Stuttgart 29. März 1946: Im Zuge einer Schwarzmarkt-Razzia wird der Auschwitz-Überlebende
Shmuel Dancyger von einem deutschen Polizisten erschossen. Erst kurze Zeit zuvor hatte er seine
Familie wiedergefunden: Auch seine Frau und Kinder hatten das Vernichtungslager überlebt.
Gemeinsam bewohnten sie ein Zimmer in der oberen Reinsburgstraße. Von 1945 bis 1949 lebten hier
in einem aus beschlagnahmten Privatwohnungen bestehenden Displaced Persons-Camp hunderte
polnisch-jüdische Holocaustüberlebende. Auf baldige Emigration nach Israel oder in die USA
hoffend etablierten sie im Stuttgarter Westen unter alliiertem Schutz ein vielfältiges
selbstverwaltetes Alltags- und Kulturleben. Die tödliche Razzia im März 1946 war ein brutaler
Übergriff auf diesen Schutzraum. Wie war das möglich kaum ein Jahr nach Kriegsende? Wie konnte
die Stuttgarter Polizei eine weitgehend eigenmächtige Razzia durchführen - war sie doch den
US-Alliierten unterstellt? Weshalb wurde der Täter nie identifiziert obwohl die Amerikaner im
Nachgang Ermittlungen anstellten? Wie reagierten die jüdischen Überlebenden auf die Razzia?
Diese Fragen stehen im Zentrum des Buches das sich vor allem dem Zusammenhang von
Antisemitismus und polizeilicher Resouveränisierung und der Selbstbehauptung der jüdischen
Überlebenden im DP-Camp widmet. Io Josefine Geib hat an der Goethe-Universität Frankfurt am
Main sowie der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) Paris Geschichte studiert.
Neben der Antisemitismus und Holocaustforschung zählen auch migrationsgeschichtliche sowie
geschichtsphilosophische Fragen zu ihren Forschungsinteressen. Derzeit promoviert sie über die
Geschichte der Restitution der von den Nationalsozialisten in Frankreich geraubten Bücher.