Das Buch „Der Jesuswahn“ von Heinz-Werner Kubitza gibt einen hervorragenden Überblick über die Erkenntnisse der neutestamentlichen Forschung und man kann das Buch grob in vier Teile einteilen. 1) Altes Testament, 2) Jesus von Nazareth, 3) Hauptlehren des Christentums und 4) Ethik und christliche Werte.Im ersten Teil beginnt Kubitza mit einer, wohlgemerkt sehr kurzen, Analyse des Alten Testaments. Kubitza stellt hier vor allem zwei Fragen. 1) wie steht es mit der historischen Authentizität des AT und 2) kann das AT als Basis für eine allumfassende normative Ethik dienen. Kubitzas Antwort darauf ist klar. Das AT ist kein Geschichtsbuch, es liefert keine historischen Fakten und ist mit den Erkenntnissen der Archäologie und der Geschichtsforschung nicht vereinbar. Kubitza beschreibt den Werdegang des JAHWE, vom Berggott eines kleinen unbedeutenden Stammes hin zum Übergott des ganzen jüdischen Volkes. Bezüglich der zweiten Frage, das AT als ethische Grundlage, schneidet das AT genau so schlecht ab. Das AT ist eine Sammlung von Grausamkeiten eines zornigen, sadistischen Rachegottes. Dies kann unmöglich und darf nie und nimmer die Basis für normative Ethik sein. Kubitza geht auch auf die Scheinargumente der religiösen Vertreter ein, die sich aus dem AT einfach die positiven Schriftstellen heraussuchen und die Fülle an negativen Stellen einfach negieren. So werden zum Beispiel die Psalmen sehr oft herangezogen wenn es um positive Aspekte des AT geht. Doch Kubitza entlarvt diese selektive Wahrnehmung und zeigt auf, dass auch in den Psalmen Grausamkeiten geschildert werden.Kubitza leitet sehr schnell auf das Neue Testament über und befasst sich im sehr langen und ausführlichen zweiten Teil des Buches mit der Analyse der historischen Authentizität von Jesus von Nazareth. Wer war Jesus wirklich? Was lässt sich über das wahre Leben und Wirken von Jesus aus den Evangelien noch rekonstruieren? Was wurde von den Evangelisten erfunden und vor allem WARUM wurden so viele Jesusworte und Jesustaten erfunden. Für die neutestamentliche Forschung ist klar, dass diese Erfindungen entweder einen theologischen Zweck erfüllten oder eine Situation in einer frühen christlichen Gemeinde widerspiegeln, die es zu regeln galt. Es wird auch auf die Frage eingegangen, warum es außer christlichen Schriften keine anderen Quellen über Jesu Leben und Wirken gibt. Als Beispiel sei in dieser Rezension der, hauptsächlich von evangelikalen Christen immer wieder hervorgebrachte, Historiker Flavius Josephus erwähnt. Josephus hält einer kritischen Überprüfung nicht stand. Josephus war römischer Geschichtsschreiber jüdischer Abstammung und lebte zur Zeit Jesu. Er war Zeitzeuge der Zerstörung des Tempels von Jerusalem (70 nach Christus). Jesus wird bei ihm nur nebenbei erwähnt, bei der Steinigung von Jakobus, dem leiblichen Bruder von Jesus. Er erwähnt Jesus nur deshalb, weil er über die Steinigung des Jakobus berichten will. Eine andere Textstelle bei Josephus, die angeblich von Jesus berichtet und auf die sich die Evangelikalen oft berufen, wurde schon lange als Fälschung entlarvt, die spätere Christen in den Josephustext eingefügt haben.Um der historischen Wahrheit so gut es geht nahe zu kommen, vergleicht Kubitza immer wieder die Synoptiker sowohl untereinander als auch mit dem Johannesevangelium. Natürlich immer ausgehend von der „Zwei Quellen Theorie“, die das Markus-Evangelium und die Logienquelle Q als Schriftquellen betrachtet. Kubitza zeigt die Textveränderungen und die theologischen Motive der Evangelisten. Er erklärt warum Matthäus und Lukas den Markus-Text veränderten und warum der Text bei Johannes nochmal ein ganzes Stück anders erscheint. Ein interessantes Beispiel, und für mich neu, war die Rolle von Johannes dem Täufer und in welchem Verhältnis Johannes und Jesus zueinander standen. Jesus wurde ziemlich sicher von Johannes getauft, daran zweifeln weder Schriftgelehrte noch Historiker. Kubitza analysiert, wie sich dieses tatsächliche Ereignis im Laufe der Zeit in den Evangelien verändert hat und welche theologischen Motive die Evangelisten hatten, um diese Geschichte zu verändern.Auch die Rolle des eigentlichen Kirchengründers „Paulus“ wird in Kubitzas Buch eingehend untersucht. In meiner Rezension seien hier nur kurz zwei Kernaussagen beschrieben. 1) Für Paulus hatte das Leben und Wirken von Jesus keine Bedeutung. Für Paulus beginnt die eigentlich wichtige Rolle von Jesus erst mit seiner Auferstehung. Alles andere scheint für Paulus unbedeutend zu sein. 2) Paulus glaubte, so wie alle frühen Christen, an die baldige Wiederkunft Christi, begleitet von Apokalypse und Errichtung des Reiches Gottes auf Erden noch zu seinen eigenen Lebzeiten. Dies geht eindeutig aus dem ersten Thessalonicher Brief hervor. Da dieses Ereignis nicht eintrat, relativiert er im zweiten Thessalonicher Brief diese Aussage mit den Worten (frei zitiert) „...man könne eben nicht wissen wann es soweit ist...“. Der zweite Brief gilt allerdings als eindeutige Fälschung. Er wurde von seinen Schülern oder Anhängern zu einer Zeit verfasst da Paulus schon tot war. Das wissen auch katholische und evangelische Theologen, doch sie verwenden nur ungern das Wort „Fälschung“ und bezeichnen solche Texte (von denen es leider sehr viele gibt) als „Pseudepigraphen“.Ein wichtiger Punkt im zweiten Teil des Buches ist der Wandel des frühen Christentums von einer jüdischen Sekte, die sich durch den Streit mit der jüdischen Orthodoxie und durch zunehmende hellenistische Einflüsse letztendlich zum Heidenchristentum hin entwickelte. Die Abkehr vom jüdischen Glauben spiegelt sich auch in den Evangelien wider, vor allem in den immer schlimmer werdenden antijudaistischen Aussagen, die die Evangelisten Jesus in den Mund legen. Im zeitlichen Fortschreiten, von Markus über Matthäus und Lukas zu Johannes, wird der Judenhass immer deutlicher.Der zweite Teil des Buches enthält eine solche Fülle an Informationen, dass ich unmöglich hier alles wiedergeben kann und ich möchte nur noch kurz die beiden letzten Teile des Buches besprechen.Der dritte Teil beschäftigt sich mit den Hauptlehren des Christentums. Es geht um solche Fragen wie: „War Jesus nun ein Mensch oder Gott?“ „Wann wurde er zum Sohn Gottes ernannt? Bei der Taufe im Jordan, von Geburt an, oder schon seit Anbeginn der Zeit? Wie steht es mit der Dreifaltigkeit? Wann und auf welchem Konzil wurde die beschlossen? Wann kam der Heilige Geist dazu und was soll der eigentlich darstellen? Wann wurde per Definition festgelegt, dass Maria Jungfrau war? Etc. etc. Ein Großteil der christlichen Glaubenslehren lässt sich nicht aus dem Neuen Testament rekonstruieren. Kubitza zeigt deutlich, dass diese Glaubenslehren erst im Laufe von Jahrhunderten definiert wurden, von Kirchengelehrten wie Paulus, Origenes und natürlich Augustinus und Thomas von Aquin. Wie steht es mit Begriffen wie Himmel, Hölle, Fegefeuer, Vorhölle, Teufel, Dämonen, Engel, etc.? Nun könnte man meinen, diese Glaubenslehren entstammen eben antiken oder mittelalterlichen Weltbildern. Doch weit gefehlt. Die leibliche Himmelfahrt Marias wurde zum Beispiel erst im Jahre 1950 als Dogma in den katholischen Katechismus aufgenommen!Um die Rezension zum Abschluss zu bringen, werfen wir noch einen kurzen Blick auf den letzten Teil des Buches. Hier kommt Kubitza wieder zurück zum Thema Ethik. Es geht um die Frage der christlichen Werte. Fragt man Menschen auf der Straße was denn christliche Werte seien, dann hört man als häufigste Antwort „die zehn Gebote“. Kubitza hinterfragt, ob die zehn Gebote wirklich als Grundlage einer normativen, d.h. verbindlichen Ethik für eine moderne Gesellschaft herhalten können. Die Antwort lautet NEIN und ist zweigeteilt. Entweder die Gebote widersprechen den Werten eines modernen liberalen Rechtsstaates oder sie sind so allgemein gehalten, dass sie ohnehin in jeder Gesellschaft Gültigkeit besitzen, und zwar auch ohne religiöses Fundament. Sie wollen Beispiele? Das erste Gebot „Du sollst außer mir keinen anderen Gott haben!“ ist ein Widerspruch zur Religionsfreiheit, die man in allen westlichen Rechtsstaaten genießt. Das Gebot „Du sollst nicht töten!“ gilt nur für die eigene Volksgemeinschaft. Es bedeutet ein Jude darf keinen Juden töten, Heiden darf man selbstverständlich schon töten, das wird von Gott sogar so befohlen. Wer es nicht glaubt, der lese das Alte Testament. Jeder moderne Rechtsstaat ist da ethisch viel weiter, denn hier gilt das Tötungsverbot für ALLE Bürger. Andere Gebote wie zum Beispiel „Du sollst nicht stehlen!“ sind von Glaube, Religion oder Volkszugehörigkeit sowieso unabhängig. Dieses Gebot ist nichts weiter als eine Verhaltensregel, die man in allen Gesellschaften auf diesem Planeten wiederfindet. Fazit: Die zehn Gebote als ethische Grundlage zu verwenden, ist nicht zielführend und in weiten Teilen sogar unangemessen. Doch wie sieht es aus mit anderen sogenannten christlichen Werten, zum Beispiel die oft zitierte Nächstenliebe? Wer die Bibel gelesen hat, der weiß, dass die Nächstenliebe eindeutig ein jüdisches Gebot ist, das sich bereits im AT findet (3.Buch Mose, Kapitel 19, Vers 18). An der Stelle im Neuen Testament, wo Jesus von einem Schriftgelehrten nach dem höchsten Gebot gefragt wird, zitiert Jesus, neben dem Gebot zum Eingottglaube, diesen besagten Vers aus der Thora, eben so, wie es sich für einen jüdischen Rabbi gehört. Im übrigen hat Jesus keine neue Ethik erfunden. Er sagt ja auch selber, „...ich bin nicht gekommen, um zu verändern, sondern um zu erfüllen“. Alles was Jesus gepredigt hat, bewegt sich im Rahmen des jüdischen Wertekanons. Das bestätigen sogar jüdische Gelehrte heute. Politiker beschwören in ihren Sonntagsreden immer wieder die christlichen Werte. Doch so wie es aussieht wissen diese Politiker nicht wirklich wovon sie reden. Die zehn Gebote sind hoffentlich nicht gemeint, denn das wäre ein Rückfall in archaische Verhältnisse.Abschließend:Es ist unmöglich, in Kurzform alles wiederzugeben was Kubitza in seinem Buch ausführlich und detailliert analysiert. Aber jeder der diese Rezension liest sollte doch ein gutes Bild davon bekommen, worum es in Kubitzas Buch geht. Ich persönlich war von diesem Buch sehr positiv überrascht. Wenn man so wie ich bereits Deschner, Lüdemann und viele andere Neutestamentler gelesen hat, dann trifft man nicht mehr oft auf neue Erkenntnisse. Doch durch Kubitzas Buch habe ich erstaunlicherweise noch einiges dazu lernen können. Wer neu auf diesem Gebiet ist, für den ist Kubitzas Buch eine ideale Einführung. Und im Anschluss daran kann man sich Deschner und Lüdemann zu Gemüte führen. Kubitzas Schreibstil ist hervorragend einfach und flüssig zu lesen. Zum Vergleich, Deschner war und ist für mich sehr mühevoll zu lesen (endlos lange Sätze, voll gestopft mit verschachtelten Nebensätzen) und Lüdemann schreibt leider sehr sachlich trocken. Kubitza war hingegen ein Lesevergnügen.Persönliches:In den negativen Rezensionen (die eigentlich keine sind, weil man sofort erkennt, dass diese Leute das Buch nicht gelesen haben) wird bemängelt, Kubitza würde die christliche Lehre „einseitig“ darstellen. Das kann ich nicht bestätigen. Wann immer es unter den Wissenschaftlern unterschiedliche Ansichten gibt, so weist Kubitza eindeutig darauf hin (Bsp. Theißen hält diesen oder jenen Spruch für echt, oder Lüdemann hält den Spruch für eine Fälschung, etc.). Von einer einseitigen Darstellung zu sprechen oder gar nur der Wiedergabe der persönlichen Meinung des Autors, diese Unterstellung muss man klar zurückweisen. Dass der Inhalt des Buches und die Erkenntnisse der neutestamentlichen Forschung den christlich religiösen Fundamentalisten nicht gefällt ist verständlich. Das zeigt sich auch an den vielen negativen Bewertungen und zum großteil unsachlichen Kommentaren.Kritik:Die einzig zulässige Kritik an diesem Buch betrifft meiner Meinung nach den Titel. Der sehr provokante Titel wurde offensichtlich in Anlehnung an Richard Dawkins „Gotteswahn“ gewählt. Das hatte mit Sicherheit Marketing-technische Gründe. Ich hätte einen etwas neutraleren Titel gewählt, denn die Provokation hat zur Folge, dass genau diejenigen die dieses Buch lesen sollten, nämlich religiöse Christen, das Buch gar nicht erst in die Hand nehmen. So wird dieses Buch wahrscheinlich nur Personen ansprechen, die ohnehin auch schon Deschner und Lüdemann gelesen haben. Bei einem neutralerem Titel hätte vielleicht auch der eine oder andere Christ in dieses Buch hinein geschmökert und es hätte ihm oder ihr vielleicht die Augen geöffnet. Aber wahrscheinlich ist das nur mein persönliches Wunschdenken.