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Franz Joachim Schultz
08.04.2024
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Eigentlich habe ich gedacht, dass Massimo Montanari (*1949) seine „Kurze Geschichte eines Mythos“ mit Roland Barthes beginnen würde. Der hat nämlich in seinem Buch über die „Mythen des Alltags“ (1957) das „Steak frites“, das Leibgericht vieler Franzosen, kurzerhand zu einem Mythos erklärt. Mit Barthes’ erweitertem Mythos-Begriff hätte Montanari sehr gut über die Spaghetti schreiben können. Aber zum einem braucht ein Italiener keinen französischen Semiologen, um sein Leibgericht zu präsentieren, zum anderen sind die „Spaghetti al pomodoro“ etwas ganz Anderes als ein simples, meist zähes „Steak frites“. Montanari hatte aber sicher Barthes im Hinterkopf, zumindest beginnt auch er auf einem relativ hohen wissenschaftlichen Niveau, indem er etwas mühsam über die Begriffe „Ursprung“, „Wurzeln“, „Identität“ doziert. Im zweiten Kapitel spricht er auch vom „Mythos von den Ursprüngen“. (S. 16)Montanari blättert dann vor unseren Augen ein ganzes Kapitel aus der Geschichte der Gastronomie auf, eigentlich der gesamten Kulturgeschichte. Wussten Sie z. B. dass die Nudeln aus dem Nahen Osten stammen? Dass die Spaghetti einmal Maccheroni hießen, dass alles in Sizilien begann, im Ursprungsland der „Nudelindustrie“? Deutsche Leser erinnern sich in diesem Zusammenhang an Johann Wolfgang Goethe, der in seiner Italienischen Reise über die Nudeln geschrieben hat. In Agrigent, so schreibt er, sei er in einer Familie untergekommen, die in Heimarbeit Nudeln hergestellt hat. Auch Montanari nennt natürlich Goethe (S. 79) und einige andere Reisende, denen der (übermäßige?) Nudelgenuss in Italien aufgefallen ist. Auch andere Größen der Kulturgeschichte werden genannt: Marco Polo, Boccaccio, Leonardo, um nur diese drei zu nennen.Montanari geht in den meisten Kapiteln von ganz einfachen Gegebenheiten aus, z. B. von der Frage „Wie koch man Pasta?“ Ein ganz banaler Vorgang, könnte man meinen, doch für unseren Autor ist das überhaupt nicht so. (S. 54) „Al dente“: Was genau hat man darunter zu verstehen und wie ist der Begriff entstanden? (S. 71 – 74) Meister der Kochkunst kommen natürlich auch zu Wort. Da wäre als erster Pellegrino Artusi (1820 – 1911) zu nennen, dessen Kochbuch in Italien zu einem Klassiker geworden ist.Dieses Buch liest man aber mit Vergnügen. Hier noch einige Kapitelüberschriften: „Der Käse auf den Maccheroni“, „Tomate in spanischer Soße“, „Das Olivenöl und die Erfindung der mediterranen Diät“, „Knoblauch und Zwiebel, bäuerliche Düfte“. Interessante Frage werden beantwortet, z. B.: Ab wann wurde (Oliven-) Öl allgemein zu Nudelgerichten verwendet? (S. 109) Wann gelangte das Basilikum in die italienische Küche? (S. 115) Ein schönes Geschenk für alle, die Italien und seine Küche lieben.Buon appetito!
Der Titel der italienischen Originalausgabe lautet "Il mito delle origini" und das trifft den Inhalt eher als der deutsche. Der Mythos von Ursprüngen, am Beispiel der Spaghetti al Pomodoro, und darum geht es in den ersten Kapiteln in einem sehr geschwollenen Soziologenjargon ("Der Götze Ursprung") und dazu sehr abgehoben, so dass ich beinahe wieder aufgehört hätte. Jetzt fragen Sie sich vielleicht, warum Montanari auf irgendeinem Götzen herumreitet. Einfach ausgedrückt geht es ihm darum, dass es fast immer müßig ist, einen Ursprung zu suchen, und damit meint er die Erfindung, den Ursprung der Nudeln und am Schluß dieses berühmte Gericht. Denn hier kommt eine Vielzahl von Ursprüngen, Entwicklungen und Einflüssen zusammen, und diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden (oder wie eine lange Nudel?) durch das ganze Buch. Und dann wird es wirklich interessant und ein Lesegenuss. So, und jetzt gehe ich die Küche und koche einmal Spaghetti al Pomodoro und genieße den Endpunkt dieser langen Entwicklung und vergesse alle Götzen und Mythen.