In seinem satirischen Roman «Der Vogel, der spazieren ging» erzählt Martin Kluger mit viel Witz eine jüdische Familiengeschichte, deren überbordende Lebensfülle von einer verborgener Tragik überschattet ist, welche aber nur sehr vage angedeutet wird. Man merkt dem Plot an, dass sein Verfasser auch Erfahrungen als Drehbuchautor hat, viele Szenen sind geradezu filmreif. Wobei hier der kriminalistischen Elemente wegen eher an den ‹Film noir› zu denken ist, vor allem aber ist sehr viel schwarzer Humor im Spiel. Beim Humor jedoch scheiden sich ja bekanntlich die Geister, denn wenn man die Anspielungen oder falschen Fährten, die in diesem Schelmen-Roman immerzu gelegt werden, nicht als solche erkennt und einordnen kann, dann kann man sich natürlich auch nicht darüber amüsieren!Der Ich-Erzähler Samuel Leiser lebt als einer von neunundzwanzig Übersetzern der Kriminalromane seines Vaters in Paris. Yehuda Leiser, der als Jude dem Naziterror entkommen konnte und mit seinem dreijährigen Sohn nach Amerika ausgewandert ist, schreibt unter dem Pseudonym Jonathan Still eine äußerst erfolgreiche Krimireihe. Sam, der die Bücher des Vaters ins Deutsche übersetzt, hat eine Tochter mit der bekannten Filmregisseurin Letitia aus Montevideo, die sich von ihm aber getrennt hat und jetzt mit einem glamourösen Filmstar zusammenlebt. Die zwölfjährige Ashley verlässt ihr englisches Internat und zieht zu Sam nach Paris. Damit beginnt für ihn ein turbulentes Leben mit dem frühreifen Mädchen gerade in dem Moment, als er sich frisch in seine Spanisch-Lehrerin verliebt hat.So beginnt ein im Jahre 1972 angesiedelter, zuweilen fast slapstickartig turbulenter Plot, in dessen Verlauf nicht nur die pubertäre Tochter, sondern auch die aus aller Welt anreisende Familie voller skurriler Typen das Leben von Samuel völlig durcheinander wirbelt. Höhepunkt ist Ashleys Geburtstag, zu dem sich alle in seiner Wohnung versammeln. Mit erkennbarer Wonne lässt der Autor seine liebevoll beschriebenen Figuren, die in ganz unterschiedlichen Beziehungen zueinander stehen, aufeinander prallen. Als da wären: Tochter, Geliebte, Samuels Ex, deren Neuer, der dominante Vater, der mafiöse Onkel samt Bodyguards, eine ungemein erfolgreiche Bestseller-Autorin trivialer Kitschromane. In diesem Trubel geht für Sam so ziemlich alles schief, Ashley nervt mit Fragen nach ihren jüdischen Wurzeln, seine längst überfällige Übersetzung bleibt unerledigt liegen, mit der Liebsten gibt es erste Probleme, die Geburtstagsfeier für die Tochter endet im Fiasko.Bereichernd sind die Einblicke in jüdisches Leben, und amüsant sind vor allem die vielen Beispiele für jüdischen Humor. Das dominante stilistische Merkmal dieses Romans aber liegt in der Fülle von intertextuellen und philosophischen Querverweisen, die einiges an Belesenheit voraussetzt, will man all die Anspielungen verstehen. Zudem gibt es interessante Einblicke in das Zusammenwirken von Autor, Übersetzer und Verleger, es wird aber auch über stilistische Finessen und Tricks beim Schreiben erzählt. Die Pachtwork-Familie des Romans spricht verschiedene Sprachen wild durcheinander, was durch viele, oft längere englische, spanische und französische Einschübe betont wird, die unübersetzt den Lesefluss allerdings ziemlich stören. Wer außer dem Autor ist denn schon firm in allen drei Fremdsprachen? Sehr erfreulich hingegen sind seine vielen kreativen Satzgebilde, so wenn eine WG-Küche erwähnt wird, «deren Zustand zu beschreiben ein völlig neues Vokabular erfordern würde». Oder wenn sein Protagonist zu erkennen glaubt, die Wirkung der erzwungenen Gemeinschaft in einem Internat würde «eine steppenwolfartige Solidarisierung des Zöglings mit sich selbst [zu] fördern». Ähnlich burschikos formuliert auch Felicitas Hoppe, die genau deshalb ihre Fangemeinde hat mit einer dem Spaß zugeneigten Leserschaft, den Rezensenten eingeschlossen! Wer also leichtfüßig Erzähltes mit reichlich Tiefsinn sucht, der ist auch hier genau richtig!
Man könnte Samuel Leiser eine gescheiterte Existenz nennen, er hat es sich in seinem Leben jedoch ganz gemühtlich eingerichtet. Er übersetzt die Romane seines Vater, erfolgreicher Autor einer Krimi-Reihe, ins Deutsche und lebt in einer ziemlich verfallenen Wohnung in Paris, ein Überbleibsel seiner Zeit mit Frau und Kind, die ihn beide verlassen haben. Eines Tages überschlagen sich jedoch die Ereignisse. Seine pubertierende Tochter will zu ihm ziehen, sein Vater und sein Onkel kündigen sich an und zu allem Überfluß verliebt er sich in seine Spanischlehrerin.Martin Klugers Roman erinnert ein bißchen an Dany Levys Film "Alles auf Zucker" oder "Einfach so" von Lilly Brett. Erzählt wird auf charmantische und witzige Weise die Geschichte einer disfunktionalen jüdischen Familie. Samuels Vater wächst bei seinem Vater und seinem kleinkriminellen Onkel in New York auf, die drei sind unter ziemlich dubiosen Umständen aus dem Europa der Nationalsozialisten geflohen, das Schicksal von Samuels Mutter ist ein Geheimnis. Die jüdische Identität und der Holocaust sind in der Familie Leider kein Thema. Fast agressiv reagiert Samuel als seine Tochter Ashley beginnt sich für jüdische Kultur zu interessieren. Im Verlaufe der Geschichte muss er jedoch einsehen, dass diese Vergangenheit für ihn und seinen Vater sehr wohl eine Bedeutung hat. Die Geschichte wird im Verlaufe der Zeit zunehmend skuriler, jedoch auch düsterer trotz des leichten Grundtons.Martin Kluger ist mit "Der Vogel, der spazieren ging" ein unterhaltsames, witziges, trauriges und ernsthaftes Buch gelungen, das viel Stoff zum Nachdenken bietet.
Manchmal fällt es schwer, genau zu begründen, warum einem ein Buch nicht gefällt, ist es mehr ein vages Gefühl, auf einem gänzlich anderen Stern zu leben als der Autor. So ging es mir mit Martin Klugers "Der Vogel, der spazieren ging".Verkürzt gesagt geht es in diesem Buch um einen Menschen namens Samuel Leiser, in dessen Wohnung sich Anfang der 70er-Jahre immer mehr Familienangehörige einfinden, darunter der Bestseller schreibende Vater, die pubertierende Tochter und ein mafiöser Onkel. Diese Figuren haben die unterschiedlichsten Beziehungen zueinander. Sie hassen und sie lieben sich, sie helfen und sie schaden sich, sie nerven sich, und gegen Ende versucht eine sogar, eine andere umzubringen. Allein: Für den Leser bleibt ihr launisches Handeln kaum fassbar. Alles an diesem Roman erscheint willkürlich, ist psychologisch nicht stimmig. Gelegentlich schimmert zwischen den Zeilen durch, dass die Familie von den Nazis verfolgt wurde, aber diese Andeutungen sind viel zu vage, um dies zu einem wirklichen Buchthema zu erheben.Hinzu kommt eine gewisse Handlungsarmut. Es passiert nicht viel auf diesen 320 Seiten. Mal versucht Samuel mit Tochter und Geliebter von der Familie ans Meer zu fliehen. Vergeblich. Mal versucht er, eine Geburtstagsparty für seine Tochter zu geben. Es misslingt. Dann probiert er, in seinem Job zu arbeiten - er ist Übersetzer unter anderem für die Werke seines Vaters -; auch das gelingt nur mit erheblicher Zeitverzögerung. Fast entsteht eine Stimmung, wie man sie sich (sicher etwas klischeehaft) in einer WG aus dieser Zeit vorstellt: Man schläft bis ein Uhr, raucht, trinkt, redet salbungsvoll daher, streitet und bekommt es ansonsten kaum auf die Reihe, die Tochter regelmäßig zur Schule zu schicken.Martin Kluger, ein 1948 geborener Berliner, der tatsächlich einmal in einer solchen WG gelebt hat, versetzt seinen Text immer wieder mit englischen, französischen und spanischen Sätzen. Das wirkt auf Dauer maniriert und bemüht intellektuell.Andere Kluger-Bücher heißen "Abwesende Tiere" (2002 - 1000 Seiten!) sowie "Die Gehilfin" (2006) und wurden von der Kritik größtenteils hochgelobt. "Der Vogel, der spazieren ging" dagegen ist nicht zu empfehlen. Zumindest passen Autor und Kritiker hier definitiv nicht zusammen.