Ich lese Anke Ballmanns Buch „Seelenprügel“ und denke: „Volltreffer, Knaller, Seelenbalsam“. Spontan fällt mir ein alternativer Buchtitel ein: „Seelenprügel – Eine Liebeserklärung an Kinder, Eltern UND Erzieher*innen“.An Erzieher*innen? JA! Unbedingt!Wer nicht nur den Buchtitel liest, sondern das ganze Buch, kann aus meiner Sicht nicht umhin, sich von seiner etwaigen Erstbewertung zu verabschieden. Ich verfolge die zum Teil hitzig geführten Diskussionen um Anke Ballmanns Buch und weiß, dass nicht wenige Fachleute nur aufgrund des Buchtitels zu der Auffassung gelangen, dass es sich hier um ein aufmerksamkeitserzeugendes Pädagogenbashing handelt. Hier muss ich sehr deutlich wiedersprechen. Anke Ballmann gelingt es ganz wunderbar, einerseits den Finger in die Wunde zu halten und pädagogisches Fehlverhalten an Kitas sehr deutlich zu benennen. Andererseits schreibt sie immer wieder überaus wertschätzend über all die wunderbaren Erzieher*innen, die es heute an ihren Einrichtungen auch deswegen so schwer haben, weil sie selbst – wie auch die Kinder und Eltern - mit den „faulen Äpfeln“ zusammenarbeiten müssen. Ich bin Lehrer und weiß, dass es in nahezu jedem pädagogischen Team Fachkräfte gibt, die Gift versprühen und mit einer kaum auszuhaltenden Dominanz unterwegs sind. Gerade junge, engagierte Pädagog*innen haben es an der Seite solcher Kolleg*innen unglaublich schwer.Ja, der Titel „Seelenprügel“ hat es in sich. Aber abgesehen davon, dass es noch nie, nie sinnvoll war, sich allein vor dem Hintergrund eines Buchtitels ein differenziertes Bild zu machen, möchte ich nachfragen, ob es sinnvoller gewesen wäre, wenn Frau Ballmann zum Beispiel folgenden Titel gewählt hätte:„Integritätsverletzungen an Kitas“Wer hätte es gelesen? Für mich steht fest: Je mehr Menschen dieses Buch lesen, desto besser! Auch deswegen halte ich den Titel für absolut passend.Ich bin sehr dankbar dafür, dass endlich eine aus der Praxis kommende Expertin den Mut aufgebracht hat, über all die entwürdigenden Grenzverletzungen zu berichten, die an Kitas definitiv stattfinden. Anke Ballmann bezieht sich nicht auf Vermutungen, Ahnungen oder die „Stille Post“. Sie war dabei. Sie saß inmitten der Kinder, die beschimpft, bloßgestellt und erniedrigt wurden. Sie hat sie erlebt, die „Marias“ dieser Welt, die gegen Mütter einen hohen Aggressionspegel aufbauen und an den Kindern auslassen. Sie kennt sie, die „Amelies“, die keine „fabelhafte Welt“ anbieten, sondern eine Schreckensherrschaft: „Amelie kostet die Situation richtig aus. Gerade der Jakob, der immer so lästig ist, total ausgebremst zu sehen, erfreut sie zutiefst. `Na, Herr Gescheit, so klug war das wohl nicht von dir. Und was machst du jetzt?`“ Sie beobachtete die „Gundulas“, die ihre Tyrannei damit begründen, dass sie „das“ ja nur machen, „… um die Kinder stark und hart für ihr späteres, ja mit Sicherheit auch hartes Leben zu machen“.Anke Ballmann hebt ihre Stimme, um den „feigen Weg des Schweigens“ zu beenden. Sie macht all den Müttern Mut, die an ihren Bauchgefühlen zweifeln und nicht als „Helikoptereltern“ dastehen wollen.Die „Domäne des Stocks“ ist vorbei, jedoch dominiert in vielen Pädagog*innen-Köpfen noch immer die Überzeugung, dass man bereits kleine Kinder bestrafen und kleinhalten müsse. Nach dem Motto: „Früh übt sich, was ein Dübel werden soll!“ Die heute stattfindenden Integritätsverletzungen sind auch deswegen teilweise so schwer zu erkennen und zu beanstanden, weil sie eher unauffällig passieren und daher oft nicht ernstgenommen werden: „Seelenprügel bluten nicht, man sieht sie nicht, also tun sie auch nicht weh!“ An vielen Einrichtungen – so Anke Ballmann – wird geschwiegen, verharmlost und einfach so weitergemacht wie bisher. Nicht selten auch unter Zuhilfenahme des Märchens vom ominösen „Früher“. Hier schreibt die Autorin sehr klar:„Wer unbedingt wieder sein `Früher` haben will, der darf das gerne tun, aber dann bitte mit allen Konsequenzen: Smartphone und PC sofort abgeben, nur noch mit der Kutsche reisen und sich ausgestattet mit einem vorsintflutlichen Waschbrett ans Ufer des nächsten Flusses begeben. Und vor allem weg mit moderner ärztlicher Versorgung und, ach ja, beim Zahnarzt keine Betäubung mehr – viel Spaß im schönen `Früher`! Voll und ganz wie früher, aber dann bitte mit allen Konsequenzen – wie bei der antiquierten Erziehung: Wer nicht hören will, muss fühlen.“Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, sei angedeutet, dass Anke Ballmann zum Teil sehr resolut zur Sprache bringt, dass ihrer Ansicht nach viel zu oft und viel zu lange über zweite Chancen für Seelenprügel-Erzieh*innen geredet wird. Hier müsse man auch auf der Führungsetage deutlich schneller handeln: „Es wird Zeit, dass weniger geredet und mehr gehandelt wird. Und mit Handeln meine ich das beinharte Kündigen von Kita-Personal, das für diesen Beruf nicht geeignet ist, Seelenprügel verabreicht und als Resultat ihres Wirkens unglückliche und traumatisierte Kinder in die Welt entlässt.“Anke Ballmann gelingt es auf eine griffige, nachvollziehbare, sprachlich gewandte und nicht selten auch sehr humorvolle Art und Weise, unhaltbare Missstände zu benennen. Bisweilen laufen dem Leser gleichzeitig Lach- und Trauertränen über die Wangen. Hinzu kommt – und das ist eine besondere Stärke des Buches –, dass die Autorin in ihren kritischen Beschreibungen nicht „steckbleibt“. Der Leser wird glücklicherweise nicht „entlassen“ mit der Einsicht, dass alles ganz furchtbar ist und mit Sicherheit auch bleiben wird. Ganz im Gegenteil: Frau Ballmann schaut nach vorne, skizziert Auswege und erörtert Perspektiven, die Mut machen. Die Autorin steht für eine „Neue Haltung, (ein) neues Handeln, weil es einen anderen Weg gibt.“Ich empfehle, Anke Ballmanns Buch „Seelenprügel“ tatsächlich zu lesen. Von Anfang bis zum Ende. Vom Cover bis zum Buchdeckel. Vom Titel bis zum Dankeswort.„Seelenprügel“ ist ein Buch von einem wundervollen Menschen für wundervolle Menschen.Andreas Reinke