Bürgerliche Mütter bürgerliche Töchter: ein bitterböses Porträt zweier Frauen-Generationen
Elisabeth 58 versucht würdevoll zu altern. Ihr gutbürgerliches Leben ist am ehesten
charakterisiert durch das was sie alles nicht getan hat: sie hat nicht studiert und nicht
gearbeitet sie hat ihre Kinder nicht vernachlässigt und ihren Mann nicht mit dem Künstler
Jakob betrogen sie hat der Schwiegermutter nicht die Stirn geboten und stellt noch immer nicht
den Anspruch ins Grundbuch der Jugendstilvilla eingetragen zu werden. Mit Zynismus und
verhaltener Selbstreflexion beobachtet sie das Altern der Frauen um sie herum. Und sie
beobachtet ihre Kinder vor allem Franziska 35 die zu Wutausbrüchen neigt mit den
Anforderungen der Gesellschaft an ihre Mutterrolle hadert und die theoretische
Gleichberechtigung von Mann und Frau im Alltag nicht einlösen kann. Auch sie hat ihre Visionen
nicht verfolgt weder beruflich noch privat und begnügt sich mit einem fast fertigen Studium
und einem fast geliebten Mann. Es scheint als habe sich dieser zahnlose Feminismus von einer
Generation an die nächste vererbt. Gertraud Klemm die mit einem Kapitel aus diesem Roman den
Publikumspreis in Klagenfurt gewann schildert eine gesellschaftliche Situation in der mit
viel »ja - aber« die wichtigen Entscheidungen verschoben und verhindert werden und ihr Blick
auf die Lage ist gnadenlos bissig und (aus Verzweiflung?) wahninnig komisch.