Humane Bewährung in bedrohenden Zeiten - so könnte man das Leben Victor Klemperers (1881-1960)
resümieren. Der namhafte Romanist hinterließ bei seinem Tod neben dem legendären LTI und
weiteren wissenschaftlichen Texten auch tausende Seiten persönlicher Tagebuchnotizen aus mehr
als sechs Jahrzehnten die inzwischen umfassend ediert dank der Wahrhaftigkeit des Schreibers
ein bislang längst nicht ausgeschöpftes Verständnis vieler Entwicklungen sowohl in seinem
eigenen Leben wie auch in der deutschen Gesellschaft in der ersten Hälfte des zwanzigsten
Jahrhunderts gestatten. Diesem wird ohne sich in der Fülle des ausgebreiteten Materials zu
verlieren freilich nur gerecht wer sich dieser Quelle ebenso kenntnisreich wie mitfühlend
nähert. In bislang nicht gekannter Weise eröffnet die hier vorgelegte Studie aus der Feder von
Günter Hartung anhand dieser Diarien sowohl einen neuen Horizont zum Verständnis jüdischen
Lebens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland als auch zur Biographie Victor
Klemperers. Hartung weist mit großer Scharfsinnigkeit anhand des Schicksals des jüdischen
Gelehrten in barbarischer Zeit aber auch danach nicht zuletzt auf manche bis heute
nachhallenden unzutreffenden und korrekturbedürftigen Deutungen jenes Geschehens hin.