Es ist nicht allein die Aufmachung, die das Leuchtende Schweigen zu dem Auffälligsten der (meines Wissens nach) fünf epischen Maffay- Musicals macht. Die musikalische Masse, die sich hier einem, wie es scheint Jahrhunderte alten Mysterium erhebt und in unserer Welt einschlägt wie ein Komet, beinhaltet die rätselhafte Philosophie eines kleinen, kindlichen Verstandes, der nicht so sehr nach dem Sinn des großen Ganzen, sondern nach der ominösen Kraft dahinter sucht.Ich persönlich habe dieses Fabelwesen des Tabaluga nie als bildliche Figur wahrgenommen sondern als eine Metapher für das in unseren Tagen allzu vergängliche Kindliche, das die Welt noch einmal aus den Augen unserer Kinder heraus zu erforschen und zu begreifen beginnt. Zwar war Tabaluga im Vorgänger dieses Werkes auf der Suche nach der Vernunft, hat sie jedoch meiner Ansicht nach nie gefunden- da- wie sich herausstellte, jedes ihm begegnende Wesen eine ganz eigene Vorstellung von dem, was vernünftig ist hatte. Zuguterletzt tritt dort die alte Schildkröte Nessaja (Hand in Hand mit all den anderen mittlerweile legendären Bewohnern Grünlands) auf und erklärt dem jungen Drachen, dass sie, dieses uralte Geschöpf nie hatte erwachsen sein wollen, es aber letztendlich in der Natur der Dinge läge, vergänglich zu sein.All das Vergängliche- jenes Grünland, das wie seine Bewohner den Tücken der Zeit unterworfen ist, existiert hier nicht mehr- oder noch nicht- denn wo genau das leuchtende Schweigen chronologisch einzuordnen ist, ist nicht ganz klar- Sicher ist, dass es sich um die Zeit nach dem Erstling handeln muss, in welchem der alte Drache Tyrion immerhin noch am Leben war. Doch wie sich vielen der anderen Rezensionen leider bereits entnehmen lässt, sind die Tage des Tyrion hier gezählt. Ein neuer, formloser Feind- ein Verleugner der Liebe und Urheber allen Übels auf der Welt, trachtet dem Herrn der Drachen nach dem Leben. Seine Gehilfen, die Schlange Bilingua, eine unübersehbare Allegorie der Erbsünde, sowie die Traumfrau, eine Eisprinzessin und der leibhaftige Tod in Form eines lebensfrohen Gesellen mit Wiener Akzent, lauern Tabaluga auf seiner Reise durch das Universum, mit jenem rätselhaften Jade- Stein, welcher das auslösende Element der hiesigen Handlung zu sein scheint auf und belehren ihn über die so unterschiedlichen und komplexen Betrachtungsweisen eines Phänomens namens Liebe- in Form griffiger Rocksongs, die bereits nach dem ersten ausgiebigen Gehörgang präsent bleiben.Möglicherweise ist es der Jade- Stein selbst, der so abnorme Formen des uns bekannten Kosmos des kleinen Drachen heraufbeschwört- vielleicht solch surreal anmutende Elemente, wie der Werbejingle zu Beginn, dem der Protagonist erst den Begriff der Liebe entnimmt, vielleicht aber auch, dass eine so kurzlebige wie liebgewonnene Figur wie Tyrion am Ende des langen Weges durch die vielen Wirklichkeiten, das Zeitliche segnet- jedenfalls gemahnt diese Reise Tabalugas an etwas, das man zu Lebzeiten nicht zu erfahren in der Lage ist- gerade in einer Zeit, in der so viel greifbarere Probleme wie Beruf, Lebensunterhalt und die krankhafte Institutionalisierung der Familie alles andere aus unseren Gedanken verdrängen. Daher kann ich auch dem Schöpfer dieses Meisterwerks am Ende der Erfahrungs- wie Entbehrungsreichen Reise nur beipflichten, wenn er dem Leben, dem sich die ganze Geschichte im Eigentlichen widmet, im vorletzten Song: "Danke an das Leben", seinen Tribut zollt. Das Ende ist nicht wirklich fröhlich oder erleichternd, dafür aber versöhnlich und ruhig und beantwortet jene Frage über den Ursprung aller Dinge, für die es sich zu leben lohnt mit der nüchternen Feststellung, die den bunten Farben eines Regenbogens und seines kleinen, traurigen Bewohners gewidmet ist: Es war das leuchtende Schweigen.
Alle anderen "Tabaluga"-Stories ecken nirgendwo an, regen nicht zum Nachdenken an und eiern herum in einer altmodischen Friede-Freude-Eierkuchen-Welt mit schaumgebremsten Stories, die sowohl KIndern als auch deren Eltern die Wirklichkeit des Lebens ersparen möchten. (Selbst die Märchensammlungen der Gebrüder Grimm sind weit näher an der Realität, in der es nicht nur Gutes, sondern auch Böses gibt — das Leben und auch den Tod.)"Tabaluga und das leuchtende Schweigen" war ein bewusster Ausreißer aus dieser betulichen Szene, sehr erfolgreich. Sogar The Walt Disney Company wollte die Filmrechte daran erwerben, doch Peter Maffay schraubte seine Forderungen zu hoch.Mittlerweile war auch eine englischsprachige Version namens "Tabaluga and the Magic Jadestone" erschienen: mit Chris Thompson als Lead-Sänger, Haley Mills als Erzählerin, Keith Reid ("A Whiter Shade of Pale") als legendärem Subtexter der originalen Songs. Die damals (1986) schon klapprige Firma Teldec, kurz nachher eingegangen, hatte nicht die Mittel, den britischen und den US-Markt zu bewerben.Doch Joanne K. Rowling, zu jener Zeit eine arbeitslose Lehrerin, die etwas später Harry Potter erfand, sagte in einem BBC-Interview, dass sie aus der englischen Version von "Tabaluga und das leuchtende Schweigen" gelernt habe, Kinder nicht in Watte zu packen, sondern ihnen die real existierende Welt nahezubringen — ohne Zeigefinger, sondern poetisch und lyrisch, durchaus auch in Fantasy-Stories verpackt.Was sie dann auch tat, weltweit erfolgreich, angeregt durch Peter Maffays zweite "Tabaluga"-Geschichte.