★★★★★
k.A.
04.07.2026
ean-shopping.de
Ein sehr interessantes und fesselndes Buch, das viel über das Leben und die Zeit von John F. Kennedy erzählt, auch seine Reisen nach Deutschland sind packend. Es ist eine gute Lektüre für Geschichtsinteressierte, weist aber leichte Einschränkungen in der Tiefe einiger Details auf.
Der spätere US-Senator und Präsident John F. Kennedy war 20 Jahre alt, als er mit einem Studienfreund namens Lem Billings im Jahre 1937 durch Europa reiste und dabei insbesondere auch das faschistische Italien sowie das nationalsozialistische Deutschland besuchte. Das Tagebuch wird hier in einer deutschen Übersetzung von Carina Tessari präsentiert, die erstmals 2013 in einem Band mit Reisetagebüchern und Briefen Kennedys erschienen war. Auf der letzten Seite des vorliegenden Buches heißt es im Kolophon, Kennedy habe auf der Reise ein Journal geführt, „das er selbst nie veröffentlichte: ein geheimes Tagebuch“ (S. 224). Nun ist ein Tagebuch, das nicht veröffentlicht wurde, deswegen nicht schon ein "geheimes" Tagebuch, unter dem man sich ja wohl eher ein solches vorstellt, daß geheim geführt wurde. Davon kann aber hier natürlich nicht die Rede sein. So wird man diese Titulierung mit einem zwinkernden Auge als Marketingmaßnahme des Verlags akzeptieren, zumal es sich um ein sehr lesenswertes Buch handelt, das wie folgt strukturiert ist.Der erste Teil (S. 6 – 42) enthält den Text des Tagebuches von Kennedy, der meist sehr knapp von den Reisestationen und den Erlebnissen berichtet, ergänzt von den einfließenden politischen Fragen, die sich teils durch die Lektüre, teils durch Begegnungen mit Sympathisanten und Gegnern z.B. des Nationalsozialismus ergaben. Darauf folgen Photographien (S. 43 – 75) sowie das über den gleichen Zeitraum geführte Tagebuch seines Reisegefährten Billings (S. 77 – 134), das aber ausführlicher ist und die Aufzeichnungen Kennedys schön ergänzt. Teilweise finden sich auch nahezu identische Formulierungen, die vielleicht darauf zurückzuführen sind, daß die beiden Reisenden sich gemeinsam hingesetzt hatten, um die Einträge vorzunehmen. Die doppelte Perspektive ist interessant im Hinblick auf die jeweiligen gesundheitlichen Probleme, die Erfahrungen mit den Franzosen, Italienern und Deutschen, die Beschreibung der Unterkünfte, der Gastronomie, der besuchten Kirchen, in denen sich vor allem der Katholik Kennedy oft lange aufhielt. Auch diverse Frauengeschichten werden in den Tagebüchern angedeutet.Darauf folgt eine längere und sehr informative Darstellung von Oliver Lubrich über Kennedys Reisen in Deutschland „zwischen Einsicht und Irrtum“ (S. 135 – 186), was inhaltlich nur natürlich ist, wenn am Anfang die Erfahrungen eines 20jährigen Studenten stehen, der erst im Anschluß sein Studium abschließen wird und sich schrittweise von den isolationistischen Auffassungen seinen Vaters ablöste, bis er schließlich mehr und mehr zu einem Interventionisten wurde, der sich auch im Kalten Krieg entsprechend positionierte. Lubrich geht auch auf die teils bizarre Kennedy-Rezeption in der Populärkultur ein, etwa in einem Spionagethriller, in dem Kennedy als Geheimagent mit keinem anderen als Reinhard Heydrich um die Geliebte konkurriert... Der Phantasie sind hier offenbar keine Grenzen gesetzt. Da der vorliegende Band nur das Tagebuch Kennedys aus dem Jahre 1937 wiedergibt, werden seine späteren Deutschlandbesuche vor und nach dem Zweiten Weltkrieg in Lubrichs Essay ausführlich rekapituliert. So entsteht insgesamt durch das Buch ein anschauliches Bild von Kennedys Beziehungen zu Deutschland, wobei es erwähnenswert ist, daß er später nur sehr andeutungsweise bei offiziellen Gelegenheiten erwähnt, daß er früher schon einmal in Deutschland gewesen war. Neben den diversen historisch gewordenen Einschätzungen von Hitler beispielsweise steht abschließend der Besuch in Berlin, der seinen Höhepunkt in der bekannten Rede vor dem Schöneberger Rathaus fand. Es folgen nochmals einige Photos (S. 187 – 191), ein editorischer Bericht mit Korrekturhinweisen etwa in bezug auf die falschen Namens- oder Ortsschreibungen in den Originaltexten (S. 192 - 199) sowie ein nützliches Literaturverzeichnis (S. 200 – 213). Abgerundet wird der Band noch durch eine Zeittafel zu John F. Kennedy, die auf die Europareisen konzentriert ist und vor allem für die Reise 1937 auch tagesgenau die Aufenthaltsorte wiedergibt.Wenn das gediegen mit Lesebändchen ausgestattete Buch auch keine Sensation im eigentlichen Sinne ist, wie der Titel Das geheime Tagebuch nahelegen könnte, kann es doch für zeitgeschichtlich und biographisch interessierte Leser sehr zur Lektüre empfohlen werden, weil es insbesondere in bezug auf Deutschland im Jahre 1937 eine atmosphärisch aufschlußreiche Außenperspektive liefert.