Als Kriegsdienstverweigerer erinnere ich mich noch gut an den Schulungsfilm „Dann werden Sie doch schießen“. Wir angehenden Zivildienstleistenden wurden für vier Wochen regional zusammengezogen, bei mir war das damals im tiefen Süden in Geretsried, Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Auf dem Programm stand Praxis und Theorie rund um den „Ersatzdienst“. An einem Tag schauten wir, junge Männer um die zwanzig, einen Dokumentarfilm über junge Männer um die zwanzig bei der Bundeswehr. Wie sie ihren Spind in Ordnung zu halten hatten, wie sie die Bettdecke korrekt zusammenzulegen hatten, wie der intellektuell unbeholfene Unteroffizier streng sein musste. Danach Spindsaufen. Die jungen Soldaten wurden gefragt, warum sie „dienten“ (nun ja, wie kannten ja die anderen Jungs aus unseren Jahrgängen, die zum Bund gegangen waren ... Alles echte Helden). Es war, wie wir erwarteten: Niemand wollte einen schrumpligen Hintern mit dem Waschlappen säubern, außerdem dauerte der Militärdienst ein paar Monate weniger – und wenn man es geschickt deichselte, konnte man nach der Grundausbildung „einen ruhigen Dienst schieben“ und sogar zuhause bei Mami schlafen. Als die Antworten auf die Frage, ob die jungen Soldaten im Falle des Falles ihr Gegenüber töten würden, eher bedeckt bis negativ ausfielen, musste unsere bunte Runde aus angehenden Investmentbänkern, dauerbekifften Billardspielern und Möchtegernpoeten herzlich lachen. Wir wussten es schon immer, dass die wahren Pazifisten beim Bund stramm standen. Was für armselige Würstchen. Was haben wir gelacht.Das ist jetzt auch schon wieder zweieinhalb Jahrzehnte her und ich habe nicht den Eindruck, dass seit der Aussetzung der Wehrpflicht die Gesellschaft militärischer geworden wäre. Im Gegenteil. Die „Truppe“ oszilliert irgendwo zwischen verkrampften Auslandseinsätzen, Rechtsextremismus, Bonner Verteidigungsministerinnnen und einem propagierten Image als „Bürger in Uniform“. In Wahrheit ist sie der großen Mehrheit schnurzpiepegal. Solange man nicht gerade hinter einem Deich wohnt, der bricht, braucht man keine Soldaten. Das Militärische ist heute in Deutschland, vielleicht sogar in ganz Europa, keine Kategorie mehr.Sebastian Haffner hat die Biographie Churchills, die ursprünglich in der Monographie-Reihe von Rowohlt erschien, kurz nach Churchills Tod 1965 geschrieben. Haffners Buch erschien zum ersten Mal im Sommer der Liebe 1967; sechs Jahre nach dem Mauerbau, zwei Jahre vor der Mondlandung, ein Jahrzehnt vor dem „deutschen Herbst“. Man riecht den Tabak zwischen den Zeilen. Haffner, der von 1938 bis 1954 im Exil in England lebte, Jahrgang 1907 und damit um schlappe 33 Jahre jünger als Churchill – also eine gute Generation jünger – ist bereits zum Zeitpunkt der Niederschrift bewegt von der Bewunderung und des Anachronismus, den der zweimalige britische Premierminister für ihn verkörpert. Winston Churchill hat im ausgehenden 19. Jahrhundert die letzte Kavallerieattacke der Briten mitgeritten! Er hat ein halbes Jahrhundert später Hitler die Stirn geboten, als die Amis noch mit sich selbst beschäftigt, die Franzosen besiegt waren und Russland ernsthaft dachte, man könnte mit Hitlerdeutschland paktieren. We shall fight them on the beaches. Ein weiteres halbes Jahrhundert später wird die Churchill-Statue vor der Westminster Abbey mit kritischem Graffiti überzogen und rundum verpackt, um sie vor weiteren Beschädigungen zu schützen. Boris Johnson twittert, dass Churchill ein Held sei. Demonstrationen werden verboten, nicht nur wegen Covid-19 (die Spanische Grippe, nur am Rande bemerkt, findet in keinem Absatz eine Erwähnung in Haffners Biographie), sondern weil die Behörden Angst haben vor Auseinandersetzungen zwischen rechten und linken Demonstranten. Churchill, der rassistische Antifaschist!Diese heutigen Auseinandersetzungen sind nicht banal, sondern richtig und wichtig, aber sie lenken von einer noch tieferen Diskussion ab. Es ist die Diskussion um das Militärische. Churchill sei, obwohl wie Stalin und Hitler doch ein Amateurstratege (sprich: kein Berufmilitär), unterm Strich doch einer der größten Feldherren aller Zeiten, konstatiert Haffner an einer Stelle seiner Biographie. Churchill, so (nicht nur) Haffner, war Krieger durch und durch. Haffner wagt sich weit hervor, indem er schreibt, dass Churchill den Krieg sogar geliebt habe. Dass Churchill schließlich 1940 doch noch Premierminister wurde, hatte seinen Grund darin. Wenn er etwas verstand, dann das Kriegshandwerk!Bezeichnungen wie „Kriegshandwerk“ oder gar „Feldherr“ sind gut fünfzig Jahre später von der Sprachlandkarte verschwunden. Die Verteidigung ist schon seit Längerem der neue Krieg; der Einsatz gegen Sturmfluten und das Retten von Deichen haben das Kriegshandwerk erweitert. Das Militärische hingegen ist keiner Diskussion wert. Man wundert sich über die vielen Flüchtlinge aus Syrien (dass dort seit Jahren Krieg herrscht – Who cares?) und Europa als Friedensprojekt, wie es auch dem Krieger Churchill vorschwebte, Europa, die Vereinigten Staaten von Europa, als die Folge aus dem WK II, ist heutzutage Pusteblume und verschwindet hinter der Frage, welches EU-Mitgliedsland wieviel Milliarden aus Brüssel zugeschoben bekommt und wer das eigentlich bezahlt (und warum).Von daher ist Haffners wie stets vorzüglich geschriebene Biographie auf mindestens zwei Ebenen interessant und lesenswert. Natürlich als Biographie und Zeitgeschichte des außergewöhnlichen Politikers und Menschen Winston Churchill, andererseits liest sich das aus dem Jahr 2020 heraus auch als eine Auseinandersetzung mit dem Militärischen. Der Krieg ist nicht verschwunden, er wird nur nicht mehr gesehen.