Nach ihrem von der Kritik gelobten Debütroman „Gideon the Ninth” und seiner nicht minder erfolgreichen Fortsetzung „Harrow the Ninth” legt die neuseeländsiche Autorin Tamsyn Muir nun mit einem Jahr Verspätung den lang erwarteten dritten Band „Nona the Ninth” ihrer Locked-Tomb-Saga vor.Nona ist ein liebenswerter 19jähriger Teenager in einer apokalyptischen Welt, der unter anderem Hunde mag. Sie hat keinerlei Erinnerungen an ihr früheres Leben, die länger als sechs Monate zurückliegen, und weder sie noch die drei Menschen in zwei Körpern − Camilla Hect, Palamedes Sextus and Pyrrha Dve−, die sich um sie kümmern, wissen genau, wer sie ist. Ihr Körper scheint der von Harrowhark Nonagesimus zu sein, ihre goldfarbenen Augen die von Gideon Nav. Sie verfügt über keine nekromantischen Fähigkeiten, beherrscht aber auch keinen Schwertkampf. Allerdings heilt sie schneller als jeder Lyctor, versteht jede Sprache, und wenn sie einen Wutanfall bekommt, geschehen erschreckende Dinge. Sie arbeitet als Lehrergehilfin und hat sich mit den Schulkindern angefreundet. Ihre Betreuer stehen in Kontakt mit einer zu Blood of Eden gehörenden Rebellengruppe, zu der auch Cornabeth Tridentarius, Crown genannt, gehört und die Judith Deuteros in Gewahrsam hat. Nona begreift nur wenig von dem, was um sie herum passiert. Jeden Morgen muss sie Camilla von ihren Träumen berichten in der Hoffnung, Hinweise auf ihre Identität zu finden. In ihren Träumen erzählt aber auch Imperator John Gaius, wie es zur Zerstörung der Erde und seinem Aufstieg zum Gott kam. Die Menschen in der Stadt, in der Nona lebt, fürchten indessen vor allem Wiederkehr der Nekromanten, die sie Zombies nennen und erbarmungslos verfolgen. Als eines Tages Ianthe the First eintrifft, überschlagen sich die Ereignisse.Wäre alles nach Plan verlaufen, würden wir jetzt schon mit „Alecto the Ninth“ den Abschlussband der Locked-Tomb-Saga in den Händen halten. Doch während des Schreibprozesses entwickelte sich nach Auskunft von Tamsyn Muir „Nona the Ninth“ überraschend von einem Romanabschnitt zu einem eigenständigen Werk, und der geplante Dreiteiler wurde zur Tetralogie. Nun ist es nichts Ungewöhnliches, dass Romanfiguren ein Eigenleben entwickeln. Die Frage ist jedoch, ob es sich gelohnt hat, den Handlungsbogen zu erweitern.Erneut präsentiert uns die Autorin eine unzuverlässigen Erzählerin, denn Nona weiß weder, wer sie selbst ist, noch begreift sie die Geschehnisse um sie herum vollends. Auch der Tonfall ist wieder komplett anders als in den beiden ersten Bänden: War Gideons Erzählstimme schnoddrig, zynisch und großspurig, während Harrow sensibel, nerdig, paranoid und zutiefst traumatisiert war, so ist Nona auf eine kindliche Art scheinbar naiv, unbeschwert heiter und in ihrem Wissen und ihrer Wahrnehmung beschränkt. Sie freut sich vor allem auf ihre bevorstehende Geburtstagsfeier, zu der nicht zuletzt Hunde auf der Gästeliste stehen. Hinzu kommt ein Verwirrspiel aus Namen, Decknamen, multiplen Persönlichkeiten, Gender und Pronomen, wobei letztere unabhängig von sexueller Identität erscheinen. Muirs Sprache ist dabei gewohnt eloquent und voller hintergründigem Humor. Es gibt eine Reihe von Running Gags. Während die erste Hälfte des Buchs vor allem aus der Beschreibung von Nonas Alltag besteht, nimmt die Geschichte in der zweiten Hälfte an Tempo auf bis zu einem actionreichen Höhepunkt. Wann man als Leser durchschaut, wer Nona ist, dürfte vom persönlichen Scharfsinn abhängen. Dass am Ende die Öffnung des geheimnisvollen Grabes auf dem neunten Planeten steht, ist hingegen aus den Kapitelüberschriften von Anfang an klar.„Nona the Ninth“ ist eine lebensbejahende, hoffnungsvolle Erzählung, wobei Nonas liebenswerte, heitere und manchmal einfache Art im deutlichen Kontrast zur düsteren Grundstimmung der übrigen Serie steht. Da die Autorin es darauf anlegt, einen in die Irre zu führen, muss man viel zwischen den Zeilen lesen. Doch auch dann wird man wahrscheinlich nicht alle Anspielungen und jeden Querverweis verstehen. Das macht den Roman aber nicht weniger unterhaltsam. Dass Muir zum zweiten Mal eine Heldin mit Gedächtnisverlust wählt, ist mutig. Doch Nonas kurze Lebensgeschichte könnte nicht unterschiedlicher zu Harrowharks bitterer Erforschung von Trauer und Verlust sein, auch wenn sich hinter der vordergründigen Leichtigkeit dunkle Schatten verbergen, in denen sich wiederum teils Schönes versteckt. Und am Ende steht eine überraschende Wendung.War „Harrow the Ninth“ kein typischer Mittelband einer (damals noch) Trilogie, merkt man „Nona the Ninth“ doch an, dass es die Überleitung zum großen Finale ist. Nicht umsonst kündigt Tamsyn Muir auf der letzten Seite an, dass im kommenden Abschlussband „Alecto the Ninth“ die Hölle losbricht. So fragt man sich dann, ob es wirklich erforderlich war, diesen Teil so ausführlich abzuhandeln. Trotzdem habe ich mich keine Sekunde gelangweilt. Daher mach’s gut, Nona! Wir durften dich nur kurz kennenlernen. Es war schön.Ich hätte gerne 4½ Sterne verliehen, aber das geht leider nicht.(Anmerkung: Nona wäre es wichtig, darauf hinzuweisen, dass im Buch keine Hunde zu Schaden kamen. So mache ich das hiermit.)