Hängt der Klimawandel mit Migration Selbstmord und Kriminalität zusammen? Wie vulnerabel ist
die Menschheit gegenüber Extremwetterereignissen? Droht die Gesellschaft ihre klimatische
Nische zu verlassen? Diese und viele weitere explizit soziale Fragen gehören wie
selbstverständlich zu den Problemstellungen der naturwissenschaftlichen Klimaforschung. Youssef
Ibrahim fragt in seiner Untersuchung wie die Gesellschaft in den Gegenstandsbereich
klimawissenschaftlicher Forschung gelangte und wie klimabasierte Gesellschaftstheorien sich
über die Zeit verändert haben. Mittels einer gesellschaftstheoretischen und
wissenschaftssoziologischen Relektüre zeigt die Studie dass das Modell klimatisch begrenzter
Gesellschaften naturwissenschaftliche Publikationen seit jeher durchzieht. Über den
Auswahlzeitraum von Mitte des 19. Jahrhunderts bis Ende der 1980er Jahre lässt sich dabei
folgender Grundgedanke identifizieren der nichts an seiner Aktualität eingebüßt hat: Die
Grenzen der Gesellschaft werden durch die Grenzen des Klimas determiniert die Gesellschaft ist
in einer schmalen Klima-Nische zuhause. Die Arbeit unterscheidet zwei Phasen der
klimawissenschaftlichen Gesellschaftsbeschreibung. Bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts
dominierte eine Theorie räumlicher Begrenzung die eine klimatisch bedingte Fragmentierung der
Gesellschaften in ¿Kulturen¿ ¿Rassen¿ und ¿Zivilisationen¿ postulierte und im Rahmen von
Feldforschungen und kolonialen Projekten weltweit zur Anwendung kam. Ab Mitte des 20.
Jahrhunderts breitete sich die gegenwärtig vorherrschende Theorie zeitlicher Begrenzung aus.
Sie sieht nur noch eine singuläre Weltgesellschaft vor die mit einer korrespondierenden
globalen und zeitlich evolvierenden Klima-Nische experimentiere. Jedoch: Was auch immer am Ende
des Experiments mit den Grenzen des Klimasystems wartet die gegenwärtige Gesellschaft gehöre
nicht dazu. Die Studie liefert sowohl eine Reflexion auf den Klimadiskurs und seine Geschichte
als auch einen Beitrag zum Verständnis nichtsoziologischer Vorstellungen und Deutungen von
Gesellschaft. Ausgezeichnet mit dem Wladimir Köppen Preis 2024