Die Bilder und Videoaufnahmen der Massaker und der Gewalt in den an der Grenze zu Gaza
gelegenen Orten und Gemeinden Israels vom 7. Oktober 2023 haben durch ihre Verbreitung in
sozialen Medien weltweit Wirkung entfaltet. Sie haben unter Israelis und Juden Schock und
Entsetzen ausgelöst und Assoziationen zu früheren Formen kollektiver Gewalterfahrung
provoziert. Sie wurden analysiert und untersucht dienten zu Information und Propaganda - und
wurden bereits in den ersten Tagen nach den Massakern in Zweifel gezogen. Dabei waren diese
Aufnahmen nicht nur Bilder der Gewalt sondern manifestierten die an diesem Tag eskalierende
Gewalt als Bild. Die Bilder und Videos hatten eine doppelte Erniedrigung der Opfer zum Ziel.
Zum einen dokumentierten und verbreiteten sie die physische Gewalt und Zerstörung mit dem Ziel
ihrer Heroisierung was tatsächlich durch eine entsprechende Rahmung auf Plattformen wie X
Instagram oder TikTok gelang. Zum anderen aber sollte die Flut der Gräuelbilder den Israelis
nachdrücklich verdeutlichen dass sie sich nirgends sicher fühlen sollten und die von der Hamas
schon lange propagierte Vernichtung jederzeit Wirklichkeit werden könne. Es ging also bei
diesen Bildern nicht nur um die Dokumentation der physischen sondern auch um die Ausübung von
symbolischer Gewalt die ganz deutlich auf die visuelle Geschichte von Gewaltbildern Bezug
nahm. In seinem Essay spürt Tobias Ebbrecht-Hartmann der Wirkung und Funktionsweise der
Gewaltbilder vom 7. Oktober nach und beschreibt Praktiken und Verwendungsformen vor dem
Hintergrund visueller Gewaltgeschichte insbesondere der visuellen Geschichte der Shoah. Er
betrachtet die vor und nach 1945 entstandenen Bilder der Gewalt und die Versuche ihrer
Umdeutung im Licht der visuellen Dokumentation und bildpolitischen Partizipation an der
genozidalen Gewalt der Hamas. Dabei werden auch Leerstellen in der visuellen Erinnerungskultur
deutlich und die Fragen aufgeworfen ob die visuelle Geschichte der Shoah ohne Gewalt erzählt
werden kann und wie die Bilder der Shoah in heutigen Gewalterfahrungen nachwirken.