Ein wunderbares Buch! Zum Einen ist es die Geschichte von Elsa. Die ist 27, müsste also im Nachkriegsitalien schon längst verheiratet sein - meint jedenfalls ihre Mutter, die es an hohler Geschwätzigkeit durchaus mit den Müttern aus den Jane Austen-Romanen aufnehmen kann. Elsa hängt aber durchaus einer heimlichen Liebe nach: Sie trifft sich mit dem Fabrikantensohn Tommasino. Die Geschichte von Tommasinos Familie macht den anderen Teil des Buches aus. In knappen, genauen Sätzen lässt Natalia Ginzburg auf wenigen Seiten die Lebensgeschichten von Tommasinos Vater und von seinen unglücklichen Geschwistern aufscheinen. Dabei hat sie einen wunderbaren Blick für das entscheidende Detail; so kann ein Trinkbecher die Tragik eines ganzen Lebens ausdrücken. Obwohl Elsa die Erzählerin ist, spricht sie nie von ihren Gefühlen. Stattdessen bildet das hohle Geschwätz der Mutter und ihrer Freundinnen eine Art Grundbass zu allen Ereignissen; das eigene Leben und die Gefühle Elsas drohen darin zu versinken. Von Jane Austen unterscheidet sich Natalia Ginzburg eben durch ihre Melancholie: Elsa weiß, dass es für das Glück nicht ausreicht, einen schönen kultivierten Mann zu heiraten. Damit ist sie wohl näher an einer Realität, in der die meisten Lebensläufe mit enttäuschten Hoffnungen gepflastert sind. Natalia Ginzburg erzählt von diesen enttäuschten Hoffnungen, und sie tut das auf eine liebevolle Art, die den Figuren in ihrem Buch ihre Würde zurückgibt.
"Wenn ich Geschichten schreibe, bin ich wie einer, der in seiner Heimat ist, auf den Straßen, die er von klein auf kennt, zwischen den Mauern und den Bäumen, die ihm gehören." Kann man es denn schöner schreiben?, als es Natalia Ginzburg schon in den letzten Sechzigerjahren mit diesen Worten zum Ausdruck brachte? In der Zeit etwa, als auch ihr Roman "Die Stimmen des Abends" erschien. "Mein Beruf ist es, Geschichten zu schreiben, erfundene Dinge oder Dinge aus meinem Leben, an die ich mich erinnere, aber jedenfalls Geschichten. Dinge, bei denen nicht die Bildung, sondern nur Gedächtnis und Phantasie eine Rolle spielen. Das ist mein Beruf, und ich werde ihn bis zu meinem Tod ausüben." Anders ausgedrückt hat es vor einigen Jahren der Deutschlandfunk DLF Kultur: Bei Natalia Ginzburg lag Italien auf der Couch.Natalia Ginzburg (1916-1991) war eine italienische Schriftstellerin. Sie wuchs in Turin auf, wo sie später an der Universität von Turin studierte und sich an antifaschistischen Aktivitäten beteiligte. Ginzburgs Schreiben konzentrierte sich auf die alltäglichen Erfahrungen des italienischen Lebens und die Kämpfe gewöhnlicher Menschen. Ihre Werke, darunter Romane, Essays und Theaterstücke, sind für ihre Einfachheit und Klarheit der Sprache bekannt. Zu Ginzburgs bekanntesten Werken gehören "Mein Familienlexikon", "Die Straße in die Stadt" und das vorliegende "Die Stimmen des Abends". Von 1983 bis 1987 war Natalia Ginzburg war Mitglied des italienischen Parlaments.Erzählt wird die Geschichte von Elsa - "Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt" -, die das Leben so, wie es vorgesehen ist, nicht führen will. Obwohl ihre Mutter sie mit allen Junggesellen aus dem Dorf verheiraten möchte, kümmert sie sich nicht darum und fährt zweimal pro Woche mit dem Bus in die Stadt, um Tommasino zu treffen, den jüngsten Sohn des Fabrikbesitzers Balotta. Bei langen Spaziergängen im Stadtpark oder in dem kleinen Zimmer in der Via Gorizia, das er für diese heimlichen Treffen gemietet hat, öffnet sich der introvertierte Tommasino gegenüber Elsa. Nur heiraten will er sie nicht. Der Roman beschreibt auch die Lebensgeschichte von Tommasinos Familie und anderen Dorfbewohnern im Piemont von den 1930ern bis hin zu den 1950er Jahren. Natalia Ginzburg entwirft mit feinem Humor gezeichnete Persönlichkeiten, um die Entwicklungen in einem Dorf über zwanzig Jahre hinweg zu beschreiben. Der Roman entwickelt sich in einem Duett zwischen Elsa, die in der Ich-Form sachlich und nüchtern von sich berichtet, und dem Erzähler, der von allen anderen Figuren, dem Dorf und dem allgemeinen Geschehen erzählt. / Nachdem sich ihre Beziehung grundlegend geändert und dann noch einmal eine ganz unerwartete Wendung genommen hat, sagt Tommasino: "Es war aber ein Gefühl, tief und zart, und frei. Wir waren auf unsere Weise glücklich in der Via Gorizia, wir beide, allein, ohne Pläne für die Zukunft, ohne irgend etwas. Es war in sehr zartes Gefühl, sehr zerbrechlich und bereit, sich beim ersten Windstoß aufzulösen."Die Gerüche Italiens. "Das ganze Dorf lebt von der Fabrik. Die Fabrik stellt Stoffe her. Ihr Geruch erfüllt die Straßen des Dorfes, und bei Schirokko dringt er fast bis zu unserem Haus". Wir lesen und ziehen dabei die Aromen von "angefaulten Trauben" von "geronnener Milch", von "Blattpflanzen auf dem Fensterbrett". Beileibe nicht das, was wir unter Aromen Italien verstehen. Da lobe ich mir doch schon eher die "Körbe mit den Muskatellertrauben".Die Geschichte ist auch eine Geschichte, die im Übergang der traditionellen Stellung der Frauen, hin zur Befreiung der Frau im Denken, Fühlen und Leben - gleichsam als Feminismus bezeichnet - angesiedelt ist. Oder, wie Ursula März es in ihrem Nachwort der mir vorliegenden Ausgabe (ZEIT-Edition "Bibliothek der verschwundenen Bücher") beschreibt: "Die Revolte der Frauenemanzipation, von der die Töchter und Enkelinnen von Elsas Generation heute profitieren, hat noch nicht stattgefunden. Aber der biografische Automatismus, der einer Frau nichts anderes übrig lässt als eine Ehe, und sei es, eine unromantische Zweckehe einzugehen, ist in der Mitte des 20. Jahrhunderts bereits erlahmt."Zusammenfassend wundere ich mich bei all dem Emanzipatorischen schon, wie denn eine solch kämpferische Freigeistin … (da zeigt mir die Rechtschreibprüfung einen Fehler an!). Ich ändere in Freigeistige (da zeigt mir die Rechtschreibprüfung keinen Fehler an!). Ich merke, dass das doch nicht den Gehalt dessen tritt, was ich meine. Also belasse ich es bei Freigeistin. Ich fange nochmals an, wobei ich mich durch keinerlei Rechtschreibprüfung aus der Rolle bringen lasse.Zusammenfassend wundere ich mich bei all dem Emanzipatorischen schon, wie denn eine solch kämpferische Freigeistin, wenn sie schreibt "Wenn ich Geschichten schreibe, bin ich wie einer, der …" (siehe oben) plötzlich und scheinbar gedankenlos in eine männliche Sichtweise verfallen kann. Man könnte jetzt sagen: Es kommt darauf an, wer übersetzt hat und wie übersetzt wurde. Andererseits zeigt dies die Unnötigkeit der mühsalbeladenen und sprachenzerstörenden Genderdebatte auf. Denn richtig muss es heißen:Zusammenfassend wundere ich mich bei all dem Emanzipatorischen schon, wie denn ein solcher kämpferischer Freigeist, wenn sie schreibt "…" plötzlich und scheinbar gedankenlos in eine männliche Sichtweise verfallen kann. Denn ein Freigeist ist ein Geist, als solcher geschlechtsneutral und per definitionem unserer Grammatik männlich.Wem das zu unverständlich, der lese die letzten drei Absätze nochmal und mache sich erneut Gedanken. Bei Natalia Ginzburg hätte das alles sicher zu innerlichem Kopfschütteln geführt. Deshalb wollen wir uns darauf besinnen, weshalb wir überhaupt zusammen kamen. "Die Stimmen des Abends" zu preisen und Natalia Ginzburg als Autorin zu loben.