Handelt es sich bei Virginia Woolfs Debütroman The Voyage Out um einen Reiseroman? Einen
Liebesroman? Einen Bildungsroman? Ja aber. Ralf Kellermann zeigt - unter Zuhilfenahme und
Erweiterung der Systemtheorie Niklas Luhmanns - dass in einiger Hinsicht schon Woolfs erster
Roman auf das zielt wofür die Autorin oft gelobt wird: auf die Überwindung von Plot und
narrativer Identität und auf die Infragestellung des Konventionellen. Mit Hilfe der
Systemtheorie Niklas Luhmanns und den Erzähltheorien von Greimas Eco und Baroni entwirft Ralf
Kellermann ein differenzierteres Bild das die Analyse der narrativen Form mit einer
literatursoziologisch-verstehenden Deutung des Textes verbindet. Er zeigt dass dieser
Erwartungen an die Form erzählter Geschichten zwar irritiert aber nicht außer Kraft setzt.
Auch die narrative Konstruktion von Individualität wird weniger überwunden als verändert:
Entworfen wird eine Protagonistin die sich im Medium einer Bildungsgeschichte um soziale
Integration bemüht. Gleichzeitig ersehnt sie den Abstand zur Gesellschaft. Diese Ambivalenz
wird aus Sicht zweier sozialer Systeme gedeutet: Politisch gelesen wird die narrative
Inszenierung von Tod und Scheitern als politischer Einspruch gegen patriarchale Konventionen
die es einer Frau schwer machen sich als Person zu etablieren. Gleichzeitig wird die
individuelle Distanz zur Gesellschaft zur erhabenen Unfassbarkeit stilisiert. Die narrativen
Experimente fungieren als Medium der Protestkommunikation. Aus Sicht der Kunst wird Woolf oft
dafür gelobt dass sie im Medium ihrer Prosa ein authentisches Bild vom Bewusstsein vermittelt.
Kellermann unterstellt dagegen dass Woolf das Bewusstsein zum Thema macht um auf originelle
Weise anders zu erzählen und ihr Werk als innovatives Kunstwerk zu autorisieren. Notwendig ist
dazu eine intensive Auseinandersetzung mit der Systemtheorie Luhmanns deren 'semiotisches
Defizit' mittels Verbindung mit rezeptionssemiotischen Erzählmodellen behoben wird. Narrative
Texte werden damit nicht zu Systemen sie lassen sich jedoch aus der Sicht unterschiedlicher
sozialer Systeme als Medium und Form der künstlerischen und außerkünstlerischen Kommunikation
verstehen.