Das Einhorn und der liebe Gott – beide sind nie direkt beobachtet worden. Aber beide existieren im Innenleben vieler Menschen – und in dicken Büchern. Gott als die entrückte Vaterfigur im Neuen und als Jahwe-Griesgram im Alten Testament, vergleichbar mit Stevensons Dr. Henry Jekyll und Mr. Edward Hyde. Auch das Einhorn hat angeblich ein paar Auftritte in der Bibel, jedenfalls in der freien Übersetzung von Martin Luther. Schon im 2. Jahrhundert AD taucht es bei Physiologos als allegorische Verkörperung von Jesus im Schoße der Jungfrau Maria auf, und sein einzelnes Horn (monoceros) galt als Hinweis auf den Monotheismus. Es ist aber vor allem Martin Walsers Einhorn, das Emotionen hervorruft, die auch der jüdisch-christliche Gott bei seinem Volk voraussetzt: unerfüllte Wünsche nach Liebe, Eingeständnis als Mängelwesen und daher ungesättigtes Verlangen nach Transzendenz und Glaube. Wie der biblische Gott ist das Einhorn bei Walser ein Einzelwesen, kompromisslos und oft zornig, eifersüchtig und manchmal lächerlich in seiner Wut. Schwach und sanft wird das Einhorn nur in der Liebe, so wie Gott nur versöhnt wird durch ekstatischen Lobpreis und absoluten Gehorsam.In diesem Buch geht es um „Gott – oder nicht Gott“. Genauer: Um die Kernfrage über die „metaphysische These, (…) dass ein allmächtiger und allgütiger göttlicher Welturheber existiert“ (8). Noch genauer und einschränkender: Um die Diskussion von fünf Einwänden, die von theistischer Seite gegen den Atheismus erhoben worden sind. Von Vornherein ist die Argumentationslage also unsymmetrisch: nicht die Atheisten zweifeln und greifen an, sondern die Theisten, mit applaudierenden Gläubigern hinter sich. Sie attackieren atheistische Argumente gegen die Existenz eines Gottes. Das mag unbefriedigend sein. Denn die Behauptung „Gott existiert“ sei, so sagen viele, eine außerordentliche Behauptung, die außerordentliche Beweisanstrengungen verlange. Andernfalls, wenn keine schlagenden Gründe angegeben werden, dürfe die Behauptung ohne weitere Gründe abgewiesen werden: quod gratis asseritur, gratis negatur (sog. Hitchen’s razor). Bei dieser in 5 Kapiteln geführten Diskussion kann der Autor umgekehrt natürlich auch die eigenen Argumente gegen die Einwände der Theisten vertiefen und verschärfen, um wieder eine faire Symmetrie herzustellen.1. Im ersten, dem längsten, Kapitel geht es um den Einwand, dass die Aussage der Atheisten, „Es gibt keinen Gott“ letztlich auch nur ein Glaubenssatz, also dogmatisch, sei. Damit wird schnell ein (scheinbares) Patt hergestellt. Es wundert nicht, dass in dieser Situation der Agnostizismus einen Kompromiss anbietet, auf den sich mancher gerne einlässt. Denn Nicht-Existenz ist meist sehr viel schwieriger zu „beweisen“ als Existenz. Das weiß jeder, der einmal nach „bugs“ in einem Software Programm gesucht hat, oder der in einer Naturwissenschaft tätig ist. Nur in Mathematik und Logik gelingt so etwas manchmal, meist durch einen indirekten Beweis. Beispielsweise gibt es nachweisbar keine größte Primzahl, weil ihre Existenz zu einem Widerspruch führt: man kann nämlich immer eine noch größere angeben. Nur sind Religion und Glaube weit entfernt von Logik.2. Das zweite Kapitel formuliert Einwände gegen den Satz „Es gibt keinen Gott“ als negative Ontologie-These, also als Behauptung der materiellen Nicht-Existenz. Mit dem Vorwurf, hier werde dem Glauben nur ein recht primitiver Materialismus entgegengesetzt, verweist der Theist stattdessen auf die Rätsel und Mysterien und unerklärbaren Wunder, die den materialistischen Atheismus klein aussehen lassen. Vielleicht ist es nicht ohne Interesse festzuhalten, dass im Hebräischen extra eine Existenzpartikel „jesch“ auftritt, die, stärker als das Hilfsverb „sein“ (hebr. „haja“), das reale Vorhandensein einer Sache oder Person ausdrückt. Komplementär gibt es die Partikel „ajin“ für Nicht-Existenz, wie in Gen 2:5: „Adam ajin“ = einen Menschen gab es (noch) nicht. Wenn der alttestamentarische Gott in Exodus 3:14 über sich selbst spricht, benutzt er nicht „jesch“, sondern „sein“, dafür aber sehr selbstbewusst: „Ich bin, der ich bin“, in der Vulgata: „Ego sum, qui sum.“ Wenn er sich jedoch über die Narren beklagt, die seine Nicht-Existenz behaupten, steht dort die Partikel „ajin“, also die Partikel für materiales Nicht-Vorhandensein.3. Als nächstes wird die angebliche Erklärungsnot der Atheisten angesprochen. Denn sieht nicht jedermann mit eigenen Augen, wie wundervoll die Welt geordnet ist, wie gut sie für uns Menschen funktioniert, wie wohlwollend Gott ist? Er muss das alles für uns geplant und konstruiert haben! In diesem Dunstkreis von „intelligent design“ kommen Hume und Mill zu Widerworten. Und heute? Zwar müssen Wissenschaftler zugeben, dass eine befriedigende Erklärung „für alles“ längst nicht erreicht und vielleicht auch gar nicht möglich ist. Jedoch ist das Kantische Unternehmen, der Natur ein paar grundlegende Gesetze vorzuschreiben und dann experimentell nachzufragen, ob sie gehorcht oder nicht, ein sehr viel menschlicheres Programm als in einem alten Buch von einem brennenden Busch zu lesen und die Flammen als Beweis zu akzeptieren, dass ein einziger Gott, der so etwas vermag, bestimmt auch den ganzen Kosmos in sechs Tagen erschaffen kann.4. Das vierte Kapitel war für mich das aufregendste. Diskutiert wird hier der Vorwurf der Theisten, der Atheismus sei nicht nur politisch motiviert, sondern er verderbe die Moral. Denn, so geht das Argument in nuce: „Normen lassen sich nur über einen Rekurs auf eine Autorität begründen“ (77). Und welche Autorität ist größer als die des Allmächtigen? Die Darstellung, wie dieses Axiom in den Schriften Ockhams und Kierkegaards explodiert, ist ein Höhepunkt dieses Buches.5. Angesichts der Shoa und anderen Übeln in der Welt einerseits, und dem unschuldigen Leiden andererseits, ist es schwierig, an der Vorstellung eines allmächtigen und allgütigen Gottes festzuhalten. Jede Theodizee muss unter dem Gewicht dieses Widerspruchs zusammenbrechen. Ein Ausweg wäre es, das eine oder andere Gottesattribut abzuschwächen und seine Absolutheit zu verwässern. Diese Taktik könnte ihn gegen die Kritik, seiner alles überragenden Stellung nicht gerecht zu werden, resistent machen. Und die Schuld an weltlichem Übel und Leiden könnte jemand anderem zugeschoben werden, etwa dem freien Willen des Menschen oder dem Teufel in uns. Oder man könnte die göttlichen Eigenschaften breiter verteilen, im Extrem auf den ganzen Kosmos, dann vom Pantheismus sprechen und weiter an „etwas“ glauben, das irgendwie trotzdem transzendent und heilig ist. Eine solche Verwässerung des ursprünglichen Konzepts des (christlichen) Gottes ist beklagt worden (z.B. von Benedikt XVI), erfreut sich aber einer Beliebtheit, die zu einem Zoo von angeblich kritikresistenten Theologien geführt hat. Auch wenn bei diesen Religionssurrogaten bekannte Namen (Paul Tillich, Hans Jonas) auftauchen, bleibt nach näherer Ansicht nur peinliches New-Age Gemurmel und spiritueller Kitsch zurück.6. Das abschließenden 6. Kapitel fragt, ob ein Atheist aufgrund seines Unglaubens etwas verlöre, das der Gläubige dank seines Glaubens besitzt und genießt. Gemeint sind Halt und Trost, die in der Hoffnung liegen, dass ein gerechter Gott am Jüngsten Tag, oder gar vorher, gute Taten belohnen und die noch anstehenden Sünden vergeben wird. Auch dieser fromme Wunsch, Belohnung und Vergebung von oben, ist nie beobachtet worden. (Ganz abgesehen von der Jungfrauengeburt, der Auferstehung, dem ewigen Leben, den Wundern.) Ich möchte hier umgekehrt eine menschliche Fähigkeit anführen, die bei bibelfesten Gläubigern oft verkümmert oder ganz verloren geht, die aber bei den griechischen Göttern und ihren heidnischen Berichterstattern von Homer bis Aristophanes und Menander (also in Zeiten, in denen das Alte Testament geschrieben, ediert und allmählich kanonisiert wurde) eine so große Rolle spielte wie heute: den Sinn für Humor. Richard Dawkins Idee, Busse in der Londoner Innenstadt mit der weithin lesbaren Aufschrift „There’s probably no God. Now stop worrying and enjoy your life“ zu versehen, wird in diesem Buch zwar erwähnt, aber wegen seiner Un-Ernsthaftigkeit und dem „probably“ bemängelt. Dabei ist das „probably“ gerade sein Witz und die Genialität der Bus-Kampagne! (Ich kann das hier leider nicht begründen.) Dawkins‘ Freund Christopher Hitchens („God is not great“) wird gar nicht zitiert, obwohl seine unzähligen, dezidiert nichtakademischen, aber trotzdem kenntnisreichen Vorträge mehr für einen gesunden Atheismus getan haben als viele Bücher aus der umfänglichen Bibliographie dieses Buches. Es gibt in Kirchen und im Internet angestrengte Versuche, Teile der Bibel lustig zu finden und Spaß beim Lesen zu erzeugen. Auch finden sich ein paar gelehrte Bücher mit Beispielen von Ironie im Alten Testament (s. auch über die Religionssatire bei Jan Assmann: „Die Mosaische Unterscheidung“, 38 – 47). Aber viel häufiger sind nackte, von Gott befohlene Gewalt und verbale Ausfälle gegen Ungläubige, die im besten Fall als Dummköpfe bezeichnet („naval“ im Hebräischen, was gleichzeitig Narr und Gottloser bedeutet, s. Psalmen 14 und 53), nach Möglichkeit aber lieber gleich niedergemetzelt werden, Genozid (Dtn 20:10-17 und anderswo) und Femizid (Num 31:2-10, 14-18) eingeschlossen. Geschieht ihnen recht, würde der Evangelist Markus sagen: „Wer nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mk. 16:16). Und Sankt Augustinus würde hinzufügen: Die Tötung Ungläubiger sei das Beste, was diesen Verdammten passieren könne und geschehe deshalb aus „väterlicher Fürsorge“ und „im Dienste der Liebe“ (Brief an Vincentius, 93, 1 und 8).Dieses aufklärerische und kluge Buch ist unbedingt zu empfehlen, nicht zuletzt wegen der angehängten Bibliographie, in dem beide, Theist und Atheist, reichlich intellektuelle Munition finden werden.
Andere Rezensenten hier haben die Zielsetzung und den Inhalt der Broschüre detailliert beschrieben. Deswegen hier nur einige ergänzende kritische Bemerkungen.Die Schrift hat ein wichtiges Anliegen – die Diskussion der gegen den Atheismus erhobenen Einwände – und ist soweit notwendig. Die Umsetzung könnte noch etwas stringenter sein. Fehler sind mir nicht aufgefallen. Die Arbeit hat den Charakter einer philosophiegeschichtlichen Abhandlung, nicht einer argumentativen Handreichung.Schlüssig sind die einleitenden Beschreibungen zu Inhalt, Aufgaben, Grenzen und Beziehungen zwischen Theismus, rationaler Theologie und Atheismus. Der Übergang von einem Gottesbild der rationalen Theologie zu einer konkreten theistischen Gottesvorstellung (lokale Religion) wäre auch bei dessen Wahrhaftigkeit problematisch.Der Autor konzentriert sich auf das von ihm Standardmodell genannte philosophische Gottesbild mit den Eigenschaften Transzendenz und Ewigkeit, Allmacht, Allgüte und Allwissen zusammen. Hier wäre eine zweistufige Betrachtung, zuerst mit der notwendigen Transzendenz und Ewigkeit, dann mit den logischen All-Erweiterungen, zielführender. Bis auf den Pantheismus werden andere Ansätze nur knapp gestreift.Die Broschüre erscheint wie eine Kompilation verschiedener kurzer Artikel zu einzelnen Gesichtspunkten, deren Vereinheitlichung nur teilweise gelungen ist. Der Stil ist dem entsprechend unterschiedlich von akademisch bis sarkastisch.Als Beispiel für die erwähnten Aspekte seien die Repliken gegen Lücken in der angelsächsischen Literatur zur kontinentaleuropäischen Atheismus-Geschichte genannt.Überhaupt sollte die Geschichte der antiatheistischen Einwände besser in einem gesonderten Kapitel zusammengefasst oder in jeden Einwand-Komplex spezifisch integriert werden.Die Einwände gegen den Atheismus aus politischer und moralischer Sicht werden ausführlich behandelt. Falls sie überhaupt in redlicher Absicht vorgebracht werden, zeugen sie eher von der persönlichen Befangenheit der Opponenten in einer christlich durchdrungenen Umwelt als von rationaler Logik. Für mich sind sie ziemlich weit hergeholt, schwach, sachfremd und von der Geschichte – insbesondere die der religiösen Gemeinschaften – widerlegt und im 21. Jahrhundert nur noch mit peinlicher Weltfremdheit zu vertreten. Philosophisch ist klar, dass ein allmächtiger Gott keiner Moral unterworfen ist, aber jederzeit moralische Gesetze verkünden und ändern kann.Die jeweiligen sachlichen Einwände werden zu aggregiert und zu pauschal abgehandelt. Für Zweifler und Suchende sollten sowohl die Einwände als auch ihre Widerlegung umfangreicher und detaillierter behandelt werden. Der Stil ist oft lakonisch.Aus Sicht des Autors bleiben vor allem zwei Teil-Einwände gegen den Atheismus diskussionswürdig. Zum einen die sogenannte Feinabstimmung, sie gilt aber nur bei Variation eines Parameters, komplementäre Änderungen mehrere Parameter erlauben andere komplexe Welten. Zum anderen kann in Zwangssituationen die Aussicht auf Errettung Hoffnung geben und Lebenskräfte wecken. Ob dies aber ein Argument für Gott sei, ist mehr als fraglich.