Habe ich das Buch verstanden? Habe ich das Recht mich dazu zu ergehen? Keine Ahnung! Ich bin mir sicher, dass ich in Bezug auf die Klangrede wenig verstehe, aber viel empfinde. Ob ich damit dem Autor nahe bin oder unendlich fern - keinen blassen Schimmer! Ich lese in Harnoncourts Buch fundamentale Wahrheiten über die Musik als Ausdruck der göttlichen Ordnung und den Zustand beider in der heutigen Zeit, teils im Text offen zutage tretend, teils zwischen den Zeilen versteckt. Gegen diese Wahrheiten sind seine gefeierten Erkenntnisse zu Spieltechnik und Aufführungspraxis völlig zweitrangig. Hadern Sie also nicht, wenn Sie sie nicht verstehen, ich versteh sie auch nicht. Er hat, meiner Meinung nach, recht, wenn er sagt, dass wir in einer Zeit leben, in der viele Menschen nicht mehr hören. Zum barocken Geigensteg hätte er aber besser einfach ein Lehrbuch schreiben und es auch so nennen sollen. In diesen Details gehen für mich viele seiner fundamentalen Thesen und Fragen ein wenig verloren ... Für mich hat er nicht nur als Musiker, sondern insbesondere als Mensch viel zu sagen. Ich empfinde ihn als einen großen, streitbaren Geist, der dennoch seine Demut bewahrt hat. Wenn ich ihn richtig verstehe, beklagt er den Zeitgeist (oder viel mehr, den Ungeist in unserer Zeit). Symbol dafür ist, dass noch nie zuvor so viel Geld und Ressourcen in die Ausbildung von Künstlern gesteckt wurde und noch nie so wenig dabei herauskam. Das schreibt Gibbon übrigens auch vom Niedergang des römischen Reiches. Warum wird so viel Geld in staatlich oder von Kapitalgebern gewollte "Kunst" gesteckt, warum wird das individuelle Genie, das zwangsläufig polarisieren muss heute allzuoft verdammt? Weil ein Kollektiv von Durchschnittlichen leichter zu lenken, zu benutzen ist (das schreibt er natürlich nicht, das denke ich mir ...). Das alles finde ich nachdenkenswert. Weil Harnoncourts Herangehensweise an die Interpretation einer Musik sie mir völlig neu erschließt, mich zum Denken anregt, weil sie mir Freude an der Musik gibt, bin ich ihm dankbar. In erster Linie für seine Platten (versuchen Sie doch mal eine Karte für den Wiener Konzertverein zu kriegen ...). Und dann muss ich lesen, dass es ein Zeichen der Degeneration sei, eine Musik immer wieder hören zu wollen, nur weil sie in den Ohren eines nicht Eingeweihten gut klinge, ja dass ich als nicht Eingeweihter eigentlich gar nicht richtig Musik hören könne, ganz zu schweigen davon, Musik verstehen zu können. Ja, ich verstehe Bach nicht, ich emfinde viele seiner sicher genialsten Werke für Ohren und Gemüt echt als heftige Zumutung, erlaube mir aber trotzdem, seine Musik zu hören. In dem Buch ist viel Politisches. Viel teile ich, über manches zerbreche ich mir den Kopf. Ein Beispiel: Auch wenn ich seine Bemerkung zur Gleichschaltung der Musik (der Zeitungen, der öffentlichen Meinung - man nennt das political correctness -, des Fußballs, des Designs, der Literatur, des Gehörs ...) leider teilen muss (er sagt ja nicht, wer der legitime Nachfolger der französischen Revolutionäre ist ...), frage ich mich, ob es ganz früher (in den Zeiten des 30-jährigen Krieges?), als Fürsten sicher viel von Musik verstanden und Klangdialoge mit ihren komponierenden Hofschranzen führten wenn sie nicht gerade zehntausende von Zivilisten schlachten ließen, wirklich so viel besser war. Und ist der Klangdialog nicht heute auch sehr lebendig? Dialogisiert das Publikum nicht sehr harmonisch mit dem alljährlich gecasteten Superstar? Und freuen sich Politik und Kapital nicht über die vom Volk für sich selbst gewollte Verblödung. Und wähnen sich nicht die wahren Kenner so sicher vor dem Sprengstoff, von dem sie glauben, dass er die Villenviertel und den Musiksaal nie erreichen wird, dass sie selbstzufrieden darüber lächeln können, wie effizient der Pöbel doch heutzutage ruhiggestellt wird? Mal ehrlich, die Bogentechnik des Barockmusikers ist mir zu hoch und auch irgendwie egal, es gibt ja schließlich Leute, die das können und für mich (?) Musik machen. Aber das, was Harnoncourt politisch, menschlich, philosophisch, musizierend zu sagen hat und teilweise gar nicht explizit sagt, ergreift mich, beschäftigt mich, regt mich zu Zustimmung, Widerspruch, Klarheit und Ratlosikeit zugleich an. Seine Argumentation in den über die reine Musik hinausgehenden Bereichen ist für mich an keiner Stelle schlüssig, ja noch nicht einmal klar und dennoch spiegelt die Zerrissenheit seiner Rhetorik das, was ein klarer Geist in dieser heutigen Zeit nur sein kann: unerschüttert im Glauben an das Wahre (nennen Sie es göttliche, universale, ewig gültige, wie auch immer ...) und völlig ratlos im Blick auf das Heute. Ich persönlich habe nach dem Lesen in diesem Buch mehr Fragen als vorher, hätte mich selbst nie getraut, ein Buch mit einer so anfechtbaren Argumentationslinie zu schreiben (es hätte eh keiner verlegt ...) aber ich bin mir sicher, dass genau dieses Buch geschrieben werden musste. Weil es - bei allem Unklaren - für jeden, der es merken will, das Klare klar herausstellt und das Verwirrte entlarvt. Harnoncourt hat keine Antworten. Ich werfe ihm das aber nicht vor, ich hab ja auch keine. Dieses Buch ist für mich das Manifest eines aufrichtig Suchenden in bestimmten Phasen seiner Reise. Und kennen Sie einen aufrichtig Suchenden, der sich anmaßt, auf irgendetwas eine Antwort zu haben?