★★★★★
k.A.
01.08.2026
ean-shopping.de
Dieser Band ist eine faszinierende und tiefgründige Sammlung von Akutagawa Ryunosukes späten Erzählungen, die mich absolut begeistert haben. Die Lyrik und Prosa sind wunderschön und bieten eine einzigartige Perspektive auf das Werk des großen Autors.
Der ansprechend gestaltete Band versammelt siebzehn bislang noch nicht in deutscher Sprache vorliegende Erzählungen und Prosatexte des japanischen Schriftstellers Akutagawa Ryûnosuke aus dessen letzten Lebensjahren vor seinem Freitod im Jahre 1927. Die offensichtlich sorgsam ausgewählten Texte vermitteln das Bild eines für seine Zeit erstaunlich „postmodernen" Menschen, der über einen oft (selbst)ironischen Humor verfügt, der seine Mitmenschen, sein gesellschaftliches Umfeld und sich selbst zwar aus kritischer Distanz, doch nie ungerecht oder selbstgerecht beurteilt, und der darüber hinaus eine für seine Zeit verblüffend innovative Kreativität und Originalität besaß.Der kongenial übersetzten Texte bieten inhaltlich wie formal ein hochinteressantes, abwechslungsreiches Spektrum, daß auch Leser ansprechen sollte, die sich bislang nicht speziell für japanische Literatur interessierten, zumal der Übersetzer den Band lobenswerterweise mit einem informativen Vorwort und einem ausführlichen Anhang versehen hat.Kennzeichnend für Akutagawas Erzählungen ist, daß unter dem dünnen Firnis der Normalität, des Alltäglichen stets das Beängstigende, Unheimliche, Groteske lauert. So erzählt er von ländlichem Geisterglauben und den Schrecken der See, wo schon einmal ein Börsenmakler aus Tôkyô einer Seeschlange begegnet („Am Meer"), konfrontiert neurotische Großstadtmenschen mit den achaischen Gesetzen des Überlebenskampfes von Insekten („Ein Brief"), schildert uns einen bizarren Abend in einem chinesischen Bordell, den das Verspeisen des Hirns eines Hingerichteten krönt („Der Fächer von Hunan") und läßt seinen verstorbenen Ich-Erzähler auf Erden zurückkehren, um feststellen zu müssen, daß seine Frau wieder geheiratet hat und ihn nicht vermißt („Als ich tot war"). Er schildert den Gefängnisbesuch bei einem inhaftierten Vetter, der letztlich nur für den an sich völlig unbeteiligten Erzähler zur Tortur wird („Winter"), erzählt von der Krankenschwester, die mehr für ihren tuberkulosekranken Patienten übrig hat als dessen Angehörige („Eines Nachts im Frühling") und läßt einen Jungen vom Lande einen alptraumhaften Trip durch einen Vergnügungspark erleben („Im Asakusa-Park"; übrigens ein Drehbuch aus dem Jahre 1927 (!), das einen Fellini oder Bunuel verdient gehabt hätte). Der Leser lernt den Brief einer jungen Frau kennen, die Akutagawa einen Idioten schimpft, weil er sich nicht für die Frauenproblematik interessiert („Beschriebene Blätter") und darf erleben, wie eine weise, uralte Frau ihren Sohn, einen siebzigjährigen Reisigsammler, verprügelt („Die weise Alte"). Die beeindruckenden „Dialoge in der Finsternis", die aphoristischen „Zehn Nadelstiche" sowie mehrere brilliante kurze Prosaskizzen zeigen den Autor als scharfsinnigen, kritischen und mitunter sarkastischen Beobachter seiner Mitmenschen, seines gesellschaftlichen Umfeldes und seiner selbst. Bemerkenswert ist auch die autobiographisch gefärbte Erzählung „Das bisherige Leben des Daidôji Shinsuke", welche eine von kleinbürgerlicher Armut geprägte Kindheit und Jugend im Tôkyô der Jahrhundertwende schildert.Mithin ein durch und durch abwechslungsreicher, spannender und vergnüglicher Band, der viele Leser ansprechen sollte und höchste Aufmerksamkeit verdient.
Akutagawa war in seinen besten Zeiten ein großartiger, ein ganz außergewöhnlicher Autor. Sein frühen Geschichten, kurz, knapp, beinahe karg in ihrer Diktion, dabei aber voll der feinsinnigsten Einblicke in die Tiefen der japanischen Seele, ohne jemals auch nur in die Nähe billiger Japantümelei zu kommen, suchen in ihrer psychologischen und literarischen Qualtität in der westlichen Welt ihresgleichen.Diese Sammlung später Prosa jedoch ist eine Enttäuschung, interessant bestenfalls als Spiegel eines Krankheitsbildes, das diesen begnadeten Menschen letztendlich in den Freitod trieb. Seine späten Erzählungen kreisen um sein eigenes, im Verfall begriffenes Ich, seine Obsessionen, seine Traumata, sind Dokumente der Verzweiflung angesichts des Nachlassens seiner gestalterischen Kraft und des Fortschreitens seiner psychischen Erkrankung.