Virginia Woolf erzählt in ihrem Roman "Die Jahre" aus dem Leben der Familie Pargiter, die in London, Abercorn Terrace, residiert. Man lernt die Familie im Jahre 1880 kennen und folgt ihr dann in verschieden großen Zeitintervallen bis zu Beginn der dreißiger Jahre des 20.Jahrhunderts.Colonel Abel Pargiter ist der typische viktorianische Patriarch, seinen sieben Kindern ist er auf eine leicht distanzierte Weise durchaus zugeneigt. Neben seiner dahinsiechenden Ehefrau hat er eine langjährige Geliebte. Der älteste Sohn studiert in Oxford, für die beiden jüngeren Söhne sind Karrieren beim Militär oder der Justiz vorgesehen. Die Töchter sollen sich nach Möglichkeit gut verheiraten.Während der folgenden Jahrzehnte werden Karrieren geschmiedet, Ehen geschlossen, Kinder geboren, Menschen sterben, Träume zerplatzen und ein ganzes Weltbild verändert sich.Ich finde es meisterhaft wie Virginia Woolf die sich verändernde Zeit einfängt, ohne explizit darauf hinzuweisen. Trifft man die Familie Pargiter zu Beginn des Romans in einem herrschaftlichen Haus, leben die meisten Pargiters um 1930 in bescheidenen Mietwohnungen, Autos verdrängen die Kutschen, Dienstboten werden zur Ausnahme, Kolonien, Suffragetten und Krisen in Irland und auf dem Balkan beherrschen die Zeitungen. Der 1.Weltkrieg und die deutschen Luftangriffe bringen den Krieg auf britischen Boden. Virginia Woolf erzählt und erzählt, man folgt ihr auf vertrauten Wegen durch London und an vielen Stellen erscheint ihr Roman beinahe zeitlos, so unverändert erscheint die Stadt selbst. Doch zu Ende des Buches hat man mit den Pargiters einen weiten Weg zurückgelegt und erst dann erkennt man die gesamte Tragweite der Veränderungen.Nicht alle Mitglieder der Familie Pargiter haben das große Glück gefunden oder ihre Träume wahrgemacht, doch alle haben sich im Leben behauptet und die Geschwister sind einander treu geblieben.Virginia Woolf hat einen großartigen Roman über London, die Familie und die Veränderungen der Zeit geschrieben, melancholisch und hoffnungsvoll zugleich, reich an Beschreibungen des alltäglichen Lebens und ein Abbild der politischen Veränderungen.Nicht umsonst wird "Die Jahre" zu Virginia Woolfs besten Büchern gezählt.
Meiner Meinung nach geht es in diesem Buch nicht vorrangig um ein Sittenbild der englischen Gesellschaft des 19. und 20 Jh., auch wenn es das beeinhaltet. Ich glaube es geht mehr darum, wie sehr sich die Wahrnehmung und Empfindungen eines Menschen im Laufe seines Lebens verändern. Der Fluß der Erzählung ist langsam und schwer, die Veränderungen in den Figuren machen sich nach und nach bemerkbar, so wie sie sich selbst erst darüber klarwerden müssen, so wie man eben Veränderungen an sich selbst erst mit der Zeit wahrnimmt. All die kleinen und großen Ereignisse die uns so zustossen und uns beeinflußen, all das was uns nach und nach zu dem macht was wir sind; diesen Prozeß, das Leben an sich, beschreibt Virginia Woolf in diesem Buch exzellent ohne jemals explizit werden zu müssen. Die Familiengeschichte und die soziale Komponente dieses Buchs sind da nur noch (eine grandiose) Zugabe. Ich habe bis jetzt kein anderes Buch gelesen dass das, was das Leben aus uns allen macht, die Veränderungen die uns wiederfahren, so exemplarisch, eindringlich und doch unaufdringlich darstellt.Ich kann "die Jahre" nur jedem empfehlen, man muss dem Buch aber Gelegenheit geben sich zu setzen.