Die InhaltsangabeWer Soziale Soziale Arbeit studiert, durchläuft ein Praxissemester, das durch Ausbildungssupervision begleitet wird. Tim Middendorf betrachtet diese Phase als Sozialisationsprozess und untersucht, wie und in welcher Weise das Lehr- und Lernformat Ausbildungssupervision von den Beteiligten gemeinsam realisiert wird. Zentrale Fragen sind dabei: Was tragen die beteiligten Personen dazu bei und wie nehmen sie aufeinander Bezug, sodass in der Sitzung eine arbeitsfähige Supervisionsgruppe bzw. ein Supervisionsprozess entsteht? Und wie verlaufen die Aushandlungsprozesse über die Inhalte im Rahmen der Supervisionssitzungen im Einzelnen, welche Effekte spielen hierbei eine Rolle?Vor dem Hintergrund, dass Supervision, wie Middendorf postuliert, ein Sozialisationsprozess in einer Innenwelt ist, stellt der Autor zunächst die Frage nach der theoretischen Einbindung in eine Außenwelt. Die Konzepte der Wissenschaft der Sozialen Arbeit, Profession der Sozialen Arbeit, Professionalität in der Sozialen Arbeit werden herangezogen, um ein Verständnis für die Prozesse von Professionalisierung im Studium der Sozialen Arbeit herzuleiten: Zu erwarten sind Aneignung von Fachwissen, Entwicklung von Kompetenzen, Herausbildung von Identität und Befähigung zur Reflexivität.Der empirische Zugriff widmet sich Supervisionssitzungen anhand von Videomitschnitten, die im letzten Drittel der Praxisphase erstellt wurden. Ergänzend hierzu werden Interviews analysiert, in denen Studierende und Supervidierende zu ihrem Erleben von Ausbildungssupervision befragt werden. Middendorf transkribiert Beobachtungen verbalen und nonverbalen Ausdrucks und unterzieht das Material einer umfangreichen qualitativen Analyse. Er orientiert sich dabei an einer von Breuer vorgeschlagenen Methodik, die das Forschen an sich als eine "leibgebundene engagierte Tätigkeit" voraussetzt und eine "reflektierte Subjektivität" erfordert. Diese selbstreflexiven Prozesse sind Teil der Auswertung und werden explizit neben der linearen Darstellung der Auswertung dargestellt. Die Auswertung erfolgt in wiederkehrenden Sequenzen von Literaturrecherche zur theoretischen Fundierung, Datensammlung, Datenanalyse und Selbstreflexion, die Erkenntnisse über die Makro- und Mikroprozesse innerhalb der Supervision hervorbringen. Der Forscher zeigt, wie die Beteiligten im Einzelnen verbal und nonverbal auf den Prozess der Supervision Einfluss nehmen, wie Gestaltungsverantwortung ausgehandelt wird, welche Praktiken zur Anliegenentwicklung und Prozessgestaltung hier beobachtet werden können und wie der Supervisionsertrag verdeutlicht wird.Tim Middendorf zeigt in seiner Analyse, auf welche Weise verschiedene Elemente eines Sozialisationsprozesses in Supervision im Rahmen der Professionalisierung der Studierenden zusammenwirken. Eine Schlüsselszene stellt in der Supervision der Aushandlungsprozess dar, in dem verhandelt wird, was in der jeweils aktuellen Supervisionssitzung Thema der Supervision sein soll. Eine bedeutsame Erkenntnis der vorliegenden Arbeit ist, dass diese Schlüsselszene in Ausbildungssupervision asymmetrisch gestaltet wird. Supervisanden und Supervidierende sind demnach nicht gleichberechtigt an der Gestaltung dieses Aushandlungsprozesses beteiligt. Den Ergebnissen nach lassen sich verschiedene Handlungen zur Erziehung, zur Bildung und zur Sozialisation erkennen, die einerseits die Position der Lehrenden verdeutlichen, andererseits zeigen die Studierenden Interaktionen, die Anpassung, Widerstand oder Bestätigung verdeutlichen. Die Ausprägung dieser Interaktionen und deren Gleichgewicht wird unter anderem durch die Lehr- und Lernautonomie der Beteiligten und nicht zuletzt durch deren individuelle Biografie beeinflusst.Der KontextBislang liegen wenige, im engeren Sinne nur zwei Studien vor, die sich gezielt mit dem Thema Ausbildungssupervision befassen. Tim Middendorf erforscht im Rahmen seiner Dissertation erstmalig empirisch und im Detail das Geschehen innerhalb von Ausbildungssupervisionen im Rahmen des Studiums der Sozialen Arbeit.Der Autor und ForscherTim Middendorf ist als Supervisor und hier in der Rolle des Forschers tätig. Er stellt sich hier konsequent den in der qualitativen Forschung erforderlichen Reflexionsprozessen, um sich die eigene Subjektivität vor Augen zu führen und die Wirkung seiner Supervisorenrolle auf den Forschungsprozess kritisch zu hinterfragen.Subjektive EinschätzungDie Dissertation als wissenschaftliche Arbeit richtet sich an ein Fachpublikum im Bereich der Sozialen Arbeit sowie an interessierte Leser*innen wie z.B. Supervisorinnen und Supervisoren.Kapitel 5 mit der Darstellung der Ergebnisse hat bei mir als Supervisorin, ebenfalls in Ausbildungssupervision tätig, zunächst besonderes Interesse geweckt, da hier die Sequenzen der Videos und Interviews vom Forscher im Detail ausgearbeitet werden. Viele Szenen sind in ihrer Beispielhaftigkeit in der eigenen Praxis wiederzuerkennen. Der Fokus auf die mikrosoziale, wechselseitige Bezugnahme der Beteiligten des Supervisionsprozesses verlangsamt das Geschehen sozusagen auf eine Zeitlupe, die das Bewusstsein für jede Aktion bzw. Reaktion, verbal oder nonverbal, noch einmal neu schärft. Individuelles Wachstum und Hineinwachsen in eine Community, die eigentlich untrennbar Hand in Hand gehen, werden hier einmal gesondert betrachtet. Der theoretische Rückbezug auf die Wissenschaft, die Profession und das Studium der Sozialen Arbeit ist für diese wissenschaftliche Arbeit nicht verzichtbar und liefert spannende Einsichten für Personen, die nicht eigentlich aus der Sozialen Arbeit stammen. Somit empfand ich auch dieses Kapitel als aufschlussreich. Bei Vertrautheit mit den Methoden der qualitativen Datenanalyse ist der immens hohe Aufwand der Transkription und der Datenanalyse im Rahmen dieser empirischen Arbeit zu erahnen. Ein sehr komplexes Thema schlüssig einzuführen, komplexe Daten pragmatisch aufzuschlüsseln und Interesse an einer weiteren Forschung zur Ausbildungssupervision zu wecken - diese Punkte sind aus meiner Sicht sehr gut gelungen.In Supervision hat neben dem sprachlichen Anteil „Körperpraxis“ eine wichtige Bedeutung, dazu gehört neben der nonverbalen Kommunikation auch die Nutzung von Artefakten wie Stift und Flipchart, Positionierung im Raum, Positionswechsel sowie Einnehmen von Standpunkten zur Distanzierung. Die vorliegende Arbeit akzentuiert die Bedeutung dieser Multidimensionalität des Erlebens aus Perspektive des Sozialisationsprozesses - eine spannende Perspektive besonders in Zeiten von Supervision als Online-Angebot.Nicht zuletzt lädt das Literaturverzeichnis auf verschiedenen Ebenen zum tieferen Einstieg in die Materie ein. Eine Arbeit, die dazu anregt, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven auf Ausbildungssupervision zu schauen. Die investierte Lesezeit hat sich für mich sehr gelohnt.