„I do it my way!“ Was auch immer die Umstände, was auch immer die Entscheidung, ich bin es immerhin selbst, der sie getroffen hat. Dieser alltägliche Gedanke offenbart ein wesentliches Moment im Selbstverständnis moderner Individuen: Man hat immerhin einen eigenen Willen, ist es immerhin selbst, der einen Entschluss gefasst hat.In der Fremdkontrolle geht es somit um das Gegenteil unseres grundlegenden Selbstbilds. Schmidt und Schetsche vertreten die These, dass es sich dabei um einen Gegenhorizont handelt, der für das moderne Bild des Selbst konstitutiv ist. Das ist eine spannende Behauptung, die allerdings nicht Beweiszweck dieses Buches ist. In ihm geht es vielmehr darum, verschiedene Bereiche des Denkens und Handelns auszuloten, in der die Idee der Fremdkontrolle eine relevante Rolle spielt. Es handelt sich also nicht um eine begriffliche Abhandlung, sondern um eine Annäherung an eine Idee, wie sie sich in unterschiedlichen Zusammenhängen zeigt.Das Buch ist in fünf thematische Abschnitte eingeteilt. Der erste Abschnitt behandelt historische Diskurse und Praktiken zur Fremdkontrolle. Themen sind hier die frühmoderne Hexenlehre, die Hypnose und Mind-Control-Experimente in der Nachkriegszeit. Durch diese breite Auswahl werden religiöse, kulturelle und politische Gesichtspunkte angesprochen.Der zweite Abschnitt befasst sich mit der Fiktionailisierung von Fremdkontrolle. Ein Beitrag zur Science-Fiction-Literatur zeigt, wie Fremdkontrolle nicht nur als düstere Vision der Zukunft gilt, sondern in utopischen Texten auch positiv dargestelllt wird. Ein anderer Beitrag befasst sich mit filmischen Umsetzungen der Fremdkontrolle, vor allem im „Kabinett des Dr. Caligari“. Schließlich wird die Fremdkontrolle im Comic thematisiert. Dieser Abschnitt ist mit Abstand der unterhaltsamste, hat aber auch seinen ernsthaften Kern durch die Auslotung des denkbar Möglichen und den damit verbundenen persönlichen und gesellschaftlichen Implikationen.Der dritte Abschnitt nimmt einen psychiatrischen Blickwinkel auf das Thema ein. Ein Autor untersucht Vorstellungen, die eine Beeinflussung des Willens durch technische Apparate befürchten. Aus einer juristisch-forensischen Perspektive wird der Frage nach den rechtlichen Implikationen fehlender Selbstkontrolle nachgegangen. Ein Beitrag wirft schließlich die Frage auf, wie Fremdkontrolle von den Betroffenen erlebt wird. Die in zwei Beiträgen eingenommene Perspektive von Betroffenen vermag es, die Innenansicht der Erfahrung von Fremdkontrolle fassbar zu machen.Zwei Beiträge zu kulturellen Gegenhorizonten, die im vierten Abschnitt zusammengefasst sind, handeln von anderen Kulturen, in denen der Wille u.a. freiwillig einer anderen Instanz überantwortet wird. Der erste dieser Beiträge führt nach Ostnepal, wo eine rituell herbeigeführte Kontrolle des Willens durch Ahnengeister praktiziert wird. Interessanterweise dient hier die schamanistische Überantwortung des Willens an einen Ahnen der Lösung sozialer Konflikte. Der zweite Beitrag untersucht den politischen Einfluss desVodou-Glaubens auf Haiti. Beide Beiträge vermitteln Einsichten in andere Kulturen, die auch einen distanzierten Blick auf das westliche Ideal des autonomen Selbst erlauben.Der letzte Abschnitt wirft einen Blick in die Zukunft, da seine Beiträge von dem technisch Machbaren handeln. Versammelt sind hier sehr zugängliche Beiträge, deren Themen auch in der Öffentlichkeit oder der Unterhaltungsindustrie behandelt werden: Ein Beitrag fragt nach der Wirksamkeit der Beeinflussung durch Computerspiele und Massenmedien, ein anderer nach der Manipulierbarkeit des Konsumenten. Die Diskussion um Verbesserung des Körpers durch technische Veränderungen wird in einem Beitrag aufgegriffen, der Mythos und Realität der Kontrolle menschlichen Geistes durch Computerchips untersucht. Schließlich wird mit der Perspektive der Fremdkontrolle der aktuelle Stand neurowissenschaftlicher Forschung resümiert.Alles in allem ist der Sammelband sehr gelungen. Durch die unterschiedlichen Zugänge bietet das Buch viele neuen Impulse und Anregungen zum Weiterdenken. Die Beiträge haben zum übergroßen Teil eine hohe Qualität, sprachlich sind sie auch für fachfremde Leser verständlich. Mich persönlich hätten noch stärker begrifflich orientierte Beiträge aus dem Bereich der Philosophie interessiert. Ein Artikel zu der geäußerten These der Herausgeber, dass Fremdkontrolle die Basis für das Konzept des Selbst sei, hätte ich reizvoll gefunden.
Michael Schetsche und Renate-Berenike Schmidt versammeln in ihrem Herausgeberwerk ab-wechslungsreiche Texte mit je eigenen Zugängen zum Thema. So kommen im Buch u.a. Soziologen, ein Markt- und Konsumpsychologe, ein Historiker oder auch ein Film- und Literaturwissenschaftler zu Wort. Da die Vorstellung von Fremdkontrolle und die damit einhergehenden Gefühle und Gedanken so eng mit unserem Menschenbild zusammenhängen, erscheint es auch nur logisch, dass dieses Thema Schreibstoff für Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen, die sich alle auf die eine oder andere Weise mit dem Menschsein beschäftigen, liefert.In der Einleitung eröffnen die beiden Herausgeber je anhand eines anschaulichen Beispiels das Spannungsfeld aus Ängsten, Mythen und Praktiken im Bereich der Fremdkontrolle. Anschließend wird der Aufbau des Buches (historische Diskurse und Praktiken, Fiktionalisierungen, Psycho-Logik, kulturelle Gegenhorizonte, im Bann der Technik) aufgezeigt und ein kleiner Überblick über jeden Beitrag geliefert. Es wird deutlich, dass Fremdkontrolle nicht notwendiger Weise negativ konnotiert sein muss und interkulturell verschieden belegt sein kann. Der Beitrag von Thomas Bock und Gwen Schulz beispielsweise schildert ‚Individuelles Erleben von Beeinflussung und Fremdkontrolle‘ am Beispiel einer Psychose durch einen Psychologischen Psychotherapeuten und eine Psychoseerfahrene. Sie betonen u.a., dass das Erleben von Beeinflussung nicht nur pathologische und individuelle Aspekte aufweist, sondern ebenso anthropologische und gesellschaftliche. Das Erleben von Fremdkontrolle in der Psychose habe auch in der psychiatrischen Behandlung eine große Bedeutung. Der Ethnologe Werner Egli geht in seinem Text u.a. auf den Zusammenhang von Fremd- und Selbstkontrolle und nicht etwa ihre Gegenläufigkeit ein. So beschreibt er, wie in der ethnischen Gruppe der Sunuwar die Selbstkontrolle durch die Unterwerfung unter die Ahnen-geister gestärkt wird.Jedem, der sich noch unschlüssig ist, dieses Buch zu kaufen, sei empfohlen, die Einleitung zu lesen. Mich persönlich hat die Einleitung sehr in den Bann gezogen, mir nach anfänglicher leichter Verwir-rung bezüglich der Inhalte ein Verständnis für diese geliefert und ich konnte mich kaum entscheiden, wo ich anfangen sollte, zu lesen. Alles in allem besticht der Band vor allem durch die Verschiedenheit der Beiträge und ist daher breit interessierten Leser_innen auf jeden Fall empfohlen. Je nach individuellem Hintergrund wird man aus den verschiedenen Texten unterschiedliches und unterschiedlich viel mitnehmen können. Jedoch sind die Texte zwar durchaus wissenschaftlich, aber fächerübergreifend verständlich und anschaulich geschrieben.