Für Thomas Harlan war die Auseinandersetzung mit den Täter*in nen der Shoah und ihrem
Weiterleben in der BRD zentral. Harlans Archivrecherche in Polen in den 1960er Jahren über die
Verbrechen der »Aktion Reinhardt« führte zu dem Buchprojekt »Das Vierte Reich« das nie
vollendet und publiziert wurde. In der Historio grafie der Shoah stellte dieses Projekt bis in
die 2000er Jahre ein Desiderat dar. Aber es bildete das Ausgangsmaterial für Harlans Romane
»Rosa« (2000) und »Heldenfriedhof« (2006) die an der Schnittstelle von Dokumentation und
Fiktion sind. Diese Romane problematisieren den Umgang mit den Täter*innen und ihren Verbrechen
in der BRD und legen damit den Finger in eine Wunde die etwa Thomas Harlans Freund Fritz Bauer
vergeblich bearbeitete: die nahezu ausgebliebene Strafverfolgung der konkreten NS-Täter*innen
und die mangelhafte Auseinandersetzung mit der gesamtgesellschaftlichen Verweigerung sich
juristisch moralisch persönlich und konkret mit den Täter*innen zu befassen. Der Band widmet
sich dem Werk Harlans und Fragen die sich daraus ergeben: Lässt sich ein Massenverbrechen wie
die Shoah überhaupt in Literatur überführen? Wie lässt sich mit einem Fokus auf die Täter*innen
schreiben ohne deren Gedankenwelt zu affirmieren? Wo ist die Grenze zwischen
Geschichtswissenschaft und Literatur?