Keine Kindheit auf Erden, über die man nicht zwei oder auch drei Stunden fabulieren könnte. Kristin Steinsdottir, Autorin von über einem Dutzend Kinder- und Jugendbüchern, Theaterstücken und zwei Romanen für Erwachsene, blickt auf die 50er und 60er in Seydisfjördur im Osten Islands zurück, einem Dorf mit heute nur 750 Einwohnern. Damals wie heute dienen Fischfang und -weiterverarbeitung ("Arbeiten im Fisch") nicht nur dem Broterwerb, sondern prägen ganze Biographien, sind sogar Quell der Freude für ein so genügsames, grundzufriedenes Mädchen wie Kristin, die gerne Geschichten hört, gerne im Akkord arbeitet, gerne Fisch verzehrt oder eben auch warmen Milchreis mit Zimt, Zucker und Blutwurst, gerne auf die Sonne wartet, im Grunde fast alles gerne tut - außer Radionachrichten verfolgen. Die Telefongespräche aus dem Internat nach Hause werden von der Telefonistin mitverfolgt? Nicht schlimm, man hatte sich ohnehin nichts Geheimnisvolles mitzuteilen. Mitten in der Nacht wachgeklopft werden, weil frische Heringe geköpft, die Innereien heraus gedrückt werden müssen? Normalität, man konnte sich dran gewöhnen. Und der Neid in jenem Jahr, als der Familie im Dezember nur vier Äpfel zugeteilt wurden, der Arzt hingegen einen ganzen Korb bekam? Er ist schnell abgeflaut, man war sich nicht lange böse. Wenn der Isländer an sich so ist, dann wäre man gerne Isländer. Dann sollte alle Welt isländisch sein.Womöglich liefert dieser dreistündige Bericht eine Erklärung dafür, warum dieses Volk als besonders glücklich gilt: Sie brauchen nicht viel, das Gemeinschaftsgefühl ist sehr stark, man hilft sich gegenseitig, ist nicht vorurteilszerfressen (wenngleich es Vorbehalte in abgemildeter Form gibt, gegenüber dem deutschen Zahnarzt beispielsweise, gegenüber den Russen, Kommunisten wie dem Vater, der in der Hauptstadt nie Schulleiter werden konnte), sie sind tief verbunden mit der Landschaft, dem Heimatfjord, den kahlen Bergen, den Fischen. Für die Erzählerin ist diese Vergangenheit ein einziges Abenteuer, obwohl sie absolut nichts Außergewöhnliches erlebt hat und das Setting so fremd nun auch nicht ist. Keine Episode ist so sonderbar, paradox, zufallsgeschwängert oder poetisch, keine Begegnung so einschneidend, dass man sie unbedingt beispielhaft nennen müsste, um für dieses Hörbuch zu werben. Eine Ausnahme: Einst lag der Schnee so hoch, war so fest, dass der Vater das Haus namens Tunga über den oberen Stock verlassen musste, das Schlafzimmerfenster wurde zur Tür. Kristin Steinsdottirs "memories of a colder iceland" fehlt indes die reiche Innenwelt einer Herta Müller (oder sie kann sie nicht mehr abrufen), auch ist sie weit entfernt von der virtuosen Detailversessenheit eines Peter Kurzeck, der aus dem Pellen einer Fleischwurst oder einer missglückten Bahnfahrt dermaßen viel Witz und Leuchtkraft gewinnt, dass man lächelnd, staunend, beglückt in die Kissen sinkt. Wenn sie uns in den Volksglauben einweiht, in dem 13 Weihnachtsmänner und eine gefährliche Katze vorkommen, gerät ihr das alles viel zu lang. Es sind aber die einzigen zehn Minuten, die mich in leichte Ungeduld versetzt haben.Ihr zuzuhören ist gewiss nicht langweilig. So ist ihr Deutsch nahezu einwandfrei, zumal sie sechs Jahre in Göttingen gelebt und deutschsprachige Romane ins Isländische übersetzt hat, ihre Stimme ist sehr angenehm weich und mütterlich, man möchte sich an sie drücken, zumal es immer wieder schön ist Zeuge zu sein, wenn Menschen sich erinnern und ihnen dabei reichlich Raum gegeben wird. So viele Bilder entstehen in mir, während sie spricht, dass ich fast schon glaube, einen Film mit authentischem Bildmaterial gesehen zu haben. Gleichzeitig hat das alles nur schwache, außerbildliche Resonanzen in mir hervor gerufen. Es sind lauter nette Kleinigkeiten. Bewegend ist es nicht, und ich erwarte durchaus keine existenziellen Dramen, weder Tod noch Verrat. Um es auf den Punkt zu bringen: Mir ist nicht recht klar, was das Besondere an ausgerechnet dieser Lebenserzählung sein soll. Zum Gastland Island auf der Buchmesse 2011 passt diese Publikation jedenfalls wunderbar, und natürlich habe ich größten Respekt vor dem ambitionierten Saga-Projekt. "Leben im Fisch" hingegen ist eine schön gestaltete Veröffentlichung, von der man keinesfalls abraten kann und die gleichwohl nicht gut genug ist für eine vorbehaltlose Empfehlung.