Ich lese und höre immer wieder dass man Lynch-Filme nicht verstehen könnte. Man müsse sie einfach auf sich wirken lassen, wie Gemälde, obwohl ich mir auch nicht vorstellen kann Gemälde ohne Interpretation einfach so über sich ergehen zu lassen. Auch kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen dass Lynch solche komplexen Werke einheitlich zusammen binden kann ohne dabei einen „roten Faden" im Kopf zu haben: Das Gesamtbild des Films würde dann sicherlich abstürzen und würde nicht dieses Unbehagen beim Betrachter erzeugen können. Der Mann ist meines Erachtens nach einfach psychologisch oder sollte ich lieber sagen psychoanalytisch hochbegabt und er spielt mit unserem intimsten Unterbewusstsein. Nach jedem Film von Lynch bin ich immer wieder überzeugt dass er ein sehr enger Anhänger der psychoanalytischen Lehre des Sigmund Freud angehört. Lynch-Filme sind für mich Traumdeutung und in diesem Sinn wie bei Träumen selbst gibt es reichlich Raum für Spekulationen. Nichtsdestotrotz wird dieser Traum von jemandem geträumt und das ist der ausschlaggebende Punkt! Die spannende Frage ist wer hier träumt, wer seine Realität ins Unterbewusstsein verdrängt hat, welche Abkömmlinge aus dieser Verdrängung entstehen.In Mulholland Drive ist das ohne Zweifel unsere Betty. Einst ist sie nach Hollywood gekommen um eine grandiose, erfolgsverwöhnte Schauspielerin zu werden. Auch hatte sie erste unbedeutende Möglichkeiten (nicht Erfolge) und machte sogar die Bekanntschaft mit einigen wirklichen Filmgrössen, wie z.B. Rita. Allerdings wollen ihre verzweifelten Versuche einfach nicht fruchten und sie bleibt bedeutungslos, eine absolute Tragödie für sie. Sie sieht sich jetzt als Versagerin, komplett gescheitert. In ihrem Unterbewusstsein schmiedet sie jetzt einen neuen Plan um ihr Ziel dennoch zu erreichen. Sie nimmt die Persönlichkeit der Rita an, sie will Rita werden (aber nur die grosse Schauspielerin), sie verschmilzt mit ihr auf eine lesbisch erotische Art und Weise. Sie projeziert sozusagen ihren Absturz in Rita hinein und kann sich so selbst in einer von ihr erfundenen Geschichte zur Hilfe kommen. Was nun folgt ist Bettys Wunschtraum von dem was Ihre Karriere hätte sein sollen. Die grosse Heldin mit unbeschreiblichem Talent die alles erreicht was sie anpackt. Aber wie in allen Träumen läuft natürlich auch das Wissen dieser Lüge permanent an ihrer Seite. So versucht sie ausserdem ihr schauspielerisches Scheitern auf unkontrollierbare verbrecherische Mafioso zu schieben. Sie war talentiert wie keine andere, aber die Mafia hat dem Regisseur befohlen eine Untalentiertere zu nehmen. Ihr Scheitern bleibt also nicht ihre Schuld, sondern man hat sie um ihre Chance betrogen. Dunkle, kriminelle Gestalten haben anders entschieden. So kann sie ihr mangelndes Talent auf dunkle Machenschaften abschieben um ihr unterbewusstes Seelenheil zu bewahren.Allerdings, wie in allen Lynch-Filmen, kommt die Lebenslüge wieder zum Vorschein, den Schlüssel zum Unterbewusstsein hält sie im Theater selbst in der Hand. Diese seelische Katastrophe kann Betty natürlich nicht heil überstehen! Nun lacht jeder über sie (die beiden Senioren), der Urschrei in ihrem Kopf wird immer heftiger. Wir machen Bekanntschaft mit den Charakteren aus ihrem Traum, aber diesmal so wie sie wirklich sind oder auf Betty geschienen haben. Die verweste Leiche die wir schliesslich zu Gesicht bekommen ist sie selbst nach ihrem Suizid, der auch schon im Hinterhof des Restaurants angedeutet wird.Alles kann man natürlich bei Lynch-Filmen nicht interpretieren, da jeder Mensch ein Individuum ist und wir das was Lynch erlebt hat nicht wissen können und daher nicht alle seine im Filmtraum verarbeiteten Ideen nachvollziehen können.So seh ich das, und nun dürft ihr mich steinigen :-)