Ein rundum gelungenes Werk, das ich nur empfehlen kann. Die Tagebücher lassen einen echten Anteil am Leben Filippas nehmen und man fühlt sich gleich einem unsichtbaren Beobachter, der ihren Alltag mitverfolgt. Diese empfundene Nähe zu Filippa, welche sicherlich maßgeblich durch den Stil des Tagebuches gefördert wird, offenbart die Vielfältigkeit ihrer Persönlichkeit. Mal schreibt sie ihre reflektierten, nahezu philosophischen Gedankenzügen über den Platz eines jeden Menschen in der Gesellschaft auf, um sich direkt im Anschluss wie jeder andere Teenager über den Schulunterricht zu beschweren. Durch dieses Zusammenspiel von Tiefgang und Leichtigkeit lässt sich das Buch angenehm lesen und ist sehr zu empfehlen.
So schlimm, wie einige Rezensentinnen - interessanterweise sind es nur Frauen - das Buch bewerten, fand ich es jetzt nicht. Sicher, man könnte darüber spekulieren, wie anständig es ist, intimste Tagebuchaufzeichnungen einer Toten, die sich nicht dagegen wehren kann, zu publizieren. Für mich hat es ein Geschmäckle. Zudem weiß man nicht, wieviel an den Aufzeichnungen redigiert wurde und wieviel vielleicht noch pikanteres Material dezent weggelassen wurde. Pikant bleibt es auch so und es erstaunt schon, dass die Eltern Filippas Ergüsse über Eskapaden mit Alkohol und Männern schon im frühen Teenie-Alter an die Öffentlichkeit gelangen ließen. In seltsamem Kontrast dazu steht eine nahezu verquere devote Haltung gegenüber Priestern und der kaholischen Kirche, die wohl auf ihre verklemmte Erziehung zurückzuführen ist. Oberflächlichkeiten und Gedankenlosigkeiten, etwa über die Jagd (meine erste Sau, Frischling, 8 Monate) und über andere Menschen wechseln sich ab mit erstaunlich tiefsinnigen Gedanken über Tod und Leben, Wissenschaft und Kunst. Immer wenn es abstrakt wird, findet die junge Schreiberin die richtigen Worte, geht es um Menschen und ihre Beziehung zu ihnen, wird sie banal, kitschig und teilweise peinlich. Fast könnte man Filippa für eine multiple Persönlichkeit halten, so voller Widersprüche, die irgendwie nicht zusammenpassen wollen, steckte diese junge Frau, zumindest, was ihre Tagebucheinträge betrifft. Immerhin reflektiert sie das auch und sie ist sich dieser Widersprüche durchaus bewusst. Das macht sie, obwohl ich sie in ihrer Flatterhaftigkei, oft naiven Sentimentalität und Sprunghafigkeit nicht unbedingt sympathisch finde, irgendwie authenisch.Filippas Vorstellungen von Liebe gleichen eher kleinmädchenhaften Poesiealbumsprüchen, gleichzeitig geht sie ohne Bedenken betrunken mit fremden Männern aufs Zimmer. Glücklich kommt sie mir nicht vor, eher irgendwie verloren und wie nicht von dieser Welt, trotz aller familiär bedingter Kontakte mit Gott und der Welt. Vermutlich kam sie als das in der Psychologie berühmte mittlere Kind in der großen Kinderschar irgendwie nicht so recht zum Zuge. Nicht ohne Grund drängte es Filippa nach Amerika, nach Harvard, vielleicht auch um den Kopf frei zu bekommen von Europa und seinem alten Adel mit all seinen seltsamen Verklemmtheiten im Geiste. Es hätte ihr vielleicht wirklich gut getan und sie auf einen auch geistig freieren Weg gebracht. Die Familie hat dieses für eine junge Adlige aus dem Rheinland sehr ungewöhnliche Ansinnen konsequent torpediert und unterbunden. Vermutlich auch, weil sich Filippa, wie durch die Blume durchscheint, ein wenig unglücklich in einen jungen Amerikaner verliebt hatte. Man fürchete wohl, die ohnehin schwer steuerbare Tochter würde in Amerika endgültig ihrer ganz eigenen Wege gehen. Nach Harvard führen zwei Wege: Stipendium oder Papa zahlt die horrenden Gebühren. Dazu war die Familie wohl nicht bereit und eigenes Geld hatte sie nicht. Also gab es statt Harvard ein von den Eltern ausgesuchtes Schmalspurstudium für höhere Töchter in Italien und den sicher von langer Hand in Position gebrachten Märchenprinzen als Ehemann gleich mit dazu. Und statt Selbstbestimmung und ein Leben in Freiheit in einem sinnvollen Beruf die Aussicht, zwischen Weinbergen in Italien zu versauern und als kleine Flucht ein bisschen Fotografieren wie einst die Oma. Die Tatsache, dass Filippa das hat mit sich machen lassen und dass sie in ihrem kurzen Leben eigentlich keine Sekunde selbstbestimmt war, das stimmt schon nachdenklich. Und zeigt, wie überlebt und dekadent doch das Bild der Frau beim alten Adel ist. Oder kennt irgendjemand eine bekannte Wissenschaftlerin, Politikerin, Managerin oder bedeutende Künstlerin mit Adelstitel? Alleine für diese Erkenntnisse lohnt die Lektüre. Ganz furchtbar und sehr bezeichnend finde ich die letzte Bemerkung des Vaters zum Tagebuch seiner Tochter: Nach ihrer Verlobung verstummte ihr Tagebuch, sie hatte ja jetzt ihren Vittorio, dem sie alles anvertrauen konnte. Mit diesem Argument verstummten früher nach der Eheschließung oft hoffnungsvolle Schriftstellerinnen und Poetinnen für immer - allerdings im 18. und 19. Jahrhundert.......