nicht so wirklich erhellt. Das mag Absicht sein, um gerade die Distanziertheit der englischen Oberschicht zu unterstreichen; aber zum einen bezweifele ich, dass es in der Form Absicht war, dass der Autor anders gekonnt hätte, wenn er gewollt hätte, zum anderen ist es mir ganz subjektiv zu wenig. Drittes - kleineres Manko - ist die Unbalance bezüglich der Figur des Sebastian, die in der ersten Hälfte des Romans eine bedeutende Rolle hat, um dann recht sang- und klanglos zu verschwinden.Trotz dieser Schwächen ist das Buch eine gelungene Abnahndlng der fokussierten Themen. Vor allem ist die Geschichte, in die sie gepackt wird, packend. Sie ist facettenreich, emotional, mit ergreifenden Hauptfiguren, tragischen (aber nicht kitschigen) Geschichten, sehr präzisen Details, poetischen Bildern. Die Balance zwischen Geschichte und allgemeinen philosophischen Überlegungen gelingt hervorragend.Fazit: Ein gutes Buch. Aufgrund der genannten Schwächen aber keine sehr gutes und für mich keines der absoluten Muss-Bücher der Ära. Für den deutschen Leser zudem eben sehr englisch. - Sprachich ist es manchmal aufgrund raffinierter Satzkonstruktionen manchmal etwas schwierig; im großen und ganzen geht es aber.