★★★★★
k.A.
30.04.2026
ean-shopping.de
Hiob ist ein faszinierendes und tiefgründiges Werk, das die menschliche Existenz und große Themen aufgreift. Die Erzählweise ist sehr fesselnd, auch wenn einige philosophische Aspekte für manche Leser etwas anspruchsvoll sein können.
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k.A.
30.04.2026
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Tolle Lektüre
Für mich war die Entdeckung des Jahres der Schriftsteller Joseph Roth (1894-1939), der in Galizien, damals zur k.u.k.-Monarchie gehörend, geboren wurde. Seine literarischen Themen kreisen um Aspekte, die mit seiner Biographie zusammenhängen: Das (osteuropäische) Judentum, der Niedergang der k.u.k.-Monarchie, Krankheit, Wahnsinn, Entwurzelung und Verlorensein. Von den bislang gehörten Romanen "Radetzkymarsch", "Hiob", "Hotel Savoy" und "Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht" hat mir der "Hiob" am besten gefallen. Der Protagonist ist der Jude Mendel Singer, der mit seiner Frau und den 4 Kindern als armer Lehrer in Russland lebt. Der jüngste Sohn ist behindert zur Welt gekommen, er kann weder gehen noch sprechen. Die älteren Söhne werden zu Militär eingezogen, die Tochter pflegt einen losen Lebenswandel mit Soldaten. Der zweitälteste Sohn entzieht sich dem Militärdienst mit Hilfe seiner Mutter und gelangt nach Amerika. Er realisiert den "American dream", verdient leidlich Geld und möchte seine Familie nachholen. Nur den Jüngsten, Menuchim, glauben sie aufgrund seiner Behinderung nicht mitnehmen zu können, obwohl der Rabbi der Mutter eine strahlende Zukunft und völlige Genesung vorhergesagt hatte. In Amerika verbessert sich zwar die materielle Lage, aber das schlechte Gewissen wegen Menuchim plagt Mendel Singer. Weitere Schicksalsschläge treffen ihn, und im Gegensatz zum biblischen Hiob hält Mendel Singer Gott nicht die Treue. Doch dann taucht der totgeglaubte Menuchim als völlig gesunder Mensch und begnadeter Musiker in New York auf und kümmert sich um den Vater und die psychisch kranke Schwester.In diesem Roman, wie auch in anderen Texten Roths (Hotel Savoy) ist Amerika das Symbol des gelobten Landes, die Verheißung auf ein besseres Leben. Verständlich, denn Amerika versprach im 19. Jh. einen Ausweg aus den ärmlichen Verhältnissen von Teilen der Landbevölkerung Europas und gerade auch für Juden bis Ende 30er-Jahre, insbesondere für die deutschen Juden. Selbst für Franz Kafka war Amerika ein Lichtblick und sein leider unvollendet gebliebener Roman "Amerika" lässt einen sanften Opimismus durchscheinen, den man sonst in seinem Werk so nicht findet.Was hat mich für die Texte Roths so eingenommen? Vielleicht ist es ja unter anderem dieses Element - Amerika als Symbol der Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben, ein Entkommen aus der Enge Europas. Vielleicht auch diese menschliche, fast liebevolle Darstellung menschlichen Leids, menschlichen Verlorenseins in der Welt, der Entwurzelung der Menschen, die Sehnsucht empfinden, aber doch nicht wissen, wo sie hingehören.
Die Parallelen zum biblischen Hiob (und anderen biblischen Geschichten) sind deutlich, aufschlussreich sind aber die Abweichungen. Mendel Singer ist nicht wie Hiob reich und mächtig, sondern ein unbedeutender kleiner Toralehrer, der im Vergleich zu seiner Familie - der vitalen, ehrgeizigen Frau Deborah, der lebensgierigen Tochter Mirjam, den beiden gesunden Söhnen Schemarjah und Jonas reichlich schwächlich und weltfremd wirkt. Nur in dem geistig und physisch behinderten Kind Menuchim kann er sich wiedererkennen: "Du bist mein wirklicher Sohn!" (43).Mendels Entschluss, nach Amerika zu gehen, ist kein Versuch, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und sein Glück zu machen, sondern eher ein Weglaufen vor den Problemen in seinem Leben: Er möchte nicht, dass Mirjam sich mit den Kosaken einlässt, und er lässt Menuchim in der Pflege fremder Leute zurück.In Amerika geht es den Singers nicht eigentlich schlecht: Schemarjah hat zunächst Erfolg, Mirjam nimmt sich alle Freiheiten, die sie braucht. Daran und an den Zeitläuften gehen Mendel und seine Familie aber zu Grunde: die Söhne fallen im Krieg (vom zweiten gesunden Sohn Jonas nimmt Mendel es an), Mirjams "Freiheit" schlägt in Verzweiflung und Irrsinn um, und Mendel, der sich ohnehin in Amerika immer als Fremder fühlte, wird zusehends von Schuldgefühlen geplagt, weil er Menuchim verlassen hat. Mendels Unglücksschläge sind also - im Gegensatz zu Hiobs - teilweise selbst verschuldet: Er hat sich nicht aktiv um Deborah und Mirjam gekümmert und ist seiner moralischen Verantwortung für Menuchim nicht gerecht geworden.Als Mendel wie Hiob von den Unglücksschlägen heimgesucht wird - seine ganze Familie wird in gewisser Weise dahingerafft -, verliert er - im Gegensatz zu Hiob - fast gänzlich seinen Glauben: Er verwünscht Gott und vegetiert nur noch dahin. Als er sich endlich entschließt, noch einmal Menuchim in der alten Heimat aufzusuchen, also letztlich seiner moralischen Verantwortung gerecht zu werden, geschieht das "Wunder", das ihm die Augen öffnet. Und im Zuge dieser wunderbaren Ereignisse wird Mendel dem Leben wiedergeschenkt. Auf einmal öffnet sich ihm die amerikanische Gegenwart, die ihm bis dato nur fremd und sogar unheimlich gewesen war, und Mendel erkennt: "Ein schlechter Vater war ich" (187). Dabei denkt er an Menuchim und Mirjam.Der biblische Hiob musste reich und schuldlos sein, um seine Fallhöhe im Unglück und seine Unerschütterlichkeit im Festhalten an Gott zu demonstrieren. Mendel Singer ist ein Durchschnittsmensch, sein Glaube ist erschütterbar, seine eigene Schuld und sein Schicksal sind untrennbar miteinander verwoben.Joseph Roths Buch ist ein Klassiker, weil die "Legende" in einem einprägsamen, sinnlich-anschaulichen Stil geschrieben ist. Sie ist holzschnitthaft-einfach geschildert - vielleicht auch immer nah an Stereotypen - aber voller emotionaler Tiefe. Das "Wunder" am Schluss ist auf meisterliche Art und Weise in Szene gesetzt, so dass einem beim Lesen die Tränen kommen können. Auch wenn man an dem Status dieses wunderbaren Buches nicht rütteln mag, so frage ich mich doch, wie die Geschichte ausgegangen wäre, wenn sich das Wunder nicht ereignet hätte - wie es ja wohl im wirklichen Leben zu gehen pflegt.
Dieser wunderbare, kleine Roman enthält alles, was menschliches Leben auszeichnet, und dies verpackt in die Geschichte der Wirren der Zeit zu Anfang des 20. Jahrhundert. Joseph Roth erzählt die Geschichte der Familie Mendel Singer: leicht und beherzt schildert er das schwierige Leben der jüdischen Familie in Galizien, das Unglück, welches mit der Geburt eines behinderten Kindes über die Familie kam, die grausamen Hänseleien, die dieses Kind zu ertragen hatte, die kleinen Freuden des Alltags, den Auszug der Kinder aus dem Haus, das Verblassen der Liebe im Einerlei des Alltags, den körperlichen Verfall, Wahnsinn und Tod und schließlich das unfassbare Glück.„Wer kein Unglück hat, glaubt auch nicht an Wunder.“ Wunder aber, die gibt es in diesem Leben der Familie. Wer über Wunder so glaubhaft schreiben kann, wie Roth, der ist ein Großer.Roths Roman überdauert seine Zeit nicht wegen seines religiösen Bezugs, sondern weil er sich einfühlt in den ewigen Puls des Lebens. Das Leben hält dem Unglück, der Trauer, der Bitterkeit stand. Und sind die Schläge des Lebensschicksals noch so hart, es keimt doch immer wieder die zarte Pflanze des Glücks auf, sie wächst und gebiert auch wieder Gutes und Schönes. Der Roman zerfließt daher auch nicht in Pessimismus oder Melancholie, sondern hält die Waage, in deren Ausgleich sich auch jedes Leben trotz aller Irrungen und Wirrungen bewegt.