„Falscher Stolz macht die Augen des Herzens blind“! Das ist die Kernaussage dieses Filmes. Und nur wer für Gutes blind ist, kann die Großartigkeit von "Stolz und Vorurteil“ übersehen!Ich kann "Pride and Prejudice" von Regisseur Joe Wright nur auf das Glühendste empfehlen. Dieser Film ist keine seichte Romantik-Schmonzette, die vor Pathos und alt bekanntem Dialog nur so strotzt. Nein! "P&P" ist leichtfüßigster Tiefgang, unangestrengte rhetorische Finesse und zauberhafte Ästhetik! Vor allem anderen ist es aber pure Romantik!Zum Plot:Die aus akzeptablen Verhältnissen stammende Elisabeth Bennett, genannt Lizzy, und der überaus wohlhabende Mr. Darcy treffen sich auf einem Ball und finden einander mindestens sehr interessant. Zeitgleich verlieben sich Darcys bester Freund Charles und Lizzies Schwester Jane sofort ineinander – was nicht verwundert, sind beide doch unkomplizierte, sanfte Gemüter. Leider sind Lizzy und Mr. Darcy das genaue Gegenteil davon. So besitzt die unbeschwerte und spritzige Lizzy - mehr noch als der leicht verstockte Darcy - solch einen messerscharfen Verstand, dass sie gar nicht anders kann als auch noch die kleinsten Fehler und Schwachstellen des anderen aufzuspüren und mit brutaler Ehrlichkeit öffentlich zu bekunden. So führt das anfängliche (heimliche!!) romantische Interesse zwischen den beiden zunächst zu diversen verbalen Schlagabtäuschen. Die beiden scheinen einander gewachsen zu sein! Aber: Zu den schlimmsten Zeiten hält Lizzy Darcy für einen aufgeblasenen Snob und Darcy hält Lizzy für eine stolze Göre, deren kulturlose und verarmte Sippe der niederen Herkunft zu entkommen sucht, indem sie ihre Töchter möglichst gewinnbringend verheiratet. Zu allem Unglück verhalten sich Teile von Lizzys Familie tatsächlich so unehrenhaft, dass man sie eigentlich in der höheren Gesellschaft, der Darcy zweifelsohne und mit Stolz angehört, ächten müsste. So fühlt sich Ehrenmann Darcy veranlasst zum Schutz seines gut betuchten Kumpels Charles diesen von seiner Liebe zu Jane abzubringen. Als Lizzy dies erfährt, schlägt ihre ambivalente Haltung gegenüber Darcy endgültig in pure Abneigung um! Eine dramatische Aussprache zwischen Darcy und Lizzy bringt die gegenseitigen Vorbehalte ans Licht und weil beide - unverblümt wie sie nun mal sind - einander zutiefst in ihrem jeweiligen Stolz verletzen dass es nur so kracht, besteht nun kaum noch Hoffnung auf eine romantische Union! Dazu kommen noch die Intrigen derer, die auf die vorteilhafte Bekanntschaft mit Darcy und seinem Vermögen nicht verzichten wollen und die in Lizzys potentieller Beziehung mit Darcy eine Gefährdung dieser Ressource sehen. Einen weiteren Keil zwischen Lizzy und Darcy treibt der Auftritt eines gewieft-charmanten Schönlings. Der bemüht sich gerade dann um Lizzys Herz, als sich Darcy selbst bei ihr in Ungnade gebracht hat! Alles scheint dafür zu sprechen, dass die harten Geschütze, die Lizzy und Darcy gegeneinander auffahren, ihre Berechtigung haben. Aber kann man sich so an jemandem aufreiben, der einem egal ist?Warum begeistert diese recht einfach wirkende Geschichte?Weil hier echte Filmemacher-Kunst aufgefahren wird. Weil Inszenierung, Schauspiel, Dialoge und Musik, Kameraarbeit und Schnitt wirklich meisterlich gelungen sind. Man fühlt sich den ganzen Film über als wäre man mitten in einem wunderbar realitätsnahen Märchen für Erwachsene gelandet. Regisseur Wright lässt uns an dem pulsierenden Leben der Familie von Lizzy (gespielt von Knightley) teil haben. Er nimmt uns mit in die von ihnen bewohnten Häuser, Salons, Säle, in die Städtchen, auf die Straßen und in die Parks und Landschaften.Wenn die Bennett-Frauen wie ein pastellfarbener Charakter-Regenbogen auf einer viktorianischen Couch niedersinken, dann geht mir jedes Mal wieder das Herz auf! Oder auch, wenn die Herren der Schöpfung stocksteif vor einer mit nackten agilen Männerkörpern bebilderten Tapete platziert sind…oder wenn der Zuschauer den vom hellen Sonnenschein erleuchteten Blick Lizzys auf das Innere ihrer Augenlieder teilt und man glaubt, selbst die Sonne im Gesicht zu spüren!Besonders schön: Die legendäre “Regen-Aussprache“ zwischen Lizzy und Darcy, die unweigerlich zur Austragung eines Wortgefechtes mutiert, um zwischenzeitlich in erotisch aufgeladener Wortlosigkeit zu gipfeln, und letztlich in schmerzliche Enttäuschung zusammen sackt. Eine der besten Kino-Szenen überhaupt! (Der Dialog ist natürlich stark entlehnt aus Austens Romanvorlage und kann somit nur hervorragend gut sein! Aber wie modern er doch hier wirkt! Unglaublich!)Außerdem zu genießen: Eine Sternstunde von einem Cast, das der Vielschichtigkeit der Charaktere gerecht wird!Die filmische Geburtsstunde von Keira Knightley als Hollywood-Fürstin! (Wir alle können verstehen, warum Mr. Darcy so von ihr fasziniert ist, entgegen seiner eigenen Vorbehalte!)Und natürlich die Unsterblich-Werdung des Matthew Macfadyen als unanfechtbar bester und romantischster, schmachtend brüskierter Mr. Darcy aller Zeiten (auf dem zweiten Platz ist wohl Colin Firth, allerdings nicht in der BBC-Serie zu "P&P", sondern als Marc Darcy in "Brigdet Jones"). Macfadyen spielt die herrliche Inszenierung in seine ohnehin schauspielerisch gesegneten Karten. Seine Physis, Stimme und Ausdruck sind sozusagen stilprägend für alle zukünftigen Mr. Darcies. Seine Darbietung changiert zwischen Stolz (!) und aristokratischer Haltung einerseits und Nahbarkeit und Verwundbarkeit andererseits und er ist, um es mit Knightleys Worten zu sagen: "This sensitive huge bloke": ein Typ Mann, den man in Hollywood-Hauptrollen leider recht selten antrifft!Weitere hervorragend besetzte Nebendarsteller sind Judie Dench und Donald Sutherland (genial!) und Carey Mulligan! Oder man genieße die sympathisch verletzliche Lächerlichkeit, die Tom Hollander seinem Charakter, einem ungewollten Verehrer Lizzys, verleiht! Und man bedenke dabei den Kontrast zu seinen Rollen in "Pirates of the Caribbean" bzw. "The Night Manager"! Was für ein Schauspieler! Oder man bestaune das frühe Schauspiel der heute allseits bekannten Rosamunde Pike! Auch Rupert Friend spielt hervorragend die Rolle des hinterlistigen Charmebolzen.Dialoge, erzählerischer Schwung, Kulissen, Musik, Bildsprache sind perfekt. Ja selbst die Tiere und das Wetter tragen noch herrlich zur Inszenierung bei!Was hier aber vor allen Details stimmt, sind die Leichtigkeit des Erzählens, der hochfrequente exquisite Humor, die leisen Zwischentöne sowie das Einfangen der Gefühlswelt der jungen Bennett-Schwestern: Ihre Begeisterung, ihre Naivität, ihre Verletzlichkeit, ihr Erleben des ersten Verliebt-Seins, etc. sind meisterlich gestaltet!Synchro & alternatives EndeEs gibt eine hervorragende deutsche Synchronisation und die deutschen Stimmen der Schauspieler sind ganz nahe am Original. So ist ein Schauen in der OV nicht unbedingte Voraussetzung für ein grandioses Film-Erlebnis! Obwohl man sagen muss, dass - obgleich die deutsche Stimme von Macfadyen sehr gut ist - sie doch nicht an den originalen Macfadyen-Schmelz heran reicht!Es existiert eine alternative finale Szene, die vielen wohl das Tüpfelchen auf dem I ist, die aber – wie ich meine zu Recht – für das europäische Publikum als „zu viel/ tonal unpassend“ empfunden und somit weggelassen wurde. Aber sie ist trotzdem ganz nett anzuschauen!Fazit: Wrights "Pride and Prejudice“ ist ein moderner Klassiker, leichtes und unbeschwertes Popkorn-Kino, Liebesfilm par excellence und auch eine ordentliche Portion Komödie, die einfachste Art sich kanonisierter Literatur zu nähern und einfach unverschämt herzerwärmende Unterhaltung. Wie ein warmer Sommerregen für den Filmfan!Falls es bisher noch nicht klar geworden ist: Ich liebe liebe liebe "Pride and Prejudice“. Und im Sinne eines Freundschaftsdienstes (in Mr. Darcys Worten: „in the service of a friend“) kann ich nur zum Kauf raten. Oder, um es mit den Worten der besten Freundin der Heldin zu sagen:„Du wirst ihn bestimmt als sehr liebenswert empfinden!“In diesem Sinne, viel Freude!