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Verlassenheit und LeereManche Bücher erschließen sich einem nicht, auch wenn man die ersten 100 Seiten mit abnehmendem Appetit verschlungen hat. Da ist eine Sperre, die bei mir den Lesefluss ziemlich behindert. Es sind umfangreiche Naturschilderungen und dazwischen gestreut, kurze, häufig tragische Episoden, die Leseinteresse anfachen könnten aber dann doch wieder abflachen in die bleierne Atmosphäre, in der die „Sonne“ für die totgeweiht Verhungernden scheinen darf. Auch wenn man vorgewarnt war von der unerbittlichen Härte der jeweiligen Lebenssituation der Personen beim Gang durch die Kreise der Krimhölle, ist Schmeljows poetische Kargheit, die hier literarisch geadelt und durch die aktuelle Situation der Krim unmittelbar in die Gegenwart herübergezogen wird. Die sparsame Sprache Schmeljows ist eine durchdringende Klage über das Wüten, Rauben und Töten der Rotarmisten, um Verlassenheit und Leere zu verströmen…, deren Faszination man sich nicht entziehen kann…/cpg
„Wie viel in den Schlachthäusern von Chicago getötet wird, weiß ich nicht. Hier jedenfalls war es höchst einfach: in die Schluchten kippen. Oder ganz und gar einfach: ins Meer werfen. Auf Geheiß derjenigen, die das Geheimnis gelüftet haben, wie die Menschheit zu beglücken ist. Der erste unerlässliche Schritt dafür: die Menschenschlachthäuser.“Iwan Schmeljow: Der Toten Sonne, S. 41„Die Sonne der Toten“, das vielleicht bedeutendste Werk des russischen Schriftstellers Iwan Schmeljow, entstand im Jahre 1923 im französischen Exil. Der Text basiert auf seinen schmerzhaften Erlebnissen auf der Krim vom August 1921 bis zum Frühjahr 1922. Im Jahre 1918 hatte er sich mit seiner Frau im Professorenviertel von Aluschta ein Häuschen mit Weinberg gekauft, am Steilhang hoch über dem Meer, und erlebte dort die ersten Jahre der bolschewistischen Herrschaft. Schon vor der Revolution ließen sich hier Wissenschaftler, Schriftsteller und Lehrer nieder. Daher der Name „Professorenviertel“. Von den Sowjets wurden die Datschen konfisziert und der Ortsteil in Arbeiterviertel umbenannt.Mit dem Einmarsch der Roten im Herbst 1920 begann Zeit des Terrors, der Repression und des Hungers. Die rote Armee hatte die weiße Freiwilligenarmee Mitte November endgültig von der Krim vertrieben und Béla Kun säuberte die Halbinsel auf Befehl Lenins mit „eisernem Besen“ von sog. konterrevolutionären Elementen und Klassenfeinden. Lenin sprach von 300.000 Bourgeois auf der Krim, die vernichtet werden müßten. Auch Schmeljows einziger Sohn, der zuletzt unter Wrangel gediente hatte und in Gefangenschaft geraten war, fiel ihnen zum Opfer. Als ehemaliger weißer Offizier hatte er keine hohe Überlebenschance. Schmeljow selbst entkam der Verhaftung nur durch Zufall. Der rote Kommissar, der ihn verhörte, muß ein Fan von ihm gewesen sein und ließ ihn laufen.Die 1925 bei S. Fischer Berlin erschienene deutsche Erstübersetzung mit dem Titel „Die Sonne der Toten“ war nach fast 100 Jahren auch antiquarisch kaum noch erhältlich. Erst in diesem Jahr erschien die vorliegende Neuübersetzung unter dem abgewandelten Titel „Der Toten Sonne“. Das Buch wird im Hardcover mit Pappschuber und Lesebändchen angeboten. Nachdem ich vor vielen Jahren einmal das russische Original gelesen hatte, wagte ich mich an die Zweitlektüre. Schmeljows sehr eigenen poetischen Stil gibt die deutsche Übersetzung jedenfalls gut wieder.An sich ist der Roman eher ereignisarm und eine durchgehende Handlung gibt es nicht. Die Gespräche, Beobachtungen und Reflexionen des Ich-Erzählers haben es dafür in sich. Er berichtet zunächst von seinen Tieren, Obstbäumen und Weinstöcken. Allein die Natur der Krim ist so plastisch beschrieben, daß bei mir unweigerlich Urlaubserinnerungen wach wurden. – Leider habe ich es bei meinen Aufenthalten in Aluschta nie ins Schmeljow-Museum geschafft. - Wir begleiten den Autor auf seinem täglichen Weg in die Schluchten, wo er Brennholz besorgt. Seinen Hausrat tauscht er bei Tataren gegen Lebensmittel, denn der Hunger ist quälend. Gebratene Fladen aus Traubentrester sind mittlerweile Grundnahrungsmittel. Die Nachbarn, es werden deren immer weniger, kommen vorbei und plaudern mit ihm. Jeder lebt im Bewußtsein des nahen Endes und die Todesspirale dreht sich immer schneller. So reiht sich Geschichte an Geschichte zu einer Art Tagebuch der Apokalypse. Über allem scheint teilnahmslos die Sonne und spiegelt sich in den Augen der Toten.Schon bei meiner Erstlektüre fühlte ich mich immer wieder an Erlebnisberichte aus dem sowjetisch besetzten Ostpreußen bzw. Königsberg erinnert. Es ist frappierend, wie sehr sich die Bilder gleichen. Auch die Krim wurde damals von den Roten wie Feindesland behandelt. Sie galt als Zentrum der Konterrevolution und ihre Bewohner waren quasi vogelfrei. Mord und Vergewaltigung, Razzien und Raubüberfälle waren an der Tagesordnung. Angesichts dieser drückenden Atmosphäre der Angst und völligen Hoffnungslosigkeit hatte ich beim Lesen nicht selten ein Kloßgefühl im Hals. Liegt es daran, daß wir wieder in einer Zeit des Niedergangs und der Massenverelendung leben, daß ich mich auch heute so gut in Text hineinfühlen kann? Schmeljow und seine Frau retteten sich schließlich ins Exil, über Moskau und Berlin nach Paris. Aktuell würde ich lieber die entgegengesetzte Richtung einschlagen.Als ergänzende Lektüre für historisch Interessierte sei noch das Buch „Der rote Terror in Russland“ von Sergej Melgunow empfohlen. Es erschien 1924 erstmals auf Deutsch und ist als Nachdruck auch bei Amazon erhältlich. Der Historiker Melgunow, ebenfalls ein Zeitzeuge, der die bolschewistische Revolution knapp überlebte, beziffert die Zahl der Opfer auf der Krim auf 120.000. Er berichtet u.a. von Gefängnisschiffen, von denen die Gefangenen mit einem Stein um den Hals ins Meer gestoßen oder die im Extremfall gleich mit Mann und Maus versenkt wurden (z.B. vor Jewpatorija und Kertsch). – Bei Schmeljow erinnert die MS „Zerstörer“, als „Eisensarg“ apostrophiert, an diese Vorfälle. Auch Nikita Michalkow griff das Thema in seinem Film „Sunstroke“ (2014) auf. - Den Unterschied zu den Exzessen der Weißen sah Melgunow darin, daß der rote Terror planmäßig durchgeführt und von den Machthabern (Lenin, Trotzki, Dserschinski u.a.) theoretisch begründet und gutgeheißen wurde.Fazit: „Der Toten Sonne“ ist eine vernichtende Kritik am sozialistischen Experiment und zeigt die Bolschewiki als „blutdürstige Sekte“. Für den Leser im doppelten Sinne keine leichte Kost. Ungeachtet aller stilistischer Gewöhnungsbedürftigkeit und literarischen Ballasts aber immer noch lesenswert und hoch aktuell.Wer sich mit dem Kauf nicht sicher ist, sollte es erstmal mit Schmeljows kurzer Erzählung „Hunnen“ versuchen. Die PDF wird vom Aufbau Verlag kostenlos zum Download angeboten.
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"Lesen Sie dieses Buch, wenn Sie Mut dazu haben." - Thomas Mann zur Ersterscheinung vor 100 Jahren. Es war der von seiner Begegnung mit dem bereits im Pariser Exil lebenden Iwan Schmeljow erschütterte Thomas Mann, der 1926 die Lektüre von Die Sonne der Toten (so der Titel deutschen Erstübersetzung) dringlich empfahl: Iwan Schmeljows Hauptwerk, eine epische Dichtung, wurde nach dem Erscheinen 1923 denn auch sogleich in ein Dutzend europäischer Sprachen übersetzt und von Thomas Mann für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde. Der Roman erzählt vom mörderischen Wüten der Bolschewiki im Bürgerkrieg au f der Krim zu Beginn der Zwanzigerjahre. Iwan Schmeljow war in Moskau aufgewachsen, die Krim, wo er von 1918 bis 1922 mit seiner Frau in Aluscha lebte, sein Flucht- und Sehnsuchtsort, war seine Heimat. Berge, Meer und gleißende Sonne, ein friedliches Vielvölkeridyll, vernichtet durch die Bolschewiki, die auch Schmeljows einzigen Sohn Sergej hier erschossen. Der Toten Sonne ist zum literarischen Zeugnis eines Autors geworden, der sich "von Europa" im Stich gelassen fühlte, ein Requiem auf die Opfer des damaligen Terrors und dabei nach fast hundert Jahren ein einzigartiges Buch: Die schmerzvolle Sprache des Ich-Erzählers verströmt eine ungeheure Einsamkeit und Verlassenheit, ihre poetische Kargheit entfaltet einen Sog, dem wir uns auch heute - vielmehr gerade heute - nicht entziehen können. "Irgendwo scheint sicher die Sonne, aber das ist nicht unsere Sonne". Die Krim ist für Iwan Schmeljow nicht länger Paradies, sondern apokalyptisch anmutende Natur, statt Fülle regieren Hunger und Elend, Rechtlosigkeit, Folter und Erschießungen. "Sie kommen nachts", die mit dem roten Stern an der Mütze, sie verschleppen, morden und rauben. Der Toten Sonn e setzt elegisch ein, der Ich-Erzähler tastet mit seinem Blick die verheerte Natur ab, das Leid der verbliebenen Tiere, porträtiert die Nachbarn, führt Zwiesprache mit sich selbst, verarbeitet die Veränderungen. In der vormals blühenden Landschaft beschreibt er leise und behutsam die Verrohung aller menschlichen Verhältnisse, wenn alle Rechtsstaatlichkeit verfällt und. Durch die Sparsamkeit seiner Sprache, durch seine originelle Erzählkunst, wirkt Iwan Schmeljows Klage nur umso lauter, umso kraftvoller. Ein russischer Literaturkritiker jener Tage resümierte: "Er erzählt nur, Tag für Tag, Schritt für Schritt in einer Epopöe von seinem kleinbürgerlichen Leben auf der Krim in dem Hungerjahr unter dem bolschewistischen Joch". Käthe Rosenberg, eine Cousine von Thomas Manns Ehefrau Katja, übersetzte Iwan Schmeljow ins Deutsche (erschienen 1925 bei S. Fischer in Berlin) - aber diese Übersetzung vermittelte nur einen ungefähren Eindruck von der Kraft und Poesie des Originals. Schmeljows unverwechselbare Erzählerstimme legt nun die Neuübersetzung von Christiane Pöhlmann frei. EAN: 9783847720577 Farbverschnitt: Generell werden die Bücher ohne Farbverschnitt geliefert, auch wenn die Abbildungen einen Farbverschnitt zeigen. Erscheinungsjahr: 14.11.2023 Produktform: Leinen, Gebunden Titel der Reihe: Die Andere Bibliothek#459# Autoren: Schmeljow, Iwan Übersetzung: Pöhlmann, Christiane Seitenzahl/Blattzahl: 320 Themenüberschrift: FICTION / War & Military Keyword: Bolschewiki; Bürgerkrieg; Krim; Russische Revolution; Schmeljow Fachschema: Russland / Roman, Erzählung Fachkategorie: Kriegsromane~Fiction based on or inspired by true events~Belletristik in Übersetzung, Klassische Belletristik Region: Russland~Krim~Russisches Zarenreich Zeitraum: Erste Hälfte 20. Jahrhundert (1900 bis 1950 n. Chr.) Thema: Entspannen, Eintauchen Text Sprache: ger Originalsprache: rus Verlag: AB Die Andere Bibliothek, AB - Die Andere Bibliothek Länge: 216 mm Breite: 126 mm Höhe: 24 mm Gewicht: 408 gr Genre: Belletristik Herkunftsland: DEUTSCHLAND (DE)
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