Die Faszination antiker Mythen hält bis heute ungebrochen an. Zu diesen Mythen zählt auch
Proserpina: Als junges Mädchen wird sie geraubt und in der Unterwelt mit Hades verheiratet.
Handelt es sich dabei um eine legitime antike Heiratspraxis oder wird Proserpina gegen ihren
Willen verschleppt und vergewaltigt? Demeter die Mutter des Mädchens sucht nach der Tochter
streikt und schickt den Menschen eine existenzbedrohende Hungersnot womit sie die partielle
Rückgabe der Tochter erzwingt. Proserpina pendelt fortan im jahreszeitlichen Rhythmus zwischen
Ober- und Unterwelt.Proserpinageschichten weisen eine hohe Ambivalenz auf - zwischen Raub und
Liebe Jungfräulichkeit und Initiation einer erwachsenen Frau Tod und Leben. Sie erzählen von
der im Mythos selten thematisierten Beziehung zwischen Mutter und Tochter und von Erfahrungen
die im Umgang mit Naturkräften erarbeitet und gesammelt wurden.Der Mythos vom Raub der
Proserpina existiert seit der griechisch-römischen Antike in vielfältigen Varianten und
Transformationen. Je nach Zeit und Kontext erzählt er von der Verheiratung der Vergewaltigung
und dem Verlust der Jungfräulichkeit einer jungen Frau von einer sich verändernden
Mutter-Tochter-Beziehung und von deren Verknüpfung mit dem Erntezyklus. Dem Mythos wird so eine
spezifische Funktion zugewiesen um konkrete Vorstellungen von Weiblichkeit Gewalt und
Grenzerfahrungen zu transportieren.