Berlin gehört zu den ersten deutschen Städten, die im 19. Jahrhundert mit dem noch neuen Medium Photographie dokumentiert wurden. Zum einen entwickelte sich gegen 1850 eine rege Bautätigkeit, deren Spuren noch heute im Stadtbild zu finden sind, und die Reichsgründung war ein weiterer Grund, dass sich Berlin als Zentrum mit europäischer Bedeutung etablierte. Leopold Ahrendts ist der Pionier unter den Berlin-Photographen, ihm werden die frühesten Aufnahmen zugeschrieben. Wahrscheinlich stammt die Ansicht "Unter den Linden von der Schlossterrasse gesehen" von 1853 auch von ihm, mit Sicherheit belegt sind Fotos ab 1854.Neben der technischen Perfektion ist die künstlerische Qualität bemerkenswert, beides eine Folge von Ahrendts eigentlichem Beuf: Er war ausgebildeter Lithograph und seine grafischen Arbeiten zeichnen sich durch eine fast schon photorealistische Qualität aus, bei der die gesamte Bandbreite an Grauwerten ausgenutzt wird. Dieselben Maßstäbe legte er auch an seine Photographien, die einen dynamischen Bildaufbau zeigen, oft unterstützt durch ungewöhnliche Blickwinkel und Standpunkte. Großen Wert legte Ahrendts auf die perfekte Ausbelichtung, was angesichts der technischen Herausforderungen der frühen Photographie bemerkenswert ist. Erwähnenswert ist, dass er keine Daguerrotypien anfertigt, sondern bereits mit Negativverfahren arbeitet, die eine Vervielfältigung erlauben. Ahrendts ist einer der Allerersten, die ihre Fotos seriell vermarkten.Leider sind bei weitem nicht alle seiner Werke signiert, wenn, dann signierte Ahrendts nicht in der Platte, sondern handschriftlich oder gestempelt auf dem Positivabzug, und das macht eine Zusammenschau etwas schwierig. Auch die Datierung ist fast nur aufgrund von bauhistorischen Überlegungen möglich, was aber gerade im Berlin des 19. Jahrhunderts, mit seiner enormen Bautätigkeit, noch einigermaßen leicht fällt.Die Monografie "Berlin als Residenzstadt" enthält neben einer kurzen Biografie und photographiehistorischen Einordnung Ahrendts insgesamt 199 technisch hervorragende Reproduktionen von Originalabzügen, die viele bedeutende Bauwerke der Zeit zwischen 1854 und 1870, dem Todesjahr Ahrendts, in Berlin und Umgebung dokumentieren. Ungewohnt aus heutiger Sicht sind die großen Freiflächen zwischen den Großbauten, die weitgehend ungenutzt und (wegen der langen Belichtungszeiten) meist menschenleer wirken. Ahrendts dokumentiert nicht das Leben der einfachen Leute, sondern Baudenkmäler, von denen nicht wenige verschwunden sind. Sehr interessant sind auch seine Aufnahmen von Baustellen, die sich auch durch eine besondere grafische Qualität auszeichnen. Selten nutzt er das neue Medium auch zur "Eventfotografie", z. B. bei Einweihungen, die einen Hauch früher Reportage mit sich bringen. Ahrendts ahnt offenbar die Möglichkeiten der unmittelbaren Aufnahme gegenüber der künstlerischen Nachschöpfungen, wie sie in den Holzstichen der zeitgenössischen Zeitschriften allgegenwärtig waren.Das Buch ist nicht nur eine Fundgrube für Alt-Berlin Fans, sondern auch für fotohistorisch Interessierte, denn Leopold Ahrendts gehört eindeutig in die erste Liga der dokumentarischen Freiluft-Fotografen.