Nachdem ich " Just kids" verschlungen habe, freute ich mich auf "M Train" und war zunächst enttäuscht. Es gab keinen roten Faden, ich konnte damit nichts anfangen. Dann hörte ich zufällig eine Hörprobe der Audio-Version und war sofort gebannt. Pattis wunderbare Stimme macht das Buch aus meiner Sicht erst zu einem Erlebnis. Der Klang der Worte, die Poesie. Plötzlich brauchte ich auch keinen roten Faden mehr, ich genoss es einfach, ihr zuzuhören. Ich würde die Audio-Version der geschriebenen Version immer vorziehen und hoffe, dass Patti uns noch mehr Hörbücher schenkt.
Für die meisten ist Patti Smith vor allem Sängerin, nur wenige wissen, dass sie auch Bücher schreibt. Umgekehrt wusste ich nur wenig von ihrer Musik, als ich ihre Bücher entdeckte und allmählich neugierig darauf wurde. Trotzdem blieb ich skeptisch – viele Musiker nutzen ihre Berühmtheit aus, um enttäuschende Literatur zu veröffentlichen.Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Patti Smiths Prosa besitzt eine ganz eigene Kraft und schlug mich schon nach wenigen Seiten in den Bann. Ihr Stil ist sehr leise, sie zeichnet keine wortgewaltigen Bilder wie manche andere, sondern lenkt den Blick auf das Kleine, Alltägliche und oft auf Dinge, die vorerst nebensächlich erscheinen. Erst bei näherer Betrachtung oder Nachverfolgen ihrer Gedanken fällt das Besondere an einem scheinbar gewöhnlichen Foto, einem Ort oder einer kleinen Geschichte auf.Ein Teil des Buches besteht aus kleinen Reiseberichten, Erzählungen von Orten, die so fremd wie der Mond anmuten und gerade deshalb bezaubern. Statt Touristenhochburgen besucht Smith die Gräber von Plath, Rimbaud und Mishima, sie besichtigt Frieda Kahlos Wohnhaus und wohnt Treffen einer Gesellschaft arktischer Entdecker bei. Wieder sind es nicht die bekannten Sehenswürdigkeiten, die sie reizen, sondern oft die Ruheplätze der Vergessenen (Verstorbenen). Eigenartige Ideen treiben sie an Orte, die wie sie selbst einen eigenen Charakter besitzen.Ein Teil des Buches gehört dem Kaffee, den sie immer und überall zu trinken scheint, ein Teil dem Schreiben, den Büchern und der Suche nach Worten, die sie in Cafés und überall auf der Welt praktiziert. Ein Kapitel dreht sich um magische Brunnen und Haruki Murakami, was mich besonders begeistert hat.Am Ende war ich froh, dass M Train das erste Buch von Smith war, das ich entdecken durfte. Es ist nicht mehr als eine vielleicht zufällige, vielleicht auch durchdachte Aneinanderreihung kleiner Erlebnisse, Träume und Gedanken, in der sich jeder seinen eigenen Zusammenhang suchen darf. Möglich, dass es gerade diese Deutungsfreiheit war, die mich am meisten fasziniert hat. Fest steht, dass ich dieses Buch nicht zum letzten Mal gelesen habe. Schon jetzt wirkt es in meinen Gedanken nach und verlangt intensivere Beschäftigung. Für mich steht es fast jenseits aller Bewertungen, trotzdem vergebe ich zögernd 4/5 Sterne.