Das Gefühl kennt jede und jeder. Verletzlichkeit ist ein vertrautes Phänomen. Es begleitet viele Lebensphasen. So findet sich die Vulnerabilität vor allem auch dann, wenn Menschen erkranken oder gebrechlich werden. Die Pflegewissenschaftlerin Berta Schrems hat mit dem Buch „Vulnerabilität in der Pflege“ nun quasi mit der Lupe darauf geschaut. Sie hat ein rüttelfestes Fundament geschaffen, auf dessen Untergrund weitere Forschungen, aber auch Praxisprojekte starten können.Die Frage nach dem Wieso stellt sich. Schrems gibt selbst die Antwort: „Die fundamentale Vulnerabilität formt die Erfahrung von Menschen mit der Welt. Sie hat ihren Ausgangspunkt in der eigenen Person und in der Offenheit in der Auseinandersetzung mit der umgebenden Umwelt“ (S. 17). Offenheit bedeute, anzuerkennen, „dass das eigene Gefühl von einer bestimmten Sensibilität geprägt ist, die mit dem Empfinden von anderen verbunden ist“ (S. 17).Schrems` Studie zeigt eine Gründlichkeit und Tiefe, die für viele andere pflegewissenschaftliche Studien wünschenswert ist. Sie reflektiert das Phänomen der Verletzlichkeit kenntnisreich mit Hilfe philosophischer und soziologischer Ideen. Sie sammelt den aktuellen gesundheitswissenschaftlichen Forschungsstand. Und sie schaut immer wieder auf die pflegerische Praxis in unterschiedlichen Versorgungssettings.Beeindruckend wirkt es, dass Schrems unter anderem der Ungewissheit Aufmerksamkeit. Ungewissheit könne unterschiedlich bewertet werden. Die Bewältigung derselben hänge davon ab, ob sie als Gefahr oder Chance verstanden werde. Ungewissheit sei kein unveränderlicher Zustand. Reflexion, Überlegen und Nachdenken könnten zu Veränderungen führen und Möglichkeiten der Orientierung eröffnen.Die Verletzlichkeit an sich sieht Schrems nicht nur auf der Seite der Menschen, die pflegerische Unterstützung brauchen. Vulnerabilität ist für die Pflegewissenschaftlerin auch ein Phänomen, das Pflegende selbst betrifft. So betont sie beispielsweise, dass das Werden einer pflegenden Person „ein vulnerabler und lebenslanger Prozess“ (S. 134) sei. Vulnerabilität sei „ein existentielles, kontextuelles und relationales Phänomen“ und „immer Teil einer Interaktion zwischen Angehörigen der Gesundheitsberufe und zu Pflegenden oder deren Angehörigen“ (S. 134).Es stimmt nachdenklich, wenn Schrems schreibt, dass es eine wichtige Voraussetzung für die kritische Selbstreflektion sei, wenn eine reflektierende Person offen für neue Erfahrungen sei. Wagt man einen Blick in die pflegerische Praxis, so haben wahrscheinlich viele Praktikerinnen und Praktiker wenig Luft und wenig Lust zum Nachdenken. Nichtsdestotrotz wäre dies ja ein erster Schritt hin zu eigener Resilienz und eigenem Wohlbefinden.Das Buch „Vulnerabilität in der Pflege“ ruft danach, in Praxisprojekten, wissenschaftlichen Forschungen und vor allem fachlichen Diskursen weiterentwickelt zu werden. Es zeigt auf, dass das Phänomen der Vulnerabilität mit wechselseitigen Prozessen zwischen Pflegenden und Gepflegten verbunden ist. Es macht deutlich, dass Pflegende selbst aufgefordert sind, an der eigenen Verletzlichkeit zu arbeiten. Und es ruft auf, die Verletzlichkeit zu kontextualisieren und hermeneutisch einzuordnen.Ein Aufbruch ist überfällig.