Nehmen wir es gleich vorweg: Bei diesem Titel handelt es sich um die Dissertation von Jens Clausen. Und wie das bei wissenschaftlichen Abhandlungen üblich ist, nehmen sie wenig Rücksicht auf den Leser, denn meist erscheinen davon gerade einmal eine Handvoll Ausdrucke für den Promotionsausschuss und die Bibliotheken.Für die Erlangung des Doktortitels hat Jens Clausen ohne Zweifel jahrelang gelesen und gesammelt. Die Literarturliste ist gigantisch und allein die Zahl der Fußnoten tendiert gegen 1000 Einträge.Das alles deutet darauf hin, dass dieses Buch sich wenig für den interessierten Leser ohne Psychologie als Profession eignet. Wer sich dennoch die Mühe macht, es zu lesen, wird dies möglicherweise doch mit einigem Gewinn tun. Clausen hat sich nämlich die Mühe gemacht, die Weltliteratur nach jenen Stellen zu untersuchen, an denen die Autoren wie Goethe, Freud, Camus, Strindberg oder Hölderlin über ihre Befindlichkeiten in der Fremde berichten.Denn das Buch hat nichts weniger zum Inhalt als die psychische Disposition von Menschen auf Reisen. Häufig ist man in den ersten Tagen nach der Ankunft in der Fremde enorm müde. Meist führt man das auf den Stress der letzten Arbeitstage zurück oder auf das "Reizklima" von Nord- oder Ostsee. Dabei ist es wohl eher der Stress des Neuen, der eigenen Psyche, der einen derart mitnimmt. Denn diese reagiert zunächst einmal mit Unbehagen auf unbekanntes Neues.Fazit: Wer sich mit wissenschaftlicher Literatur auskennt oder sich immens für das Thema interessiert, wird reich belohnt, alle anderen Leser werden wohl eher frühzeitig aufgeben.
Sebastian Brant hatte 1494 in seinem Buch Das Narrenschiff" närrische Zeitgenossen auf eine Schiffsreise Richtung Narragonien geschickt. In der ehrwürdigen Edition Das Narrenschiff" des auf neuen Wegen balancierenden Psychiatrieverlages ist nun ein Reise"-Buch erschienen, das sich mit den Gefährdungen für die Seele in der Fremde beschäftigt.Botschaften und Konsulate, so erfährt man in der Einleitung, sind mit der Problematik deutscher Staatsbürger mit auffälligem psychischem Verhalten durchaus vertraut. Und in Jerusalem hat man für Fremde, die sich wahnhaft mit biblischen Personen identifizieren, ein eigenes Krankheitsbild kreiert, das sogenannte Jerusalem-Syndrom".Seelische Verstimmungen und Krisen im Urlaub hat wahrscheinlich schon jeder erlebt, häufiger jedenfalls als die Bedrohung durch wilde Tiere oder tückische Krankheiten. Umso erstaunlicher ist es, dass es zu diesem vielschichtigen Thema bisher kaum wissenschaftliche Literatur gibt. Für Jens Clausen, den Autor des Buches Das Selbst und die Fremde", wurden Berichte von Betroffenen auf einem Psychoseseminar in Münster zum Auslöser seiner Expedition in die Landschaften der Seele in der Fremde. Sein Buch nimmt den Leser mit auf eine Forschungsreise, deren Quellen autobiografische Texte von Reisenden sind.Doch vor jeder Reise empfiehlt es sich, Karten zu studieren und Führer zu wälzen. Und so steht auch hier am Anfang der Lektüre ein Kapitel, das Begriffe klärt und theoretische Grundlagen vermittelt. Der Autor stellt dabei die verschiedensten Ansätze vor, mit denen sich Aspekte des Reisens, der Fremde oder des Selbst beschreiben lassen. Ob entwicklungspsychologische Erklärungen für die spezifische Angst in der Fremde, psychoanalytische Theorien über das Selbst" oder der interkulturelle Zugang der Ethnopsychiatrie, Jens Clausen gelingt der schwierige Spagat, in komprimierter und fundierter und trotzdem auch für Nichtfachleute verständlicher Form, in sein Thema einzuführen. Zur ausgesprochen guten Lesbarkeit des Buches tragen auch die Exkurse bei, die Erfahrungen berühmter Reisender wie Hölderlin, Goethe und Freud schildern. Danach ist es Goethe, dem Reiseprofi, der fast 14 Jahre seines Lebens unterwegs gewesen ist, offensichtlich gelungen, seine Reisen biografisch und literarisch zu inszenieren, und sich nicht in der Fremde zu verlieren.Andere Reisende haben in der Fremde psychische Grenzerfahrungen gemacht. Im Hauptteil des Buches analysiert Clausen dazu autobiografische Texte, darunter Autoren der Weltliteratur (Imre Kertesz, Albert Camus, August Strindberg), literarische Wieder- und Neuentdeckungen wie Rolf Dieter Brinkmann und Max Dauthendey oder die Briefe und Tagebücher von Everett Ruess (1914-1934), der nach Jahren des Vagabundierens zwanzigjährig in den Canyons verscholl.Diese Texte schildern unterschiedliche Varianten seelischer Verstörung, die Clausen fünf Kategorien zuordnet: Das bedrohte Selbst erlebt Angst und Panik in der Fremde, während das irritierte Selbst unter dissoziativen Störungen leidet. Mit Depressionen und Suizidgedanken reagiert das erschöpfte Selbst auf das Gefühl der Verlorenheit in der Fremde. Mit dem Begriff des verunsicherten Selbst charakterisiert Clausen adoleszente Krisen. Und das entgleitende Selbst steht für auf Reisen aufgetretene Wahnerkrankungen und Psychosen. Die jeweiligen Fallbeispiele werden durch ausführliche Zitate klug kommentiert und mit Hintergrundinformationen fundiert.Insgesamt auffallend ist, dass von all diesen seelischen Ausnahmezuständen häufig Menschen betroffen sind, die vor jener Reise noch nicht psychisch erkrankt gewesen sind. Das, so vermittelt dieses Buch auf überzeugende Weise, hängt mit der besonderen Situation des Reisens zusammen. Denn Reisen führt zu einer Konfrontation mit dem äußerlich Fremden und gleichzeitig mit dem unbekannten eigenen Selbst. Diese Erkenntnis kann man als bedrohlich empfinden oder auch als eine Anregung, auf künftigen Reisen sich des eigenen Selbst bewußter zu sein.Vielleicht ist der Titel des Buches für die Allgemeinheit ein wenig sperrig, denn verdient hat es unbedingt eine breite Leserschaft. Ganz nach dem Motto: Zu Risiken und Nebenwirkungen des Reisens lesen Sie den Clausen.Thomas R. Müller