Elisa Klapheck sucht nach den politischen Implikationen der jüdischen Theologie. Im Zentrum des
Politischen steht das gewandelte Verhältnis des Menschen zu Gott. Die ersten Geschichten der
Bibel präsentieren Gott noch als Despoten der eine unbeschränkte Theokratie verlangt während
er sich später als politischer Partner des Menschen selbst an Rechtsnormen bindet. Bereits im
ersten Bund mit Noah ist eine Garantie des künftigen Willkürverzichts Gottes gegenüber seinen
Geschöpfen zu erkennen. Dann wiederum beschreibt die Tora die Entstehung von
Rechtsverhältnissen zwischen den Menschen. Die jüdische Version der polis ist dabei der kahal
dessen Ausweitung über die einzelne Gemeinde hinaus - anders als in der griechisch-römischen
Tradition - nicht zu einer vereinheitlichenden Staatsbildung führt sondern zur dezentralen
politischen Wirklichkeit der Diaspora. In die wechselhafte gesellschaftliche Realität muss
Gott immer wieder neu integriert werden. Die talmudische Tradition fordert die tätige
Selbstkorrektur des Menschen und führt nicht zu einer Relativierung des göttlichen Rechts
sondern zur Bestätigung der Tora als gesetzlicher Maßstab. Kennzeichnend für die
religiös-säkulare Spannung des (rabbinischen) Judentums wird der produktive Konflikt mit Gott
der die jüdische Tradition zu einer Theologie der säkularen Gesellschaft weiterentwickelt.
Klaphecks facettenreiche Interpretationen zeigen den Reichtum dieses Traditionsbestandes
werfen Schlaglichter auf politisch-theologische Positionen aktueller Debatten. Zu Fragen nach
Ausgestaltung des egalitären Rechtsstaats im Blick auf die Stadt als Paradigma des Politischen
zu Diskussionen um die Bundesstaatlichkeit der EU liefert die jüdische politische Theologie
erstaunliche Anstöße. Die Diaspora avanciert zum Vorbild einer pluralistischen Globalisierung
und sogar die prinzipielle Begründung von Frauen- und Minderheitenrechten kann aus dem
Ideenreservoir des Judentums begründet werden. Sie beweist eine bemerkenswerte Relevanz für die
Orientierung in gegenwärtigen politischen Krisen.