Das ersten Artikel ist das Betriebssystem Holacracy in sehr strukturierter und leicht lesbarer Form erklärt. Seine Ursprünge, die treibenden Personen und Kräfte hinter der Entwicklung des Systems und welche Unternehmen damit arbeiten.Im zweiten Kapitel stellt sich der Autor der Kritik von Organisationsentwicklern und fügt auch eigene Kritikpunkte hinzu. Dabei verwendet er das System der Polaritäten von Barry Johnson (“Polarity Management. Identifying and Managing Unsolvable Problems”). Dieser Teil des Buches eignet sich aus meiner Sicht besonders für alle Führungskräfte, Organisationsentwickler, Coaches und Personalverantwortliche. Egal ob mit oder ohne Holacracy als Betriebssystem werden hier Tools an die Hand gegeben, eine neue Perspektive auf Change Prozesse einzunehmen. Sozusagen eine Meta-Ebene. Daher volle Kaufempfehlung.
Bereits in meiner Zeit als Führungskraft habe ich erlebt, wie es ist, wenn ein Unternehmen eine klare Ausrichtung, Strukturen und Prozesse schafft und Vertrauen in die Selbstmanagementfähigkeiten ihrer MitarbeiterInnen setzt, dass dies ungeahnte Energien freisetzt, die Menschen enorm beflügelt und persönliches Wachstum generiert.Heute bin ich als selbständiger systemisch-integraler Coach und Coach-Ausbilderin tätig. Die Faszination für neuartige Modelle, die selbstbestimmtes Handeln und schnelle Entscheidungen ermöglichen, Transparenz und Priorisierung in der Zusammenarbeit fördern, ist geblieben und beim ersten Kontakt mit Holacracy ist meine Neugier gesteigert worden. Gleichzeitig kamen jedoch auch einige Fragezeichen auf, wie die Implementierung eines recht komplexen Systems in der Praxis gut gelingen kann. Dennis Wittrock gibt aufgrund seiner langjährigen Praxiserfahrung mit Holacracy in seinem Buch umfassende Antworten auf mögliche Fragen oder Kritiken.Zu Beginn stellt Dennis Wittrock das Grundkonzept von Holacracy vor: er zeichnet ein ausführliches Bild davon, welche formalen Prozesse, Rollen, welches Verständnis der Zusammenarbeit etc. Holacracy ausmachen, um genau o.g. Effekte zu erzielen.Im zweiten Teil setzt er sich intensiv mit Kritiken auseinander: Es werden Fallstricke und Praxisempfehlungen zur Behebung aufgezeigt, aber auch Missverständnisse der Grundkonzeption, Probleme aufgrund mangelnder Praxisreife, und auch Probleme, die immer mit Veränderungen verbunden sind: das Festhalten oder Zurückfallen in alte Muster. Auch die Empfehlung Holacracy nur mit fundierter Unterstützung von gut ausgebildeten Holacracy-Coaches einzuführen und nachhaltig zu begleiten, unterstreicht für mich als Coach seine Seriosität – denn es geht nicht nur um Vermittlung von neuen Verhaltensweisen, sondern um Veränderung von Haltungen - und dazu braucht man einen langen Atem.Im 3. Kapitel zeigt Dennis Wittrock mittels des Polaritätsmanagements auf, dass Holacracy in der Praxis stets versucht, beide Pole zu integrieren und zu managen. Damit ist gemeint z.B. die Balance zu halten zwischen Formalität und Informalität, Transparenz und Vertraulichkeit, sodass die Vorteile beider Pole verwirklicht und die Nachteile der Überbetonung eines Pols vermieden werden können. Mit Beispielen dazu entkräftet der Autor die Vorwürfe von Kritikern, die Holacracy eine Überbetonung eines Pols vorwerfen, z.B. Hyperformalisierung oder Transparenzparadox.Mit dem Polaritätsmanagement lädt er zudem auch die Kritiker ein, systematisch nach mehr Perspektiven zu suchen, um das Bild vollständiger wahrzunehmen, nicht unnötig zu polarisieren und damit konstruktiver in den Dialog zwischen Praxis und Forschung zu gehen. Warum man Praxiswissen in den wissenschaftlichen Prozess inkludieren sollte, zeigt er auch im 4. Kapitel auf: einerseits um „nur subjektiv erfahrbare Daten“ zu ergänzen, andererseits um Aspekte der Holacracy-Praxisreife wirklich einschätzen zu können und somit nicht partiellen Sichtweisen zu erliegen oder zu verfälscht abgeleiteten Verallgemeinerungen zu kommen.Alles in allem ist das Buch von Dennis Wittrock eine besondere Bereicherung für mich als Coach, aber auch für Führungskräfte, die über die Einführung von Holacracy oder Bausteine davon nachdenken – letztendlich um Holacracy besser zu verstehen. Und vielleicht ist dies ein erster Schritt, um diesen evolutionären Ansatz mal in der Praxis zu erleben, zu testen…