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Detlef Knut - Der Krimi und mehr Blog
15.09.2024
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Dieser Roman ist der wohl persönlichste Roman über die Figur des Dave Robicheaux. Ich habe ihn im Original gelesen, obwohl er auch bei Pendragon unter dem Namen »Mein Name ist Robicheaux« erschienen ist .Was macht diesen Roman nun zu einem ganz besonderen Roman dieser Reihe von James Lee Burke? Zunächst beginnt er nicht mit einem krachenden Kriminalfall. Es geht vielmehr um die Figuren in diesem Roman und wie sie ihren Tagesablauf gestalten. Robicheaux arbeitet im Sheriffbüro und Helen Soileau. Von einem aufstrebenden Politiker und Geschäftsmann wird er gebeten, ihn mit einem Schriftsteller bekannt zu machen, der ebenfalls im Iberia Parish lebt. Dabei soll es um Geschäfte gehen, um die Verfilmung eines Romans. Eine andere lokale Größe hat ebenfalls Interesse, diesen Film zu produzieren. Es gibt Geplänkel hin und her.Dann geschieht der Mord an einem kleinen Ganoven. Robicheaux gerät in Verdacht. Seine Chefin beauftragt seinen Kollegen, der aus Florida kommt, mit den Ermittlungen. Und dann passieren noch viele weitere Sachen, die unheimlich die Spannung des Geschehens in die Höhe treiben, aber nicht wie ein großer Kriminalfall wirken. Es sieht eher alles nach gewöhnlicher Polizeiarbeit aus. Es werden viele kleine Details aus dem Leben der Figuren berichtet. Durch einen erneuten alkoholischen Absturz des Protagonisten wird auch diese Problematik beleuchtet. Und die Sorge um einen kleines Jungen des Mordopfers treibt Robicheaux’ Freund Clete Purcel um. Robicheaux’ Adoptivtochter Alafair möchte außerdem den Roman des Schriftstellers in ein Drehbuch verwandeln. Über allem stehen mit der Produktion des Films die Verstrickungen von Politik, Wirtschaft und Verbrechen.Wenn der Roman auch der persönlichste für die Figur Robicheaux ist, so beleuchtet er doch auch viele persönliche Züge des Schriftstellers James Lee Burke. Dazu gehören die Erfahrungen zum Alkohol genauso wie die Liebe zu Louisiana. Und wenn im Roman die Adoptivtochter Alafair an einem Schreibtisch aus einer Eichentür, die auf vier Pflöcken, steht, arbeitet, dann ist auch das eine wahre Begebenheit aus dem Leben des Schriftstellers zu einer Zeit, als seine Manuskripte nicht mit sehr viel Wohlwollen angenommen wurden.Außerdem trägt eine von Burkes Töchtern tatsächlich die Namen Alafair und macht ihrem Vater als Bestseller-Autorin und als Co-Autorin von Mary Higgins Clark starke Konkurrenz. Die beiden Alafairs im Leben von Burke haben also auch das Schreiben gemeinsam.Wer einmal in die Welt von Dave Robicheaux eingetaucht ist, sollte sich diesen Romane nicht entgehen lassen, um auch das letzte Körnchen Wahrheit um die Freunde und Familie dieser sehr zwiegespaltenen Figur kennenzulernen. Wer noch am Anfang der Robicheaux-Reihe steht, sollte vielleicht hiermit beginnen, um einen Überblick zu erhalten. Zwar gibt es hier auch blutige Nasen und Beulen, aber dieser Roman ist lange nicht so brutal wie manch ein anderer.© Detlef Knut, Düsseldorf 2021
Nachdem James Lee Burkes letzter, 2013 erschienener (und mit dem Spur Award als bester moderner Western ausgezeichneter) Roman um seinen Detective/Deputy Dave Robicheaux, "Light of the World", in Montana spielte, dem Haupt-Wohnsitz des Autors, ist sein jüngster Roman um den Ermittler wieder im originalen "Robicheaux--Landstrich" in Louisiana angesiedelt. (In dem kleinen Ort, in dem Burke, der in dem Staat studiert hat, seinen zweiten Wohnsitz hat: New Iberia am Bayou Teche.)"Robicheaux" heißt der aktuelle Roman aus dem Jahr 2018 schlicht, wenn auch auf dem Cover zusätzlich mit dem Untertitel "You know my name" versehen.Und tatsächlich hat der Leser nicht nur das Gefühl selbstverständlich den Namen des ich-Erzählers zu kennen, sondern auch plotmäßig und bezüglich der verwendeten Bilder immer wieder ein deja-vu zu erleben.(Was die Lesefreude aber nicht minimiert, im Gegenteil, zumindest wenn man wieder gern in die düstere Atmosphäre von Robicheauxs Welt eintaucht.Auch wenn Burke vor einem guten Jahrzehnt schon mal vorgeworfen wurde, er würde sich nicht nur selbst kopieren, sondern seine eigene Parodie abliefern. Was dazu führte, dass er sich damals eine Zeitlang von Robicheaux abwandte und mit Billy Bob Holland und dessen Familie eine neue Protagonistengruppe im Norden erschuf.)Verglichen mit anderen, in einer bestimmten Region verhafteten Autoren wie Steve Hamilton, C. J. Box oder Michael McGarrity liefert Burke schwerere Kost, was hier erstmal einen ganz profanen Grund jenseits des Romans selbst hat: Das großformatige, gewichtige 445(roman)seitige britische Paperback ist höchst unhandlich zu handhaben, die Seiten aufzuhalten, die zu nah bis zur Klebung bedruckt sind, buchstäblich krampffördernd. (Werden Bücher so gedruckt, um den eBook-Markt anzukurbeln? )Aber auch inhaltlich ist Burkes Schreibe wesentlich elaborierter, bildgewaltiger, von Metaphysischem durchdrungen und somit sperriger als vieler seiner "Mitbewerber" im Thrillerfach. (Wobei "Thriller" in Sachen Burke ohnehin viel zu kurz greifen mag.)Mitreißend ist zwar anders. Doch Burke flicht ein Netz (aus vielen kürzeren Szenen), dessen roter Faden von den Abgründen des menschlichen Antriebs, den düsteren Beweggründen des Handelns gebildet wird, ein Netz, das vielleicht nicht mitreißt, aber einen schnell gefangen nimmt.Wieder einmal ist Robicheaux zum Witwer geworden (zum dritten Mal in der inzwischen 21 Bände umfassenden Reihe seit 1987), seine Frau wurde Opfer eines Verkehrsunfalls. War der als unschuldig erklärte Unfallgegner in Wirklichkeit zu schnell unterwegs, hatte er einen epileptischen Anfall oder war er sogar alkoholisiert?Als der Fahrer brutal umgebracht wird, kommt Robicheaux hauptverdächtig als Täter in Frage. Sein Problem: Er, der eigentlich trockene Alkoholiker, ist just in dieser Nacht rückfällig geworden - und kann sich an einige Stunden nicht erinnern. Schlimmer noch: Er selbst hält sich durchaus für fähig, die Tat begangen zu haben...Allerdings ist dieses persönliche (und dienstliche) Problem des Ermittlers nur ein Faden des großen Netzes, das Burke auswirft, zunächst stets aus der Perspektive des ich-Erzählers geschildert, dann auch aus der anderer (befreundeter) Protagonisten, die diesem es aber berichtet haben können, bis zuletzt auch fremde Sichtweisen (von denen der ich-Erzähler nicht erfahren haben kann) geschildert werden.Und so geht es auch um die Fälle verscharrter Frauenleichen, eine reale oder behauptete Vergewaltigung, den alltäglichen Rassismus, das Leiden der Kinder, wie überhaupt um die Unterdrückung und Missachtung aller Schwächeren. Um Schuld, Verantwortung, Erlösung.Thema bleibt, wie oft bei Burke, auch der Einfluß unserer Vergangenheit auf die Gegenwart, zwei Zeitebenen, die der ich-Erzähler deshalb nicht voneinander trennen mag. Das Gestern durchdringt das Heute.Dazu die Unfähigkeit des Menschen, das Gute vom Bösen, richtig von falsch klar zu unterscheiden (oder unterscheiden zu wollen), die heuchlerische Pseudomoral statt unabdingbarer Werte, die seltsame Gewichtung unserer Bewertungen.Kein Wunder, dass Burke bei allen vielschichtig gezeichneten Figuren auch einen populistischen Politiker (auf dem Weg übers Senatoren- zum Präsidentenamt) mit in den Mittelpunkt der Handlung stellt, ein Protagonist, dessen Charme selbst der ich-Erzähler erlegen ist (was dem Leser, wie er sich schämend eingestehen muss, kaum anders ergeht).Ein düsteres Buch (das dennoch ohne - in der Schilderung drastische - Gewaltexzesse auskommt)! Und dessen sympathischster Protagonist, der erst punktgenau zur Mitte des Werks auftaucht, sinnigerweise ein (nur vordergründig leicht dement wirkender) Profikiller ist, der sich als Racheengel der Unterdrückten und Kämpfer gegen das Böse begreift - und als einziger durchgehend konsequent handelt.Dieser, sich selbst Smiley nennende Chester Wimple, der nur zunächst in seinem speziellen Auftreten Erinnerungen an den Killer in "No Country for Old Men" wachruft, ist eine Figur für die literarische Ewigkeit.Ein pessimistisches Buch, das man weder schnell "wegliest", noch schnell vergisst. Dass einen im Gegenteil zum Nachdenken über eigene moralische Standpunkte auffordert.Was nicht nur sehr wichtig für Lousiana (und die USA) erscheint, sondern auch angesichts der gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Situation bei uns in Europa.P.S.:Der französische Regisseur Bertrand Tavernier, der Burkes "In the Electric Mist" mit Tommy Lee Jones verfilmt hat (ein Film von dem nach Auseinandersetzung mit dem Produzenten zwei völlig unterschiedliche Schnittfassungen - eine europäische/internationale und eine US-amerikanische - existieren), äußerte sich in einem Interview zu seiner Liebe zu Burkes Romanen:"I like his style, the melange of introspection, lyricism, description that is very meditative and beautiful and then, of course, the dialog. I find Burke a writer of genius when it comes to dialog. He knows how to evoke the character in a few phrases. He writes romans noirs in which characters come before the intrigue."Für ihn ein großer Unterschied zu z.B. dem speziell auch in Frankreich höchst beliebten Harlan Coban: "With Harlan Coban it is just intrigue, intrigue, intrigue, with a new development in every chapter. And afterwards you feel manipulated. You don’t have any characters. The characters are nothing."Während Burkes Romane dagegen ganz anders funktionieren: "You remember Burke’s characters long after you put the novel down. You may not remember the intrigue but you remember the characters."Etwas, was man nur unterstreichen kann (auch wenn man Harlan Coban durchaus schätzt).