Von einer »Krise der Hermeneutik« kann keine Rede sein denn das Interpretieren literarischer
Werke hat seit fünfzig Jahren an Prestige und Unfang alle anderen Aufgaben der Philologien
überflügelt. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hätte diese Dominanz ungläubiges Staunen
hervorgerufen denn die Hermeneutik galt als Propädeutik der Quellenkritik und Textkritik und
diese als die eigentliche Bewährungsprobe aller historischen und philologischen Forschungen.
Durch eine schlaglichtartige Anamnese umreißt Schüttpelz die wichtigsten Etappen dieses
Paradigmenwechsels in Schule und Universität. Der erste Teil behandelt den Wandel von der
Höheren Kritik als höchstem Wert der Philologie hin zur Hermeneutik als neuem Leitbild der
Geisteswissenschaften. Der Zweite Teil charakterisiert die praktischen Voraussetzungen des
Literaturinterpretierens und ihre literaturtheoretischen Folgen. Zusammen begründeten sie das
Zeitalter der literarischen Hermeneutik die sich bisher gegenüber jeder »Antihermeneutik« als
immun erwiesen hat.