Als Katerina Schiná (Jahrgang 1956) in den siebziger und achtziger Jahren ihre Leidenschaft
fürs Stricken entdeckte und auslebte rümpften die griechischen Linken und Feministinnen die
Nase. Stricken galt als reaktionär und frauenfeindlich. (Ganz anders in Deutschland wo die
Männer damals nadelklappernd in Germanistikvorlesungen saßen.) Schiná hielt unbeirrt am
Strickzeug fest entdeckte in dieser handwerklichen Praxis einen Kern der Selbstermächtigung
('Ich trage was ich will ein Einzelstück mein Pullover bin ich' ) stieß auf Anna
Zilboorgs Knitting for Anarchists . Dieser individuelle autobiografische Ansatz bildet den
Auftakt ihrer Kultur- und Sozialgeschichte des Strickens. In der Folge wendet sie sich mit
großem Kenntnisreichtum und immer aufs Neue aufblitzendem Humor unterschiedlichsten Facetten
ihres Gegenstands zu zieht den großen Bogen zu künstlerischen und politischen Bewegungen
beschreibt gesellschaftliche Trends und historische Ereignisse. Das Stricken erscheint hier
auch in seinen Verbindungen zu Mythos Psychologie Feminismus Musik Poesie Mathematik oder
Ökologie. So wird etwa im Kapitel 'Reise in die Vergangenheit und ins Innere' der
kontemplative Charakter des Strickens als Prozess der Selbstfindung behandelt in 'Die Nadeln
des Aufstands' wird ein historischer Faden gesponnen von den Frauengestalten der Mythologie
und des Alten Testaments hin zu den tricoteuses der Französischen Revolution weiter zu
politischen Aktivistinnen der Gegenwart. Hier fehlt es auch nicht an Künstlerinnen aus aller
Welt und deren überraschenden Werken wie etwa die Installation von Marianne Jørgensen: Rosa
Strickdeckchen aus der ganzen Welt angefordert zusammengenäht über den Militärpanzer geworfen
machen diesen manövrierunfähig. Oder der Body Counter Sweater der US-Amerikanerin Lisa Anne
Auerbach: ein Pullover in den die Zahlen der Opfer des Irakkriegs eingestrickt sind.
'Partituren und Verse' wiederum zeigt die Verbindungen des Strickens zur Musik und zur Lyrik
in 'Eine männliche Kunstfertigkeit' werden Rollenklischees aufgebrochen strickende Männer
vorgestellt darunter der amerikanische Präsident Roosevelt. 'Ein warmer Pullover gegen den
Kalten Krieg' schildert wie die Bevölkerung an der Heimatfront aufgefordert wurde mit Nadeln
und Wolle die kämpfenden Soldaten zu unterstützen. Eine Auswahl themenspezifischer Gedichte
teils in Neuübersetzung rundet den Band ab. 'Wer strickt ist ein Alchimist Hüter der Zeit
Pionier schreibt Joanne Turney. Wenn ich eine Bezeichnung für mich akzeptieren sollte dann
wäre es die mittlere. Zeit die ausgefüllt wird und sich vervielfältigt Zeit die ihre
Vergangenheit überdenkt und ihrer Zukunft entgegensieht indem sie die Erfahrung nutzbar macht
Zeit zum freien Nachdenken und zur Besinnung bewusste und kontrollierte Zeit aber auch
nervöse und reizbare Zeit all das ist die Zeit des Strickens. Die Konzentration auf den
Vorgang und die Veränderung die fortschreitende Entwicklung die Umgestaltung des
Ausgangsmaterials in etwas das es übertrifft macht das Stricken zu einer Reise die nicht nur
durch die Verwandlung eines Objekts (des Fadens) in ein anderes (das Gestrickte) geprägt ist
sondern auch die sich kontinuierlich wandelnde Beziehung zwischen Handarbeiterin
Handarbeitskunst und Handarbeit einfängt. So wie sich auch meine Beziehung zu diesem Manuskript
laufend wandelte. Es strapazierte mich es widerstand mir es entmutigte mich. Ich nahm es
auseinander ich zerlegte es ich zerstückelte es - aber ich ließ es nicht liegen. Nunmehr
abgeschlossen ist der Zeitpunkt gekommen es loszulassen.'