★★★★★
Tobias Fabian-Krause
14.03.2024
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Daniel Kehlmanns neuer Roman "Lichtspiel" erzählt die Geschichte des deutschen Regisseurs Georg Wilhelm Pabst, der als hocherfolgreicher Stummfilmregisseur in Hollywood zur Zeit des beginnenden Tonfilms versucht Fuß zu fassen, dort erfolglos blieb, ein Angebot aus Deutschland für einen Film bekommt, mit seiner Familie vermeintlich um nach der alten und kranken Mutter zu sehen nach Österreich reist, notgedrungen, da die Grenzen nach dem Anschluss geschlossen bleiben auf dem Territorium des Deutschen Reichs bleiben muss, schließlich die Repressionen der Machthaber zunächst in Form vom eigenen sozialen Abstieg zu spüren bekommt, um dann dann ein Angebot/eine Aufforderung für einen Film zu bekommen, bei dessen Annahme sein Leben sofort spürbar angenehmer werden könnte. Im Propagandaministerium schließlich trifft er Goebbels persönlich und wird von diesem bedroht und zum Drehen des Films genötigt. Er fügt sich und beginnt nach und nach die Möglichkeiten der beruflichen Betätigung zu genießen und ignoriert dabei/nimmt billigend in Kauf/fordert es am Ende doch gar ein, dass Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in seinen Filmen als Statisten eingesetzt werden. Er ist durchaus erfolgreich ohne in irgend einer Form zum echten Star im NS-Staat zu werden. Sein Sohn wird mehr und mehr zum überzeugten Nationalsozialisten. Seine Frau lebt in innerer Emigration und Depression. Ein zentrales Filmprojekt des Regisseurs scheitert, da die Filmrollen verloren gehen, worunter Pabst nach dem Krieg mehr zu leiden scheint als unter seiner Rolle im NS-Regime.Die Frage, die den Roman durchzieht, ist natürlich die nach dem Warum. Warum verlässt Pabst Hollywood? Ist der Misserfolg in Hollywood es tatsächlich wert, Frau und Kind in Gefahr zu bringen. Ist das Interesse an der kranken Mutter, die ihn in Hollywood kaum tangierte wirklich so groß, dass sich der Besuch lohnt oder ist das nur vorgeschoben. Reizt ihn in Wahrheit nicht einfach die Chance an alte Erfolge in Deutschland anzuknüpfen. Erhofft er sich nicht vielleicht vom NS-Regime eine besondere Förderung? Warum nimmt er schlussendlich in Kauf, dass sein Sohn vom Regime vereinnahmt wird und warum nimmt er trotz zu Beginn vorhandener Irritation schlussendlich desinteressiert in Kauf, dass Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge als Statisten eingesetzt werden.Gibt der Roman Antworten? Kann er das? Will er das? Der Protagonist dieses Romans bleibt auf der einen Seite ziemlich konturlos und beliebig und doch erfährt man als Leser aus den unterschiedlichsten Quellen nach und nach sehr viel, dass man für "Er gezwungen, konnte kaum anders handeln" bis hin zu "Er war ein skrupelloser Karrierist und Opportunist, dem der Rest egal war" und für viele Zwischenstufen findet man Argumente. Vieles wird subtil und indirekt geschildert. Ja, eine Pflegeeinrichtung für die Mutter ist etwas wertvolles. Goebbels hat schon ziemlich unverhohlen gedroht. Die Grenzen waren zu, da kam niemand raus. Den Häftlingen hätte es nichts geholfen, wenn sie nicht in dem Film hätten mitwirken dürfen. Diese Antworten gibt Pabst oder legt sie durch nichtssagen nahe. Hätte es wirklich keine anderen Möglichkeiten gegeben? Einfache Antworten gibt Kehlmann nicht und das ist auch gut so.Kritische Punkte: ob nun wirklich negativ kritikwürdig oder dem Stoff besonders gut angemessen oder schlichtweg ein rein subjektives Thema, das nur ich so empfinde: es ist der erste Kehlmann-Roman (ich gestehe, "Tyll" noch nicht gelesen zu haben), den ich als langatmig und zwischendurch regelrecht langweilig empfunden habe. Sich auf 400 Seiten zu beschränken, hätte es aus meiner Sicht auch getan. Ist die Geschichte des G.W. Pabst, der mal ein paar ordentliche Stummfilme gedreht und danach an seine Erfolge nicht anknüpfen konnte, wirklich so erzählenswert? Ich kannte weder den Mann noch auch nur einen seiner Filme - Bildungslücke meinethalben. Hat er wirklich so viel zur Stabilisierung des Systems beigetragen, dass die Frage nach dem Warum so interessant ist, dass sich ein Kehlmann-Roman dafür lohnt? Letztlich ist wohl trotz kleiner Fragezeichen ein spannender Beitrag zur längst noch nicht vollständigen Aufarbeitung der Frage nach den Kulturschaffenden im NS-Regime. Hätte es dafür nicht spannendere gegeben? Zum Beispiel solche, die im Nachkriegsdeutschland tatsächlich noch eine nennenswerte Karriere gemacht haben? Rühmann und Ilse Werner werden immerhin kurz erwähnt. Ebenso Leni Riefenstahl. Ohnehin die Frage, ob über sie schon alles erzählenswerte gesagt wurde und dieses Bild nicht noch nennenswerte hätte ergänzt werden können. In "Lichtspiel" wird sie als besserwisserische, untalentierte Egomanin dargestellt.Die Erlebnisse, Reflexionen und die Entwicklung des Sohns Jakob (interessante Namensgebung, der erste Sohn Pabsts, zum dem sie Lebensdaten passen könnten, hieß Peter) gehören sicherlich zu den Stärken dieses Romans. War die Figur wirklich auserzählt, so dass hundert Seiten über sie geschwiegen werden konnte?Nach meiner Wahrnehmung herrscht in Kehlmann-Romanen immer die gleiche Atmosphäre, die Figuren, ihre Dialoge und inneren Monologe klingen irgendwie immer gleich, egal ob zu Zeiten von Humboldt und Gauß, im frühen 20. oder 21. Jahrhundert. Eine Qualität als Darstellung der Conditio Humana oder zumindest eine Stütze um uns ihnen näher zu fühlen? Vielleicht und insofern auch eine Qualität, aber irgendwie auch befremdlich.Ist der signature move Kehlmanns, zentrale Stellen aus der Erinnerung der Beteiligten als eine Mischung aus adäquater Wahrnehmung, surrealer Überzeichnung bis hin zum Albtraum- und oder Flashbackhaften darzustellen für eine Begegnung mit Goebbels tatsächlich sinnvoll. Schlussendlich bleiben doch nur die Drohungen hängen und damit eigentlich schon das Motiv zur Kooperation. War es so klar? War Pabst einfach gezwungen und getrieben? Ich vermag es nicht letztgültig zu beurteilen, aber ich frage mich, ob man sich die Schilderung dieser Begegnung mit Goebbels erzählerisch nicht hätte sparen können. Dass Pabst nicht unbegrenzte Freiheiten hatte und es auch Drohungen und Repressionen gab wurde an anderer Stelle hinreichend klar. Wird der Eigenverantwortung Pabsts nicht hier ein zu klares Alibi gegeben? Ich vermag es natürlich weder historisch noch erzählerisch vollends zu beurteilen.Fazit: große Kunst, brillianter Beitrag zur romanhaften Aufarbeitung der NS-Geschichte einerseits und trotzdem auch in Teilen zu viele Fragen mit raunenden Andeutungen offen lassendes Werk, das bei aller Qualität auch einige Längen enthält.
Mit der Figur des Filmregisseurs G.W. Pabst, der in das Nazideutschland zurückkehrte und nicht, wie viele anderen, Exil im Ausland suchte, stellt Kehlmann tiefgründige Fragen nach der Verantwortung des Einzelnen und der Legitimität des künstlerischen Wirkens in einem autoritären Regime auf. Fast programmatisch muten die Worte an, die er dem Protagonisten mit seiner untypischen „umgekehrten“ Migrationsgeschichte in den Mund legt: „Die Zeiten sind immer seltsam. Kunst ist immer unpassend. Immer unnötig, wenn sie entsteht. Und später, wenn man zurückblickt, ist sie das Einzige, was wichtig war“.Die moralische Einordnung der Verbindung von Autor und Werk drängt sich nicht nur in autoritären Systemen, sondern auch in liberalen Mediendemokratien auf. Im Zeitalter (vor)schneller moralischer Urteile und einer Cancel Culture, bei der ein Kunstwerk nur solange legitim angesehen wird wie die Person des Künstlers „unbelastet“ bleibt, weist der Roman bemerkenswerte Aktualitätsbezüge auf. Ob sich die Person des Künstlers trennen lässt vom Werk und vor allem von den Umständen seiner Entstehung (für einen Filmdreh soll Pabst auf Statisten aus einem Konzentrationslager zurückgegriffen haben) beantwortet Kehlmann nicht, suggeriert aber, dass eindeutige Schwarz-Weiß-Urteile darüber unmöglich sind. Dies wird auf eine subtile Weise durch die graphische Darstellung des Motivs auf dem Buchcover und durch den Duktus des Autors insgesamt verdeutlicht: Die knappe Sprache erzeugt einen Schwarz-Weiß-Effekt, der dialektisch im Kontrast zu der Botschaft steht. Da der Roman im klassischen Filmzeitalter spielt (als eine der wichtigsten Figuren kommt Leni Riefenstahl vor), empfiehlt sich das Schwarz-Weiß-Motiv wie von selbst und wird von Kehlmann gekonnt aufgegriffen.In einigen Szenen arbeitet Kehlmann gezielt mit filmischen Mitteln, um auf die Filmkunst von Pabst zu rekurrieren. Pabst zufolge sollte zwischen einzelnen Filmsequenzen immer eine Bewegung stattfinden, harte Schnitte sind nicht erlaubt. Am besten gelingt dieser Effekt im Kapitel „Am Pool“, in dem eine Partysituation mit mehreren Menschengruppen genau auf diese Weise dargestellt wird. Der Aufbau des Romans ist allerdings überhaupt nicht „fließend“: Es gibt drei klar abgegrenzte Teile („Draußen“, „Drinnen“ und „Danach“) und die Übergänge zwischen einzelnen Kapiteln sind abgehackt. Diese fragmentarische Erzählweise ist fragwürdig, ebenso die fast inflationäre Aufzählung von diversen Persönlichkeiten aus dem Filmbetrieb des Dritten Reiches. Das „Namedropping“ und so manche Verweise hätte sich Kehlmann sparen und den Roman um gute 50-80 Seiten kürzer fassen können.Strukturell überzeugend ist die Rahmenerzählung mit dem Assistenten des Regisseurs, die dem Leser am Anfang und zum Schluss präsentiert wird. Dadurch wird der Erzählbogen effektvoll geschlossen. Brilliant sind einige mit den Mitteln des Magischen Realismus konstruierte Szenen (allen voran die Kellerszene sowie die Szene mit dem Propagandaminister Goebbels, bei der sich der Autor möglicherweise durch Anekdoten des Fritz Lang inspirieren ließ).Das ungeschnittene Filmmaterial, um welches es im Roman geht, wird heute im Prager Filmarchiv aufbewahrt. Bei der Schilderung der weitgehend fiktionalen Geschichte um den verloren gegangenen Filmschnitt hätte man dieses Faktum eigentlich erwähnen sollen.