★★★★★
k.A.
08.07.2026
ean-shopping.de
Gut!
ein atmosphärisch überzeugender, angenehm verstörender Roman, dessen Verständnis ungemein durch einen Blick ins englische Original befördert wird. Der Vater des Helden stellt Schlüssel her, keine normalen Schlüssel, sondern anscheinend magische Objekte. Der Begriff „key“ taucht daher sehr häufig im Text auf, aber einige Mal fällt dieser Begriff auch im Kontext des Schreibprozesses, denn die Tasten der Schreibmaschine, an welcher der berichtende Held sitzt, werden auch als „key“ bezeichnet. Der Schlüssel zum Verständnis dieses Buch ist also, dass der Bericht des Helden selbst ein magischer Schlüssel ist, weil er etwas öffnet, das nicht jedem , zum Beispiel nicht dem System, für das der „Volkszähler“ steht, klar zu erkennen sein soll und darf. Miévilles durchtriebenes Buch ist die Warnung eines aus der vermeintlich naiven Ich-Perspektive erzählenden Helden, der vor einer Person, ja, vor einer Gefahr warnt. Blickt man ins Original, so verweisen deutlich erkennbare Akrosticha – ähnlich wie in Nabokovs „The Vane Sisters“ - auf das, was eigentlich erzählt wird. Diese für das Verständnis des Buches ungemein wichtigen Akrosticha finden sich im Zusammenhang mit dem Begriff „Katechismus“ – mehr sollte hier nicht verraten werden, weil es ein erhebendes Gefühl ist, durch den Erzähler des Buches listig darauf hingewiesen zu werden (und deshalb schreibt er überhaupt dieses „zweite“ Buch), wovor man auf der Hut sein soll. In der verdienstvollen deutschsprachigen Ausgabe fehlen leider nicht nur die Danksagung, die Widmung, sondern auch vor allem auch ein Hinweis auf die nicht übersetzten Akrosticha, deren Fehlen diese Ausgabe des Buches etwas unverständlicher macht als das Original. Nabokov schrieb einmal, große Literatur sei nie einfach, aber manchmal eröffnet das Entschlüsseln eines Akrostichons viel. Und um versöhnlich zu schließen: Man sollte viel mehr China Miéville lesen! Und SF-Lesern sei abschließend noch verraten: Vieles spricht dafür, dass dieses Buch der vierte Bas-Lag-Roman ist, wobei die Formulierung „spricht dafür“ darauf hindeutet, dass die Lektüre dieses Buches den Leser mit erheblichen Geheimnissen und Rätseln konfrontieren könnte.
China Mieville war mir durch „Die Stadt & die Stadt“ und „Das Gleismeer“ schon ein Begriff. Das waren etliche tolle Lesestunden. Somit war es aber auch klar das ich meine Nase zwischen die Buchdeckel seines neunen Werkes stecken wollte. Nun bin ich endlich dazu gekommen.KLAPPENTEXTAuf einem Berg oberhalb des Brückendorfes, in einem abgelegenen Haus, lebt ein Junge mit seinen Eltern. Der Vater ist Schlüsselmacher und wird weithin für seine Kunst gerühmt. Oft steigen die Leute den Berg hinauf und tragen ihr Anliegen vor. Von den Schlüsseln erzählt man sich, dass sie magische Kräfte haben, und niemals sieht der Junge die Kunden seines Vaters ein zweites Mal. Doch dann wird er Zeuge einer grausamen Tat und muss hinunter ins Dorf fliehen. Die Leute dort erwarten ihn bereits und wollen wissen, was geschehen ist. Außer Atem, mit blutigen Händen und zitternd vor Angst erzählt der Junge, seine Mutter habe seinen Vater erstochen. Sicher ist er sich aber nicht. Vielleicht war es auch der Vater, der die Mutter getötet hat …Einmal mehr lotet China Mieville die Grenzen der fantastischen Literatur aus. »Dieser Volkszähler« ist ein virtuos erzähltes, atmosphärisch dichtes Buch, das unsere Wahrnehmung der gegenwärtigen Welt verzerrt, um das zu enthüllen, was uns in ihr verborgen bleibt.ZUM BUCHAn einem unbestimmten Tag, rennt ein Junge einen Berg in Richtung Dorf hinunter. Er schreit, er weint und ist nicht mehr zu beruhigen. Doch in dieser Schmerzsymphonie webt der Junge ein Familienschicksal ein, welches entsetzen entstehen lässt, schließlich soll der Vater, die Mutter erstochen haben – oder war es doch genau andersherum.Die Dörfler beschließen eine Abordnung auf den Berg zu senden und den Anschuldigungen auf den Grund zu gehen. Als diese Abordnung auf den Vater trifft, leugnet dieser alles. Im Gegenteil, der Vater erzählt der Dorfabordnung eine ganz andere Geschichte der Ereignisse. So soll seine Frau ihn und seinen Sohn verlassen haben. Ein Beweis dafür hält der Vater, in Form eines Briefes auch schon bereit. Die Dörfler sehen keinen Anlass den Vater zu misstrauen, schließlich sorgt er seit unsagbarer Zeit dafür, das die Dörfler, die hin und wieder auf den Berg reisen, dort in Ruhe ihr Schicksal klagen können und dann vom Vater, einen Schlüsselmacher, einen magischen Schlüssel erhalten welcher seine Arbeit gut macht, schließlich gab es noch nie Beschwerden.Das der Schlüsselmacher allerdings ein dunkles Geheimnis verbirgt, welches schon unzähligen Lebewesen das Leben gekostet hat ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand aus dem Dorf und so überlässt man den Jungen sein Schicksal. Aber eines Tages scheint sich in Form eines Volkszählers jemand der Problematik anzunehmen und so scheint nicht nur das Geheimnis in Gefahr sondern auch eine Schicksalswendung im Leben des Jungen bevorzustehen.MEINE MEINUNG:Genauso streitbar wie der Autor für viele Phantastik Leser ist, so streitbar ist auch „Der Volkszähler“. Gekonnt führt Mieville den Leser durch seine Story, welcher er gestückelt bzw. nicht wirklich einem Weg folgend aufgebaut hat.Seine gewählten Charaktere fanden bei mir zwar den Weg ins Kopf Kino und bilden auch eine gewisse Silhouette, allerdings blieb es bei einer Hülle. Den Lebensinhalte habe ich dann doch vermisst. Sei es durch den Mangel an Darstellung oder durch eine teils nicht so gelungene Story Integration. Mir fehlt da was.Alles in allen ist das Buch mit kleinen Schwächen lesenswert – aber kein Muss.