★★★★★
k.A.
23.07.2026
ean-shopping.de
Ein faszinierendes und einzigartiges Buch, das einen tiefen Einblick in das Leben von Victor Klemperer bietet, auch wenn es nicht perfekt ist. Die gedruckten Briefe sind eine unschätzbare Quelle für Leser, die sich für die Geschichte interessieren.
Für mich ist das Buch von Victor Klemperer von großer Bedeutung, weil er die NS- Zeit miterlebt hat und dadurch die Geschehnisse ungefiltert mitteilt.
Diese hier ausgewählten Briefe von Victor Klemperer (und an Victor Klemperer) erstrecken sich von 1909 bis 1960; sie sind jeweils Momentaufnahmen aus Klemperers Leben. Der letzte abgedruckte Brief ist von Marta Feuchtwanger an Klemperer, vom 27.01.1960. Eine größerer Lücke in der Korrespondenz befindet sich zwischen den Jahren 1941 und 1945. Die Leser seiner Tagebücher ("Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten: Tagebücher 1933 - 1945") wissen warum. Klemperer hat in den Tagebüchern den immer schwieriger werdenden Überlebenskampf in Dresden sehr präzise festgehalten. Obwohl es vor den Kapiteln (die immer Jahre zusammenfassen) stets eine kurze Einleitung gibt, wird beim Lesen dieses Bandes eine Basis an Wissen vorausgesetzt. Wer die von mir oben angeführten Tagebücher 1933 - 1945 gelesen hat, bzw. den Band mit Auszügen daraus, und noch das erst kürzlich erschienene "Revolutionstagebuch 1919", hat die notwendige Basis. Die Anmerkungen zu den Briefen sind knapp gehalten und befinden sich am Ende des Buchs _ wer das Tagebuchwissen hat, wird wenig oder gar nicht darauf zu greifen. Ca. die Hälfte der abgedruckten Briefe sind aus den Jahren nach 1945 ("Korrespondenzen werden neu aufgenommen: Wer hat überlebt, wie geht es weiter?" - ab Seite 315)."Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen ?" - der Titel dieses Brief-Bandes zeigt die positive Lebenssicht von Klemperer. Besonders deutlich kommt sie z.B. in der Korrespondenz mit seinem Verlag (B.G. Teubner, Leipzig.Berlin) im Jahr 1934 zum Ausdruck, als dieser Klemperer los werden will, ganz höflich und wie nebenbei, aber Victor Klemperer geht darauf nicht ein.Klemperer hatte am 21.11.34 an seinen Verlag geschrieben: "Sehr geehrter Herr Doctor, nach nochmaliger Überlegung vermag ich auf Ihre Anregungen nicht einzugehen und bitte Sie, an unserem Vertrag festzuhalten. Es liegt fraglos keine Notwendigkeit vor ihn aufzulösen. `Imponderabilien` sind nichts eindeutig Bestimmbares, es Stimmungsmomente, die sich ständig ändern. In einem Jahr - und früher beabsichtige ich ja gar nicht, Ihnen den ersten der beiden Bände zu geben - kann schon eine Beruhigung eingetreten sein. (...)", Seiten 97 - 98.In diesen Jahren wandern sehr viele aus Klemperers Umfeld aus; man schlägt ihm auch vor dies zu tun, so z.B. sein Bruder Georg. Er weist es aber entschieden zurück: "Gerade meine jahrzehntelange Beschäftigung mit fremden Literaturen und mein häufiger Ausland-Aufenthalt haben mich gelehrt, daß ich - ich meine zu dauernder Existenz - ganz und gar und ausschließlich nach Deutschland gehöre (...)", Seite 90.Der Chronist Victor Klemperer schreibt meist ausführlich, er überfällt seine Briefpartner nicht ohne höfliche Einleitung, d.h. der Leser eines einzelnen Briefs kann in der Regel - alleine durch Klemperers Text - nachvollziehen, um was es geht. Auch deswegen kann man die Briefe sehr gut ohne die Anmerkungen lesen.Die einzelnen Jahre ziehen schnell vorbei, beim Lesen - gerade den Lesern der sehr detailreichen, präzisen Tagebücher wird das auffallen. Wer die Tagebücher der Jahre 1933 bis 1945 noch nicht gelesen hat, wird es vermutlich nach der Brief-Lektüre nachholen.(J. Fromholzer )
Da fehlt doch was! Ein Fragezeichen, oder ein Ausrufezeichen. Oder doch nicht. Victor Klemperer, der große sprachgewaltige Humanist, Idealist und Philologe lässt das Ende des Satzes offen. Das schelmige Lächeln trägt er nicht nur auf dem Buchcover - auf jedem Bild, das man von ihm kennt, kann er seiner zeitweisen Hoffnungslosigkeit immer noch einen Funken Positivität abgewinnen.Ja, warum soll man denn unbedingt aufhören auf bessere Zeiten zu hoffen.?! Schlimmer kann es nicht werden. Das dachte er, als der erste Weltkrieg begann. Auch als er – studiert, voller Tatendrang, arbeitsbesessen – keine Anstellung fand. Als die Nazis immer breitere Bevölkerungsschichten erreichten. Und schließlich die Macht errangen. Als ganz Europa in Schutt und Asche lag. Schlimmer konnte es nicht kommen. Als man ihm Arbeitsverbot, Publizierungsverbot auferlegte. Es kam schlimmer. Und doch schwebte ein Funken Hoffnung im täglichen Leben mit.In den Briefen, die er schrieb – an Mitstreiter, Familie, Freunde – wird sein Leben so greifbar wie kaum zuvor. Kurze Einblicke in einen kurzen Lebensabschnitt sind es, die den Leser in eine Zeit versetzen, in der man nicht an seiner Stelle gewesen sein möchte. Und trotz alledem stechen die wohl gewählten Worte wie glühende Eisen ins Augenlicht des Lesers. Höflichkeit ist Trumpf. Keine abgehackten auf wenige Zeichen limitierten Tiraden gegen etwas oder wen, sondern exakt formulierte Bitten, Klagen und dabei so voller Zuversicht und Ehrerbietung dem Empfänger und voller Respekt der deutschen Sprache gegenüber. Eine echte Wohltat dem Künstler, der aus tiefster Überzeugung gar nicht anders konnte als dem am breitesten Kulturgut eines Volkes, der Sprache, zu folgen.Sein Hauptwerk „LTI – Lingua Tertii Imperii“, in dem er die Sprache des so genannten Dritten Reiches unter die Lupe nahm, ist erschreckend, wenn man die Verformungen heutzutage wahrnehmen muss. Ein Buch, das heute mehr denn je gelesen – und vor allem – gelehrt werden sollte. Denn Sprache ist Leben und Tod zugleich. Twitternachrichten als Regierungserklärung, die für jedermann sofort und ungefiltert erreichbar sind, bergen mehr als nur ein Risiko. Denn die Reaktionen folgen postwendend. Und meist im gleichen Stil. Ohne nachzudenken reagiert man auf das, was einfach mal so rausgeblasen wird. Oder man reagiert nicht minder langsam, auf Provokationen, statt selbst zu agieren, und dem Stumpfsinn eigene Ideen und Argumentationen entgegenzusetzen.Es ist eine Freude den Gedankengängen Victor Klemperers zu folgen. Man erschrickt vor so viel Courage und Zuversicht in der dunkelsten Zeit, man staunt über die Vielfalt der Worte der eigenen Sprache und hofft wie in einem spannenden Thriller auf ein gutes Ende. So wie der Autor, der sich letztendlich doch bestätigt fühlen konnte: Irgendwann ist dann doch Schluss mit dem „Schlimmer geht’s immer“.